Verrohung als Prinzip

Auf den immer wieder lesenswerten Nachdenkseiten findet sich heute ein interessanter Artikel.

Es lohnt sich, den ganz zu lesen, wenngleich er etwas länger ist. Trotzdem eine kurze Zusammenfassung: Der Volkswirt und Wirtschaftsethiker Sebastian Thieme wird hier zur Ethik in der derzeitig dominierenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorie und Lehre befragt, und er kommt zu dem erschütternden Ergebnis, dass dieser doch nicht ganz irrelevante Aspekt nahezu vollständig ausgeklammert wird. Der Mensch wird so als beständig im Konkurrenzkampf befindend begriffen, als entsolidarisiert, und dies zeigt sich auch in der Arbeitswelt und in der Sozialgesetzgebung.

Ich würde hier sogar noch ein Stück weiter gehen, und das nicht nur darauf beschränken. Viele Zeitgeistphänomene unserer momentanen Gesellschaft, die uns beständig Anlass zur Sorge geben und die auch von den meisten Menschen deutlich abgelehnt werden, fußen nämlich auch genau auf diesem Prinzip: beispielsweise Mobbing, das nicht nur am Arbeitsplätzen zu einer Art Volkssport geworden ist, sondern leider auch in immer stärkeren Ausprägungen schon in Schulen, wo es anscheinend auch in immer größerem Maße darum geht, sich auf Kosten anderer zu profilieren – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, die schon mehr als einmal zu Schülersuiziden geführt haben. Oder auch das vermehrte Aufkommen von nationalistischem und rassistischem Gedankengut, das immer mehr in die Mitte der Gesellschaft einsickert („Das wird man ja noch mal sagen dürfen!“) und das sich gerade in letzter Zeit z. B. deutlich durch gehässige Kommentare der Stammtische (oder auch vom Innenminister Friedrich, aber dessen Niveau war ja selten oberhalb vom Stammtisch anzusiedeln) bezüglich ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer gezeigt hat. Es geht immer darum, auf andere herabzuschauen, seine eigene Position dadurch aufzuwerten, dass man andere diskreditiert.

Klingt eklig, oder? Tja, dann frage ich mich nur, warum denn bloß alle dabei mitmachen … Und vor allem auch, warum Eltern ihren Kindern schon oft in jungen Jahren genau solchen Dingen aussetzen, die dazu führen, ein aggressives, auf Konkurrenzdenken gepoltes Weltbild in den kleinen Köpfen zu verankern, indem sie den Nachwuchs Casting-Shows schauen lassen (wie die Studie „Hohle Idole“ ergeben hat, die hier heruntergeladen werden kann). Auch der Partypatriotismus, der seit einigen Jahren Hochkonjunktur im Land hat (komischerweise seit dem Zeitpunkt, kurz nachdem die von Bertelsmann initiierte Kampagne „Du bist Deutschland“ 2005 ins Leben gerufen wurde), passt in dieses Bild, denn spätestens seitdem bei der letzten EM Deutschland gegen Griechenland spielte, wurde klar, wie dieser instrumentalisiert wurde, um neben dem Sport auch gleich politische Gehässigkeiten über dem Gegner auszukübeln (vorneweg natürlich mal wieder die BILD, auf die ich hier allerdings nicht verlinken werde – kein Klick für dieses Blatt). Zudem wurde ja der fließende Übergang dieses Phänomens zum Nationalismus schon mehr als einmal dokumentiert (hier z. B.), da braucht man nur mal die beiden Suchbegriffe „Partypatriotismus“ und „Nationalismus“ bei Google einzugeben, schon wird man mannigfaltig fündig – womit sich der Kreis dann zu den Phänomenen der aggressiven Ausgrenzung und dem Herabsetzen von anderen Menschen schließt.

Insgesamt ergibt sich daraus m. E. ein schlüssiges Bild: Der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream (wobei man da eigentlich schon von einer Ideologie sprechen kann) erfordert Menschen, die (oft aus Angst) entsolidarisiert agieren – und genau das führt dann zu Auswüchsen, die zwar beklagt werden, aber deren Ursachen dann doch irgendwie von allen mitgetragen werden, weil viele einfach den Zusammenhang nicht sehen wollen. Insofern werden fremdenfeindliche Übergriffe (bis hin zum Mord, immerhin mindestens 152 Stück seit 1990 – s. hier) und Jugendliche, die Tiere quälen, Mitschüler in die Depression treiben oder Obdachlose verprügeln und dies dann alles triumphierend bei Youtube und Co. präsentieren, auch weiterhin als Abfallprodukte unserer wirtschaftlichen Doktrin anfallen. Und alle machen fröhlich mit …

 

Ergänzung am 31. 10.: Da es gerade gut zum Thema passt, wie man seinen Kindern schon gleich das richtige Gedankengut von klein auf mit auf den Weg gibt, hier ein schöner Artikel zum Thema Halloween.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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