Lebenskonzepte: Die Realität benötigt unsere Zustimmung nicht

Unsere Erwartungshaltung scheint uns logisch, denn sie beruht auf Erfahrung, Beobachtung und anderen biografischen Faktoren, die uns schlüssig erscheinen. Es ist generell auch eine gute Idee, dass man sein Verhalten und seine Erwartungen an das selbst erlebte oder einem schlüssig erscheinende anpasst. Aber es ist eben nur eine Perspektive, die von unserer Biografie bestimmt wird, die wir selbst aber nur zu einem sehr geringen Teil „frei gewählt“ haben. Es gibt aber über 8 Milliarden Menschen und damit 8 Milliarden Biografien und deshalb frage ich, wie es Deichkind in ihrem Video fragen: „Wer sagt denn das?

Ich nehme nun mal ein Beispiel, das ich gut kenne und bei dem ich aus den Vollen schöpfen kann: Mich selbst. Es gibt Dinge, die setze ich auch als völlig offensichtlich voraus, aber wenn ich es im großen Rahmen denke, dann muss ich mir eingestehen, dass meine linken Ideologien keine offene Schlussfolgerung zur Folge haben. Hier also ein paar Thesen, die ich mal ergebnisoffen versuche zu hinterfragen. Diese Thesen spiegeln kein wasserdichtes Konzept oder Überzeugung dar und die verschiedenen Perspektiven auf diese Thesen stellen absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn sie kommen ja aus meinem physisch und psychisch beschränken Hirn.

Jeder Mensch ist gleich viel wert

Das würde ich so „raus hauen“ und ich bin der Meinung, dass die meisten Menschen dem auch so zustimmen würde (es wird uns im Rahmen des Grundgesetztes auch schon in der Kindheit suggeriert). Allerdings fängt es schon bei der Definition von „wert“ an: Ist damit der soziale, der rechtliche, der ethische oder sogar der monetäre Wert?

Aus sozialer Sicht, gibt es kaum einen perverseren Begriff als in der Politik häufig genutzt: „Die sozial schwachen“. Damit sind Menschen gemeint, die „ökonomisch“ eingeschränkt sind, also wenig Geld zur Verfügung haben. Schaue ich in meine Nachbarschaft, ich wohne in einem Wohnblock, der ehemals „sozialer Wohnungsbau“ war (staatlich gefördert für Menschen mit geringem Einkommen). Die Menschen hier haben oft wenig, leben von staatlichen Leistungen wie Bürgergeld oder gehen für ihr Geld Jobs als Geringverdiener nach (Reinigung, Gastronomie, …). Trotzdem sind viele ausgesprochen „sozial“ stark, denn sie bepflanzen eigeninitiativ Grünflächen, unterstützen den Nachbarn im Rollstuhl mit Spaziergängen und Einkäufen oder organisieren gemeinsame Nachbarschaftstreffen mit gemeinsamen Grillen und Spielen.

Schaue ich mir die „rechtliche“ Gleichheit an, so fällt mir spontan die USA ein, bei der die ärmere Gesellschaftsschicht für den Besitz und Konsum von „Crack“ lebenslange Haftstrafen erhält, während die reichere Gesellschaftsschicht für den Besitz und Konsum von „Kokain“ wesentlich kürzere Strafen zu erwarten hat. Dabei muss man wissen: „Kokain“ ist der teure, unvermischte Rohstoff, während „Crack“ die günstigere Variante ist, denn es ist „Kokain“, dass mit Backpulver/Natron gestreckt wird. In Deutschland denke ich an Steuerhinterziehung oder Raub: Während die ärmere Bevölkerungsschicht stiehlt (und ich rede hier nicht von Straftaten mit Einwirkung von Gewalt), um an ein paar hundert bis tausend Euro zu kommen, kann eine reiche Person Millionen unterschlagen und erhält dafür häufig nicht einmal eine Haftstrafe.

Beim „monetären“ Wert kann ich die Sache aus so vielen Blickwinkeln betrachten, dass ein eigener Beitrag nötig wäre! Geht es darum, was die chemischen Elemente im Körper wert sind, dann sind fettleibige Menschen oder Personen mit ausreichend Restkokain oder Heroin wohl „wertvoller“. Geht es um deren Arbeitsleistung, gibt es schon viele Betrachtungsweisen (körperliche Arbeit? geistige Arbeit? psychische Arbeit?). Oder geht es darum, was man an Vermögen an seine leibliche Person gebunden hat (kurz „Vermögen“)?

