Adorno hatte recht: das Scheitern der Popperschen Gesellschaft zeigt dies ganz deutlich

Der Positivismus, dessen Vertreter Popper ist, lässt nur das als wahr gelten, was sich als positiv, faktisch vorfinden lässt, also was man messen und in Experimenten empirisch wiederholen kann. Alles muss sich verifizieren oder es gilt als falsifiziert, also als widerlegt. Diesen Positivismus auf die Sozialwissenschaften zu übertragen, auf die Gesellschaft letztendlich, widersprach Adorno vehement. Er hatte recht dies zu tun, die sogenannten „Macher“ und „Macherinnen“ in der Gesellschaft zeigen täglich, wie recht er hatte.

Auf die Basis kommt es immer an, auch beim Denken

Die Basis stimmt nicht, auf der wir denken und handeln. Jede Logik braucht eine Basis, auf der die Logik sich dann entfalten kann. Stimmt die Basis schon nicht, so kann auch die beste Logik nichts Vernünftiges hervor bringen. Unsere Basis benötigt dringend der Überprüfung. Über die Basis unseres Denkens, gelte es nachzudenken. Ein Versuch, dies hier zu tun und anzustoßen.

Logik und Basis sind untrennbar verbunden

Alles was wir tun, tun wir auf Basis dessen, was wir wissen, was wir wissen können und was wir nicht wissen, können wir nicht beachten. Schlimm ist nur, wenn wir es wissen könnten und dennoch nicht beachten. Noch schlimmer wird es, wenn wir es sogar wissen und dann doch ignorieren.

Das gilt beim Hausbau, wenn wir ignorieren, dass das Haus auf einem ungeeigneten Untergrund gebaut wird, und es sollte uns nicht verwundern, wenn dann das Haus Risse bekommt oder ganz zusammenstürzt, wie auch beim Denken. Die Verantwortung für Risse, Verwerfungen und Versagen ist schnell zugeordnet, wie auch der Zorn dem Verantwortlichen gegenüber.

Das mit der Verantwortung ist nicht so leicht bei den Geisteswissenschaften und dennoch gilt hier gleiches Prinzip. Es gilt auch da, wo sie angeblich physikalisch messbar seien, durch Statistiken eine physikalische Wahrheit bekommen sollen, sich über Statistiken verifizieren oder falsifizieren. Auch dort ist die Basis des Denkens entscheidend, ob die Logik letztendlich vernünftige Ergebnisse erbringen kann. Manches korreliert, aber nur scheinbar, nur der Logik entsprechend, aber nicht die Tatsachen wirklich rechtfertigend. Die ausgefeilteste Mathematik hilft wenig, wenn die Datenbasis schon falsch ist, schon dann nicht, wenn die Datenbasis unvollständig ist, wesentliche Daten ignoriert. Das sollte eigentlich jedem einleuchten.

Immer braucht die Logik eine Basis, eine richtige Basis, eine möglichst umfangreiche Basis, auf der sie aufbauen kann. Das ist nicht nur logisch, sondern unverzichtbar, wenn die Ergebnisse wirklich Sinn machen sollen. Stimmt die Basis nicht, kann auch die beste Logik nicht helfen.

Die Basis des Denkens und Handelns bedarf der Korrektur

Zuviel Popper, zu wenig Adorno und gar kein Sartre respektive Sartre über den Individualismus völlig fehlinterpretiert, so stellt sich mir die Gesellschaft, die Politik und so stellen sich mir auch die Geisteswissenschaften derzeit dar. Eine unsägliche Entwicklung, welche wir genommen haben, die uns viele der heutigen Probleme beschert hat und noch schlimmer, weiterhin daran hindert diese adäquat anzunehmen und einer Lösung zuzuführen.

Platon versus Sartre

„Die Existenz ist vor der Essenz“, behauptet Sartre, und weil wir immer noch denken, wie Platon bis hin dann zu den Aufklärern, dass die Essenz vor der Existenz wäre, die Existenz somit bestimmt wird, auch durch unser Streben hin zum Ideal, zur Essenz, tatsächlich und moralisch und nicht umgekehrt, denken wir auch so falsch. Hier bin ich mit Sartre einig. Hier bin ich bei Brecht, wo doch auch „das Fressen vor der Moral kommt“.

