Wertschätzung als Kultur – eine Vision

Meine Vision ist die einer Gesellschaft in der die gegenseitige Wertschätzung über Allem steht.

Nicht als Stuhlkreis, sondern als innere Einstellung der Individuen, welche sich zu einer Gesellschaft zusammen geschlossen haben, zusammen geschlossen worden sind. Nicht im Ideal oder gar als Ideologie. Einzig aus der Einsicht heraus, dass das Leben wertgeschätzt werden muss, alles Leben, nicht nur das eigene Leben oder dessen Leben, der meinem Leben nützt, für mich unverzichtbar ist.

Wertschätzung als Selbstverständlichkeit des Umganges miteinander, aber auch des Umgangs mit den Dingen, ob belebt oder nur physikalisch, egal. Denn steht die Wertschätzung vor allem Tun, zeichnet sich das Denken durch Wertschätzung aus, so bin ich überzeugt, dass wir auch ein anderes Tun und Handeln beobachten könnten.

Eine Wertschätzung, die ohne Preis aus kommt, weil sie als unbezahlbar anerkannt wird, nicht veräußert werden kann, ist für mich schon lange Voraussetzung der Würde, gerade die des Menschen. Nur die Würde des Menschen als Wert zu behaupten, aber den Menschen und seine Umwelt nicht wertzuschätzen, eben weil beides bepreist in ein Optimierungsverhältnis gestellt werden, reicht nicht aus. Davon hatten wir genug, viel zu viel sogar seit der Ökonomismus und das poppersche Denken in den Einzelteilen uns fest in den Griff genommen hatte, auch einer falschen Denkweise der Aufklärung geschuldet, der nämlich von einem Ideal her zu denken, seit Kant von einem rationalen, befreiten, nur dem Gewissen und damit der eigenen Schuld unterworfenen Individuums. Den an Religiosität grenzenden Glauben an ein solches Wesen beendend, dem Übermenschen Nitzsches nicht unähnlich, gipfelnd im homo oeconomicus.

Nicht mehr die Frage sollte einzig uns leiten, wie rational ist das Verhalten, wie rational das Ergebnis, sondern wie wertschätzend ist das Handeln, wen schätzt es wert, wen berührt es nicht und wen schätzt es nun weniger wert. Das Handeln und das vorher und nachher Denken muss im Zentrum stehen. Das Ergebnis wäre dann ein anderes.

Aber auch das Ergebnis muss Beachtung finden, denn viele Ergebnisse sind zwangsläufig, müssen, der Existenz wegen, zwangsläufig erbracht werden. Die Frage ist also zu stellen, wen schätzt das Ergebnis, wem kann es egal sein und wem nimmt es die Wertschätzung zu einem gewissen Teil. Bei denen, bei denen man dann feststellt, dass das Handeln zu weniger Wertschätzung geführt hat, muss man vielleicht anders Wertschätzung wiedergeben, wenn man sie an dieser Stelle nehmen musste. Ja, es kann bis hin dazu gehen, dass bestimmtes Handeln unterlassen werden muss, Ergebnisse neu strukturiert und verteilt werden müssen. Nur so, durch eine wieder der Wertschätzung des Menschen genügenden Verteilung, wird das Almosen überflüssig werden, die sich immer mehr herauskristallisierende Almosengesellschaft wieder zu einer Gesellschaft der gegenseitigen Wertschätzung werden können, die Tafeln beispielsweise, die Suppenküchen des 21. Jahrhunderts, wieder überflüssig werden können.

Die Schwierigkeit besteht allein in der Einsicht, eine solche Gesellschaft zu schaffen. Ihr entgegen steht die Kultur des Individualismus, die Ideale dieser Ideologie. Ihr entgegen steht der Ökonomismus, der Gedanke, dass alles seinen Preis haben müsste, sich alles auf Märkten verifizieren oder falsifizieren müsste. Ihr entgegen steht der Gedanke, seit Popper, dass auch Gesellschaft aus Einzelteilen bestünde, die sich alle zu verifizieren hätten oder falsifiziert werden müssten. Ihr entgegen steht deshalb auch die verlorengegangene Sicht auf das Ganze, die wir seit Popper wissentlich verloren haben und dringend wieder finden müssten, denn eine Kultur der Wertschätzung kann nur im Ganzen, mit Blick auf das Ganze, entstehen und erhalten bleiben, auch wenn das Ganze in seiner Gänze nie von einem Individuum erkannt werden kann, ja, gerade deshalb.

Eine solche Kultur der Wertschätzung darf auch nicht idealisiert werden. Sie muss, im Gegenteil, reine Vision bleiben, auch um der Wertschätzung nicht durch das Ideal Schaden zuzufügen. Eine Wertschätzungsgesellschaft, aus der Einsicht geboren und gespeist, darf keine Ideologie sein, darf keine weitere Moral sein, sie muss Kultur werden und Kultur bleiben.