Und letztlich komme ich zur Perspektive auf uns selbst: Wie sehe ich meinen Wert? Weshalb halte ich mich für wertvoller oder weniger wertvoll als andere Menschen? Sind Stars, Celebrities oder vermögende Personen aus meiner Sicht mehr wert als ich? Welche Menschen sind aus meiner Sicht weniger wert und warum? Auch dazu kann man Bücher oder sogar ganze Bibliotheken befüllen.

Die Menschheit sollte immer intelligenter werden

Eine romantische Vorstellung: Jede Generation lernt mehr über die Welt als die vorherige. Dadurch entwickelt sich eine immer „perfektere“ Gesellschaft mit mehr Kultur, Wissen, Technik, Möglichkeiten und steigendem Wohlstand für alle Menschen. Alle profitieren und irgendwann gibt es keine negativen Auswirkungen mehr, alle sind glücklich und wir können uns alle auf die Art und Weise verwirklichen, die „für uns am besten“ ist.

Der IQ spiegelt nur bestimmte Aspekte wider und es ist kein Wert, den man eindeutig messen kann, wie z. B. den Blutdruck oder die Anzahl der Haare auf dem Kopf. Er stieg bis in die 90er Jahre jedes Jahr an, seitdem stagniert der IQ oder sinkt teilweise sogar wieder. Aber hat uns dieser Anstieg gesellschaftlich etwas gebracht? Nun kann man argumentieren, dass heute jeder eine Waschmaschine, einen Fernseher und eine Krankenversicherung hat. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass wir mehr Ressourcen verbrauchen als wir benötigen, die körperlichen Aktivitäten nachgelassen haben und Krankheiten durch mangelnde Bewegung auf dem Vormarsch sind. Ähnlich kritisch könnte man es mit der Krankenversicherung sehen, denn damit trägt die Gesellschaft die selbstzerstörerischen Eigenschaften von Personen (z. B. Nikotin- und Alkoholkonsum, Fettleibigkeit, Bewegungsmangel, …) genauso wie die Kosten für Behinderungen, Unfallfolgen oder Folgeschäden von Erkrankungen. Klingt total unethisch das zu hinterfragen, aber aus Sicht der Evolution sind das alles Maßnahmen, die gegen die Selektion arbeiten (betrachtet man die Entwicklung über Jahrtausende).

Vielleicht ist es im Gegenteil sogar absolut verheerend, dass wir intelligenter werden! Die Entwicklung dieser Ressourcen fressenden Techniken wird wahrscheinlich noch von solch monströsen Erscheinungen wie Atomreaktoren und Atomwaffen übertroffen, zumindest was ihr Potential angeht. Der Höhlenmensch konnte mit seiner Keule keine ganzen Städte ausradieren und auf Jahrtausende verseuchen. Die Armbrust galt mal als teuflisches Werkzeug, weil sie die Rüstungen der Ritter und Edelmänner durchschlagen konnte, wie lächerlich das heute im Verhältnis zu modernen Waffen wirkt.

Andersherum kann uns die technische Entwicklung auf Grundlage höherer Intelligenz dazu bringen die Erde zu verlassen und den Weltraum zu besiedeln. Eine interstellare Katastrophe wie der Meteoriteneinschlag vor 66 Millionen Jahren hat den Großteil aller Saurier ausgelöscht (es blieben die heuteigen Vögel als nächste Verwandte), dieses Schicksal würde einer Spezies erspart bleiben, die bereits andere Planeten oder sogar andere Galaxien bewohnen. Da fällt mir ein Witz ein: „Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine: ‚Du siehst ja übel aus, was ist denn mit dir los?‘ Antwortet der andere: ‚Ach ich glaub, ich hab Homo sapiens.‘ Darauf der erste: ‚Ach so, keine Sorge, das geht vorüber.‘“

Das Thema, ob etwas für die Menschheit „schlecht“ oder „gut“ ist, würde ich grob danach aufteilen, ob es um das „kurzfristige“ oder das „langfristige“ Überleben geht (und gar nicht so sehr, welche Lebensqualität damit verbunden ist). So kann ich auch die Perspektive auf die drohende Klimakatastrophe, Weltkriege oder Pandemien danach wechseln, welchen Zeitraum ich betrachte. Wobei die Perspektive meistens weniger mit den persönlichen Lebensumständen zu tun hat.