Hier ist auch die Brücke zu dem Spätaufklärer und Aufklärungskritiker Adorno zu schlagen, wenn er postuliert „es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Denn natürlich kann es das nicht geben, ist doch das Ganze für uns nicht durchschaubar, nicht einmal, wenn wir es durchschauten, könnten wir ohne Schuld handeln, ist doch die Existenz, sind doch unsere eigenen Entscheidungen, maßgebend für das, was wir selbst als Teil des Ganzen aus dem Ganzen machen, wie viel das Ganze zulässt, dass wir aus unserem Leben machen können. Wir haben es selbst in der Hand, sind verantwortlich für alles was wir tun und lassen, da hat Satre schon recht, wir sind Gestalter der Essenz, Gestalter des Ganzen, aber wir sind auch gestaltet vom Ganzen, Erblickter und nicht nur Erblickender, wie auch Satre lehrt. Nicht durch die Essenz, sondern einzig durch die Existenz, die eigene wie die anderer und, auch da hat Satre recht, im Zusammenspiel, dem Feedback, wie man heute so schön sagt, zwischen den sich gegenseitig Erblickenden. Deshalb war es auch konsequent von Sartre in seinen letzten Jahren die Marxsche These „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ in den Grenzen seines Denkens als richtig anzuerkennen.

Eine Essenz, wie Platon sie postuliert, wie sie die Aufklärung bis heute postuliert, hat etwas göttliches, hat etwas mystisches, hat nichts existentielles, legt uns in Ketten, ist religiös, wenn auch rational am Ende, setzt man diese Essenz voraus, mystifiziert man das Gewissen über die Logik, weil die Basis dieser Logik eigentlich nichts anderes als diese Mystifizierung zulässt, diese Logik dann zum Selbstzweck wird.

Die Logik ist über das Ideal zum Selbstzweck geworden

Wir beschreiben eine Essenz, ein Ideal, normieren und werten dieses Ideal – derzeit recht weiß und männlich – und dann stellen wir Regeln auf, die nur noch der Essenz entsprechen, dem Ideal folgen müssen. Die Existenz ignorieren wir, mehr noch, die wollen wir anpassen, die eigene wie die fremde. Das europäische Unverständnis Chinas beispielsweise kommt auch darin zum Ausdruck, diese Ohnmacht, die die meisten Handelnden derzeit gegenüber China beschlichen hat. Das Unvermögen das Fremde insgesamt zu verstehen, es den eigenen Interessen unterzuordnen, anzupassen, kommt darin zum Ausdruck, ja das imperialistische Denken, das Neue wie das Alte, kommt darin zum Ausdruck, behaupte ich: Das Ideal, unser Ideal, entspricht nicht dem, was wir in der Fremde, in China, sehen können und das macht uns Probleme, große Probleme, schon beim Verstehen, und deshalb auch im Handeln.

Popper versus Adorno

Seit Popper teilen wir das Ganze und meinen die Einzelteile verifizieren oder falsifizieren zu können, ganz so wie die Physik, nun auch die Gesellschaft, das Ganze, nun in seine Einzelteile zerlegt, betrachten zu können. Nicht umsonst waren Helmut Schmidt und Karl Popper so sehr befreundet, war Schmidts Politik als die eines Machers bekannt. Der Macher teilt sich die Welt in Teile und setzt Prioritäten, betrachtet das Teil, sucht die Lösung, allerdings nur im Teil nie im Ganzen. Die Politik ist heute von diesem Machertum bestimmt und wer nicht Macher ist, ist nichts in der Politik. „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“, sagte Helmut Schmidt einmal, heißt es seit langem und allgemeiner Beifall ist gewiss, wer sich dieses Zitates, freundlich oder unfreundlich bedient. Visionär zu denken, im Ganzen zu denken, ist nicht mehr en vogue, seit Popper sogar verpönt.

Schon in meinem Studium wurde so sehr auf das Popper-Kriterium gepocht, sodass die Gänze in seine Einzelteile zerlegt wurde, die Gänze damit verunstaltet wurde. Die Ökonomie wurde zur Wissenschaft erhoben, anstatt das zu bleiben, was sie hätte bleiben sollen, ein Teil der Sozialwissenschaften, Hilfswissenschaft für Soziologen, Politologen und auch Geschichtswissenschaftler.