Es muss wieder bei uns Kultur werden, wertschätzend mit dem Leben und den Dingen umzugehen. Es muss Kultur werden, die Wertschätzung vor dem Denken und Handeln, beim Denken und Handeln und nach dem Denken Handeln zu beachten. Einen neuen kategorischen Imperativ der Wertschätzung brauchen wir ebensowenig, wie ein Stuhlkreis dafür notwendig sein würde – wie nun wieder die Ideologen unter uns denken werden. Denn es wäre Kultur und würde sich über die Tradition, die Erziehung, die Sozialisation im Allgemeinen, dann verselbstständigen. Nicht weil ein Muss entsteht, sondern weil die Einsicht dazu besteht.

Neuen, anderen Einsichten wäre diese Kultur offen. Nur hüten sollte sie sich, dass die neuen, anderen Einsichten nicht schleichend eine Ideologie zur kulturellen Übermacht verhelfen. Eine Kultur der Wertschätzung und damit eine Gesellschaft, die sich dieser Kultur verpflichtet fühlt, muss also wachsam bleiben, gerade auch, weil Ideologien und Religionen alles andere letztendlich sind als wertschätzend. Es gilt, wie immer, auch die Toleranz der Kultur der Wertschätzung muss Grenzen haben, den Intoleranten diese setzen. Der Kompromiss, der Diskurs, wird nicht obsolet, auch nicht in dieser Kultur. Im Gegenteil, er wird wichtiger, denn Wertschätzung bedarf des Diskurses, kann ohne Diskurs gar nicht entstehen.

Eine wertschätzende Kultur, und damit eine Gesellschaft der Wertschätzung, wäre in ihren Forderungen dem kantschen Imperativ dann nicht unähnlich, zugegeben, denn auch Kultur muss Regeln haben, das Zusammenleben braucht immer Regeln und die wollen auch befolgt sein, soll nicht der Streit und dann das Recht der Stärkeren gelten. Aber eine Kultur der Wertschätzung wäre von der Schuld befreit, dem kategorischen Imperativ damit sehr unähnlich, denn die Schuld wohnt dem kategorischen Imperativ indirekt durch das eigene Gewissen immer inne: Ohne mögliche Schuld verliert die Anwendung des Gewissens seine Rechtfertigung.

Deshalb behaupte ich auch, dass mehr Wertschätzung, eine Kultur der Wertschätzung, eine Gesellschaft, die dieser Kultur folgt, das hervorbringen könnte, was heutzutage sehr fehlt, eine Kultur des Scheiterns nämlich. Scheitern ist sehr oft mit dem Verlust der Existenz verbunden, oft in Sippenhaft, wenn Ehepartner und Kinder mit betroffen sind, was sie sehr oft sind, meistens sogar. Darauf einzugehen, spare ich mir, das kann jeder nachvollziehen, der sich die Bedarfsgemeinschaften, das dortige Zuflussprinzip anschaut, die Ungerechtigkeit, dass deren Kinder das Kindergeld vorenthalten wird, während es dem Lehrerehepaar, dem Vorstandsvorsitzenden sogar weit über den eigentlich Satz über seine Steuer gewährt wird, die Kinder dort besser bepreist werden vom Staat. Das ist gut zu sehen, wenn man sich anschaut, wie lange, im Vergleich zu anderen Staaten und Gesellschaften, hier bei uns die Menschen unter die Verwaltung eines Insolvenzverwalters gestellt werden, wie sehr sie gedemütigt werden, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Man kann es an vielen Stellen sehen, die dieser Rechtsstaat geschaffen hat, die allerdings mit Wertschätzung nicht viel zu tun haben, die damit das Scheitern zu einem kulturellen Super Gau für viele Millionen Menschen in diesem Lande haben werden lassen. Eine wirkliche Kultur des Scheiterns würde anders aussehen, würde auch das Scheitern ermöglichen, erleichtern, weil sie die Menschen wertschätzen würde, die gescheitert sind, aus welchen Gründen, nachvollziehbaren oder nicht nachvollziehbaren Gründen auch immer.

Eine Gesellschaft, die sich der Kultur der Wertschätzung bedienen würde, wäre keine ideologische, denn sie folgte keinem Ideal. Kultur kann nie Ideal sein, kann es gar nicht sein, will sie offen bleiben für das kulturelle Leben. Die Kultur der Wertschätzung hätte deshalb auch keine Ketten, denn sie kennt keine Schuld, die über die vertraglichen Schulden hinausgehen würden und selbst diese würden anders betrachtet werden, das Scheitern ermöglichen und damit auch den Neuanfang.

Eine solche Gesellschaft bliebe damit auch Vision, wäre nie vollkommen, weil Kultur auch nie den Anspruch auf Vollkommenheit erheben kann, will sie Kultur bleiben. Sie würde leben und nicht durch Regeln erdrückt werden, durch Zorn bis hin zur Gewalt einem langsamen Sterben ausgeliefert sein, wie die unsrige derzeit.

Leider sind wir noch weit hinter dieser Kultur zurück, waren selten auch viel näher dran an dieser Kultur. Leider entfernen wir uns auch immer mehr von dieser Kultur, weil wir zugelassen haben, das die Bourgeoise und ihre Vertreter in der Politik dem Neoliberalismus hier Tür und Tor geöffnet hatten, der nämlich alles gebrauchen kann, aber eine Kultur der Wertschätzung bestimmt nicht.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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