Die Realität benötigt unsere Zustimmung nicht

Aber ganz unabhängig davon, welche dieser Thesen wir wie gewichten, annehmen oder ablehnen, verurteilen oder anstößig finden: Unsere Meinung ist eine Perspektive, die tatsächlichen Umstände sind ein Faktum. Wir identifizieren uns mit den Gedanken, die unser Gehirn uns auftischt, weil wir diese Gedanken für real halten. Allerdings können wir zum absoluten Großteil nicht beeinflussen, was unser Gehirn uns da auftischt, denn es ist eine unmittelbare Reaktion auf Basis unserer ganz persönlichen Erfahrung und der Art und Weise, wie das Gehirn diese abgespeichert hat (und wie ich in vergangenen Beiträgen schrieb, diese Wahrnehmung und Speicherung von Ereignissen ist extrem selektiv und in kaum einer Weise neutral). Ich würde unsere Gedanken eher als Reflex betrachten, was uns so durch den Kopf geht! Ein Vorschlag, eine Möglichkeit die Dinge zu sehen, ein Ergebnis, das auf Grundlage von ganz individuellen Voraussetzungen entstanden ist, eine Zahl im Casino des Lebens, die durch einen Wurf mit unseren ganz persönlich gestalteten Würfeln eine Mögliche Kombination darstellt, nicht die einzige und wahre Möglichkeit.

Es ist verständlich, dass wir der Meinung sind, etwas sollte so sein, wie unser Gehirn es uns als folgerichtig „vorschlägt“. Aber die Realität hält sich dabei eben nicht an den Vorschlag, den unser Gehirn da auf Grundlage unserer Erfahrungen und Sozialisation „auswirft“! Ich kann noch so sehr der Meinung sein, dass man keinen Müll auf die Straße wirft: Die Menschen werfen Müll auf die Straße (1:0 für Realität)! Ist das langfristig gut oder schlecht für mich oder die ganze Menschheit? Das ist nicht die Realität, das ist meine Sicht der Dinge und der Vorschlag meines Gehirns, wie ich die Sache gerade sehen „könnte“. Diese Person hat vielleicht einfach noch nie darüber nachgedacht, so wie Du vielleicht noch nie über „Gliazellen“ nachgedacht has?! Oder ich bin der Meinung jemand sollte mir „die Wahrheit sagen“? Ich bekomme aber nicht die Wahrheit zu hören, die mein Gehirn mir gerade als „Vorschlag der Wahrheit“ präsentiert, weil die Personen von seinem Gehirn einen anderen Vorschlag als Antwort erhält (2:0 für die Realität).

Das können wir nun unser ganzes Leben lang so weiter machen, mit unserer Realität (und damit auch mit den anderen Menschen) in Konflikt treten und uns abrackern die Realität so zu verbiegen, dass sie zu den Vorschlägen unseres Gehirns passen. Oder wir akzeptieren als erstes die Realität, hinterfragen dann einmal den Vorschlag unseres Gehirns und machen uns dann klar, dass andere Gehirne vielleicht ganz andere Vorschläge haben. Und dass die Menschen sich diese Vorschläge genauso wenig aussuchen können, wie wir unsere Vorschläge dem Gehirn vorschreiben können. Und wenn unser gegenüber nicht in der Lage ist die Vorschläge des Gehirns nur als Vorschlag zu werten, dann liegt das meistens nicht an Vorsatz, sondern an mangelnder oder fehlgeleiteter Erfahrung, der eigenen Biografie verschuldet. Auch da kommt mir ein Bild in den Kopf: Ein Vater ohrfeigt seinen älteren Sohn mit dem Hinweis, dass dieser seinen jüngeren Bruder gefälligst nicht schlagen solle. Der Vorschlag seines Gehirns scheint ihm schlüssig, ist von außen irrational, den er schlägt ja gerade selbst den vermeintlich schwächeren. Wie häufig rechtfertigen wir unser Handeln, während wir die gleiche Handlung bei anderen verurteilen, weil unsere Gründe natürlich ganz andere (bessere) sind!? Der Realität ist das absolut egal, wie wir es beurteilen und womit wir es argumentieren. Die Realität zieht ihr Ding durch und wir sollten uns überlegen, ob unsere Sicht darauf etwas an der Realität ändert oder ob wir nicht vielleicht erkennen können, warum die Realität (äquivalent das Verhalten der Menschen) vielleicht so ist. Denn unsere Gedanken, die Vorschläge unseres Gehirns, die können wir sehr wohl reflektieren und weitere Vorschläge „erdenken“, um die Realität und unsere Gedanken in Einklang zu bringen. Oder nach Byron Katie: „Lieben was ist“ (und erst dann reagieren und gestalten).

Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

Schreibe einen Kommentar