Ihre Dominanz ist die Unart unserer Tage, wie ich immer wieder behaupten werde, weil diese Behauptung sich immer wieder in der Gesellschaft verifiziert und solange sie sich verifizieren wird, werde ich von meiner Behauptung auch nicht lassen – ganz im Sinne Poppers. Denn natürlich hat Popper große Bedeutung, darf man ihn nicht nicht beachten, aber seine Überhöhung, gerade seine gesellschaftliche Überhöhung durch die Politik und den recht bequemen Universitätsprofessoren – sich mit dem Teil zu beschäftigen ist halt einfacher, als mit dem Ganzen -, sollte beendet werden.

Das Ganze ist nämlich immer noch mehr als die Summe seiner Einzelteile. Und auch wenn es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, so ist doch das Leben entscheidend und nicht nur ein Ausschnitt davon, so bedeutend er auch sein mag. Der Existenz wird der Poppersche Ausschnitt nie gerecht, weder der des Blickenden noch wenn er selbst zum Erblickten wird. Die Essenz wird übermächtig, die Moral erdrückt das Individuelle, das Individuum, das gesamtgesellschaftliche Tun, die Gemeinschaft oder sie schafft Uniformität, eine Totalität, wie in der unsrigen, die eine des Konsums geschaffen hat.

Wir denken von der Essenz her und sollten endlich von der Existenz her denken lernen

Wenn wir weiterhin von der Essenz, vom Ideal, her denken, so ist auch die andere Kultur dann fremd – was sie am Anfang immer ist – und sie bleibt auch fremd. Sie bleibt angsteinflößend.

Mehr noch, der Zwang zur Anpassung bleibt wirkungsmächtig und zwar derzeit bei uns zur Anpassung an die weiße Rasse, die deshalb auch immer rassistisch handelt, meist auch dann, wenn sie anderes zu tun vorgibt. Mir erklärt dies nicht nur Trump, so weit er auch vom Ideal entfernt zu sein scheint, ist es doch das Ideal welches ihn trägt und erst möglich gemacht hat. Es erklärt mir aber auch schon Formen des Rassismus, die ich als niedrigere Formen, aber nicht minder wirkungsmächtige, bezeichnen möchte.

Insbesondere den institutionellen Rassismus, kulturell durch das Ideal implementiert und auch akzeptiert, durch Ausgrenzung von Menschen in nützlich für den Arbeitsmarkt und weniger bis gar nicht mehr nützlich für diesen. Ebenso, wie den unterschwelligen Rassismus des „guten“ Bürgers, der nur verlangt, dass man sich nach den hiesigen Gepflogenheiten zu richten hätte, nicht bedenkt, dass diese immer schon einen Kompromiss darstellten, sich veränderten, und zwar in dem Maße, wie sich die Zusammensetzung der Gesellschaft verändert hatte, verändern musste, wollte sie mit den anderen Gesellschaften Schritt halten, wollte sie integrativ bleiben. Kultur ist nämlich ein ständiger Veränderungsprozess. Dies zu begreifen, wäre eigentlich opportun, vor allem um dem Rassismus Schranken setzen zu können. Adorno hat deshalb völlig recht, wenn er verlangt selbst den „Unbelehrbaren“ die letztendlichen Konsequenzen ihrer Forderungen vor Augen zu führen.

Wir jedoch denken und handeln weiterhin von der Essenz her, anstatt Sartre zu beachten und von der Existenz her zu denken und zu handeln. Eine dafür entsprechende Logik ist längst Kultur. Akzeptiert wird nur der, ob nur fremd oder auch ethnisch fremd, ob heimisch im Lande, der dieser Essenz sich gut anpassen kann, am besten sogar mehr als die, denen man die Anpassung an die Essenz von vornherein unterstellt, dem eigenen Umfeld, der eigenen Ethnie. Und die Essenz ist dieser Tage nicht die Ethik. Die Essenz ist die Ökonomie, der Ökonomismus, die Moral des sich rechnen können Müssens. Alles muss sich immer rechnen lassen, auch die natürliche Existenz, auch und gerade die menschliche Existenz. Die Essenz, das Ideal, welches wir an Gottes statt gesetzt haben. Die Fessel, die wir überstülpten, als uns die Aufklärer scheinbar die Fesseln genommen hatten.

