Manipulation durch Selektion

Manipulation in Medien zeigt sich nicht nur dadurch, dass Unwahrheiten berichtet oder einseitige Stellungnahmen veröffentlicht werden. Vielmehr geht die Beeinflussung der Leser, Zuschauer oder Hörer schon damit los, worüber denn überhaupt berichtet wird – und worüber nicht. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür konnte man gerade beobachten.

Was war das im letzten Jahr für ein mediales Brimborium, als es darum ging, dass Frauke Brosius-Gersdorf ans Bundesverfassungsgericht berufen werden sollte und es dann aufgrund einer üblen Kampagne von Springer, CDU und AfD doch nicht wurde (s. hier). Neben einer verzerrten Darstellung ihrer Ansichten zum Schwangerschaftsabbruch wurde auch der Vorwurf erhoben, dass sie bei ihrer Dissertation nicht sauber gearbeitet haben und plagiiert haben soll.

Und diese Unterstellung hält sich nach wie vor hartnäckig, denn sobald Frauke Brosius-Gersdorf oder eine Aussage von ihr irgendwo thematisiert wird, ist meistens auch ein rechter Schreihals schnell am Start, der ihr vorwirft, bei ihrer Doktorarbeit betrogen zu haben. Dabei beruht diese Anschuldigung nur auf Äußerungen des dubiosen (und rechtslastigen) selbsternannten „Plagiatjägers“ Stefan Weber, eine offizielle Prüfung der Universität Hamburg stand noch aus. Aber so sind die Rechten von CDU bis AfD (und bei Springer ja sowieso) eben drauf: Belege, Beweise und überprüfbare Tatsachen sind da nicht so wichtig, wenn man auch einfach mal haltlos irgendwas raushauen kann, um entsprechende Stimmung zu machen oder andere (unliebsame) Menschen zu diskreditieren.

Die Prüfung der Uni erfolgte dann nämlich tatsächlich, und das jetzt gerade veröffentlichte Ergebnis lautete: Der Plagiatsverdacht (denn mehr war das bisher nicht) wurde „nicht bestätigt“, Frauke Brosius-Gersdorf hat also sauber gearbeitet (s. hier).

Wenn ich mir nun überlege, wie medial präsent das Thema gewesen ist, dann finde ich es mal wieder recht unpassend (aber auch sehr bezeichnend), dass nun die Reinwaschung dieser kompetenten Juristin von den schmierigen Vorwürfen nicht ansatzweise so prominent in den Medien verbreitet wird wie vor gut einem Jahr die falschen Beschuldigungen.

Da kann man nun natürlich sagen, dass ein Skandal eben immer zugkräftiger ist als eine Richtigstellung, und die Leute wollen sich halt lieber aufregen, als etwas zu lesen, was deeskalierend ist und ihre Echauffierung als ungerechtfertigt dastehen lässt. Dagegen lässt sich erst mal auch recht wenig sagen, allerdings finde ich, dass man dann schon auf die Verantwortung der Medien abstellen könnte, den öffentlichen Diskurs nicht immer weiter verrohen zu lassen, indem eben überproportional viel Futter für die Krakeeler und Dauerempörten bereitgestellt wird, anstatt lieber ausgewogen zu berichten.

Aber klar: Klicks und Reichweite sind heute eine wichtige Währung in der Medienwelt. Doch sollte das wirklich der alles entscheidende Aspekt sein für Medien, die etwas auf sich halten und sich selbst als qualitativ hochwertig verstehen?

Gut, das ist nun eine rhetorische Frage, deren Beantwortung von meiner Seite aus eindeutig mit „Nein!“ zu erfolgen hat. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich in den meisten Redaktionen auch durchaus bewusst ist, was man mit einer derart krawallfokussierten Berichterstattung so anrichtet.

Das Resultat ist dann nämlich, dass die Vorwürfe des Plagiats gegen Frauke Brosius-Gersdorf nach wie vor für viele Menschen im Raum stehen, und das gar nicht mal nur, weil sie das eben glauben wollen (was ja heutzutage leider für viele der entscheidende Faktor bei der Ausgestaltung des eigenen Horizonts ist), sondern weil sie das entlastende Prüfungsergebnis der Uni Hamburg überhaupt gar nicht mitbekommen haben.

Ihr könnt ja mal die Probe aufs Exempel machen und im eigenen Bekanntenkreis rumfragen, wie es eigentlich mit der Dissertation von Frauke Brosius-Gersdorf aussieht. Ich könnte mir vorstellen, dass da die meisten Menschen vor allem in Erinnerung haben, dass damit doch irgendwas nicht ganz koscher gewesen ist, und die neusten Erkenntnisse bezüglich der Prüfung durch die Universität nicht so bekannt sind.

Insofern sieht man daran, wie man die öffentliche Meinung manipulieren kann, ohne falsche Dinge zu verbreiten, nämlich einfach, indem etwas gar nicht mal verschwiegen wird, sondern nur unverhältnismäßig unauffällig darüber berichtet wird. Vor allem nicht so prominent, wie es zuvor geschah mit unmittelbar damit Zusammenhängendem. Dann kann man vonseiten der Medien sagen, dass man das ja nicht ignoriert hat, aber die ursprüngliche Erzählung bleibt dennoch für viele Menschen unangetastet.

Doch warum sollten unsere angeblich so linksgrünen Medien denn so etwas machen? Nun, weil die vielleicht nicht ganz so linksgrün sind, wie immer (vor allem von CDU, AfD und denen nahestehenden Stimmen) behauptet wird. Und da passt es dann nicht so gut ins neoliberale Weltbild, wenn man zugeben müsste, dass die Leser, Hörer und Zuschauer vor gut einem Jahr von den neoliberalsten politischen und medialen Akteuren mächtig an der Nase herumgeführt wurden – zumal wenn man selbst noch dabei mitgetan hat.

Und so wird in diesem Fall einfach in Kauf genommen, dass die demokratische Institution der unabhängigen Justiz beschädigt wird, indem eine kompetente Juristin, die m. E. sehr gut ans Bundesverfassungsgericht gepasst hätte, nicht mit gleicher Intensität medial rehabilitiert wird, wie sie zunächst diffamiert wurde. Dabei sollten doch demokratische Medien eigentlich daran interessiert sein, Demokratie und Rechtsstaat zu stärken, oder?

Auf diese Weise wird dann weiter der Rechtsrutsch befördert, indem Demokratieverdrossenheit geschürt wird. Ist das nun Medienversagen oder Absicht? Schwierige Frage, aber die Antwort könnte einen dann doch reichlich beunruhigen …

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar