Hitzlsperger und die Homophobie

Es gab ein großes mediales Echo, als Thomas Hitzlsperger letzte Woche verkündete, dass er homosexuell sei. Klar, Hitzlsperger ist ein fußballerisches Schwergwicht, immerhin 52-maliger Nationalspieler, davon einige Male als Kapitän, zahlreiche Spiele in der Bundesliga, vor allem für den VfB Stuttgart, und in europäischen ersten Ligen, hier in erster Linie für Aston Villa in England. Damit ist er der erste Bundesligaspieler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat – wenngleich auch erst nach dem Ende seiner aktiven Karriere als Spieler.

Besteht nun die Hoffnung, dass offener mit dem Thema Homosexualität im Sport, insbesondere im Fußball, umgegangen wird? Immerhin waren die Reaktionen von Medien und Prominenz ja durchweg positiv, man sprach Hitzlsperger seinen Respekt aus und begrüßte seine Offenheit. Ich fürchte allerdings, dass das Thema damit dann auch erst mal wieder durch sein dürfte. Der Glaube, dass nun auch aktive Fußballprofis sich zu ihrer Homosexualität bekennen, ist m. E. ein Wunschdenken, dass an der Realität vorbeigeht. Man muss ja nur mal schauen, wie sehr Machogehabe immer noch zum Fußball gehört – sowohl auf den Rängen als auch innerhalb der Teams. Beschimpfungen wie Du Schwuchtel!, Spiel nicht wie ein Mädchen! oder Schwule Sau! gehören leider in den meisten Fankurven nach wie vor zum Standardrepertoire, welches auch von den meisten Umstehenden anstandslos akzeptiert wird. Ein aktiver Fußballprofi, der sich zu seiner Homosexualität bekennen würde, wäre wohl einem andauernden Spießrutenlauf bei jedem Spiel ausgesetzt, zumindest solange auch rassistische Beschimpfungen von Spielern von den Rängen (und nicht selten auch auf dem Platz) zum Alltag in vielen Fußballarenen gehören. Anderssein, egal welcher Natur, bietet dem kleinen Geist eben immer noch ein sinnstiftendes Moment, wenn er es denn herabwürdigen kann – zumal in der oft aufgeheizten Stimmung bei einem Fußballspiel, bei dem es ja schon per se um wir gegen die geht.

Dass aber auch außerhalb von Fußballstadien aufgrund der Äußerungen von Hitzlsperger nun eine größere Offenheit gegenüber anderen sexuellen Orientierungen als der eigenen resultieren könnte, scheint auch mehr frommer Wunsch als Realität zu sein. Zumindest sprechen zwei Beispiele, ebenfalls aus den letzten Tage, eindeutig dagegen:

Zum einen gibt es eine Petition auf Change.org, die sich gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg, der im Jahr 2015 in Kraft treten soll, richtet. Hieraus spricht eine solche Homophobie, wie sich Rassismus in Äußerungen, die mit Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber … spiegelt. Gut, es gibt auch schon eine Gegenpetition, ebenfalls auf Change.org, dazu, die nun auch schon einiges an Anhängern mobilisieren konnte, und auch Campact hat sich des Themas angenommen und startet gerade eine eigene Kampagne hierzu. Aber die über 100.000 Unterzeichner der Petition Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens zeigen doch, dass im vermeintlich konservativen Lager noch deutliche homophobe Ressentiments bestehen. Bezeichnend übrigens auch mal wieder, dass von diesem Diskurs, der ja nun genau das gleiche Thema betrifft wie Hitzlspergers Coming-out, so gut wie nichts in den Mainstream-Medien zu finden ist. Vermutlich zu viel Inhalt – und vermutlich müssten sich viele, die  nun bei einem Fußballprofi in den Konsens der Respekt klatschende Menge einstimmen, dann auch fragen, ob sie dem Thema in der Schulbildung ihrer Kinder denn auch so offen gegenüberstünden und nicht eventuell doch tiefer sitzende Ressentiments haben, die bei einer Meldung über einen Promi allerdings aufgrund des Nichtbezugs zum eigenen Leben zunächst einmal nicht hervorkommen.

Und dann kommt auch gleich noch Chefeinheizer der Rechtspartei AfD auf dem Parteitag in Hessen mit einem Statement um die Ecke, dass zeigt, welche Werte bei den Rechtskonservativen in unserem Land nach wie vor  vorherrschen:

Ich hätte es gut gefunden, wenn Herr Hitzlsperger das Bekenntnis zu seiner Homosexualität mit einem Bekenntnis verbunden hätte, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind (zitiert nach einem Artikel in der FAZ über den AfD-Parteitag in Hessen).

Lucke geht hier vor wie immer, nämlich indem er geschickt so formuliert, dass seine Aussage nicht das angreifbare Potenzial der NPD-Stammtischparolen aufweist, aber die Aussage bleibt dennoch unmissverständlich: Selbst ein Homosexueller soll sich selbst als nicht normal, als nicht für unsere Gesellschaft konstitutiv sehen. Und das Volk im Saal tobte nach dieser Aussage Luckes, was zeigt, dass er damit den Nerv seiner rechten Spießgesellen getroffen hat.

Dieses Denken, was sowohl aus Luckes Äußerung als auch aus der oben verlinkten Petition spricht, wird sich durch das Bekenntnis eines Fußballprofis nicht großartig ändern. Dafür ist es in unserer Gesellschaft, die zunehmend mehr Verlierer produziert, auch zwingend notwendig, dass diese Menschen haben, auf die sie herabschauen können, und das sind dann eben diejenigen, die in irgendeiner Form anders sind als sie selbst.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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