Es braucht einen neuen Existentialismus, einen der Frankfurter Schule

Für mich liegt hierin die Herausforderung, u.a. auch für die Philosophie, endlich Sartres Erkenntnisse und die der Frankfurter Schule mit zu bedenken, zusammen zu denken, und nicht, wie derzeit, in der europäischen Aufklärung weiterhin die Befreiung des Menschen zu behaupten. Mir jedenfalls sagt Sartre, sagt Adorno mehr als Kant dieser Tage und ich kann sagen, ich liebe meinen Kant und seine Befreiung auch meines Ichs aus der von mir selbst verschuldeten Unmündigkeit. Aber ich weiß auch um dessen Unmöglichkeit, wenn die Zeit viele, schnelle Entscheidungen verlangt, wenn die Zeit zu schnelllebig ist, um wirklich der Entscheidung immer das eigene Gewissen voranzustellen. Wir sind eben nicht diesem homo oeconomicus ähnlich, den Nietzsche schon kritisiert, wenn er seinen Übermenschen beschreibt. Wir sind Menschen, mit Fehlern und eine sehr begrenzten Möglichkeit wirklich rational zu entscheiden. Bei Kant stehen zu bleiben, das kann deshalb nun wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Das wäre so, als ob man den Kapitalismus nur über Weber oder nur über Marx erklären wollte und keinem vernünftigen Menschen würde dies einfallen, wenn er sich mit dem Kapitalismus beschäftigt, denn es wäre, angesichts des enormen technischen und sozialen Fortschritts seither, auch unlogisch.

Der Mensch ist durch die Aufklärung nicht befreit worden

Er ist nur von der einen Religiosität in eine andere geschlittert. Er ist einem rationalen, ökonomistischen Denken unterworfen worden, von diesem in Ketten gelegt worden. Nicht durch den Kapitalismus, auch wenn dieser und die Aufklärung sicher ein symbiotisches Verhältnis derzeit zu einander haben, nein, durch das Denken im unbegrenzten privaten Eigentum, in der Übermacht des Individuums, auch über seine eigenen Triebe, ist er von einer Abhängigkeit in die nächste geschlittert. Er ist zum Konsum-Menschen gemacht worden, dem Ideal des homo oeconomicus folgend. Seiner Menschlichkeit hingegen ist er sogar beraubt worden. Eine Menschlichkeit, die immer mal wieder versucht an die Oberfläche zu kommen, aber es nicht schafft, von der Ökonomie und deren Regeln und Logik beständig unterdrückt.

Die Aufklärung hat versagt, sie ist in ihren Begrifflichkeiten steckengeblieben. Mehr noch, diese – auch hier gelte es Adorno zu begreifen – Begrifflichkeiten tun dem Denken und damit letztendlich dem Handeln sogar Gewalt an, derzeit wieder und immer mehr die Gewalt der herrschenden Klasse, der vermögenden Klasse und ihrer willfährigen, weil sie nachahmenden, Bourgeoisie.

Wir brauchen ein neues Denken

Eines, welches die der Existenz Priorität einräumt und nicht, das wir weiterhin Vorstellungen von einem Ideal, welches dann der Existenz sogar zuwider laufen kann, hinterher laufen müssen, einem Ideal, welches andere für uns bestimmen, indem sie das Ich nur über den Egoismus noch zu denken bereit sind, diesen dann kollektivieren können, als Moral in alle Welt tragen.

Wir brauchen eine neue Gedankenbasis! Eine wertschätzendere Gedankenbasis und eine dann auch wieder wertschätzendere Logik. Eine den Menschen wertschätzende ebenso, wie eine der Natur wider Wertschätzung entgegenbringende Gedankenbasis und Logik.

Wir brauchen deshalb auch Menschen, die sich dieser Herausforderung stellen. Meinen Beitrag habe ich hier dazu versucht zu leisten, werde ich auch dazu weiter leisten.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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