Klopapier entlarvt die Marktgläubigen als Lügner oder Dummköpfe – oder beides …

Klopapier ist in letzter Zeit in aller Munde, da es zu einem Artikel geworden ist, den man häufig nicht mehr in Geschäften kaufen kann, weil viele Menschen sich im Zuge der Corona-Krise damit unverhältnismäßig bevorratet haben. Dieser alltägliche Hygieneartikel wurde somit zum Symbol der Hamsterkäufe – und zeigt zudem auf, dass die angebliche Rationalität des „Marktes“, die Neoliberale und andere Marktgläubige immer so gern postulieren, ein reines Märchen ist – und schon immer war.

Das beginnt schon damit, wenn man sich überlegt, warum denn nun auf einmal so viele Menschen im Übermaß Klopapier gekauft haben. Wäre CORVID-19 nun ein Magen-Darm-Virus, dann könnte ich das ja noch halbwegs nachvollziehen, aber bei einer Lungenerkrankung muss man in der Regel nicht viel häufiger auf den Topf als sonst auch.

Was veranlasst die Leute also zu Hamsterkäufen von Klopapier? Ich kann da nur mutmaßen: Vielleicht haben die zu viele Katastrophenfilme gesehen, in denen Menschen sich mit Klopapier eindecken. Oder sie meinen, dass sie im Quarantänefall wochen- oder gar monatelang nicht mehr aus dem Haus kämen und insofern lieber einen Jahresvorrat an Klopapier horten müssten – als wenn es in einem Land wie Deutschland nicht möglich wäre, selbst dann irgendwie Klopapier ins Haus zu bekommen.

In jedem Fall hat das dann natürlich Folgen, denn wer nun einmal vor einem leer geräumten Klopapierregal gestanden hat, überlegt sich vielleicht beim nächsten Mal, wenn das Regal wieder etwas gefüllt ist, dann doch lieber gleich acht Packungen mitzunehmen – wenn es das nun schon mal gerade gibt. Und wer weiß, ob man das bis September oder so noch mal irgendwo bekommt …

Nun ist es ja nicht so, dass die Klopapierproduktion in irgendeiner Form runtergefahren worden wäre in Deutschland, es herrscht also eigentlich kein Mangel. Und selbst, wenn sich der eine oder andere überlegt, dass er halt nicht mehr so oft einkaufen gehen möchte in Corona-Zeiten, und sich daher dann noch eine zweite Packung Klopapier mitnimmt, wären die leer gefegten Regale wohl nicht die Folge gewesen.

So ein Verhalten, dass nämlich irgendjemand aus irgendeinem Grund anfängt, etwas wie blöde zu kaufen, sodass dann andere Angst haben, zu kurz zu kommen, uns sich selbst wie blöde damit eindecken, wirkt auf einem realen Markt sehr befremdlich. Im „Markt aller Märkte“, der von Marktgläubigen immer als das Nonplusultra aller Rationalität dargestellt wird, nämlich dem Finanzmarkt, ist so ein Verhalten hingegen nichts Ungewöhnliches.

Dort geschehen ständig derartige Rallyes, dass irgendjemand anfängt, Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen, und dann andere nachziehen, sodass dadurch schließlich ein Run auf bestimmte Papiere stattfindet oder diese einen extremen Kurseinbruch haben. Das kann natürlich einen realen Hintergrund haben, muss es aber nicht.

So hat zum Beispiel vor einigen Jahren mal die Falschmeldung, dass das Weiße Haus bei einem Terroranschlag in die Luft geflogen wäre, für einen generellen Kurseinbruch an den Börsen gesorgt.

Irgendwie aber auch nachvollziehbar: Je höher die Geschwindigkeit, mit der an den Börsen gehandelt wird, desto weniger Zeit bleibt für die Verifizierung einer solchen Meldung oder ein Abwägen von Für und Wider – da muss schnell gekauft oder verkauft werden.

Nun ist Aktionismus etwas, was grundsätzlich nicht besonders förderlich für rationales Handeln ist …

Die Marktradikalen verklären ja die Finanzmärkte, indem sie diese mit Dingen wie einem Kartoffelmarkt gleichsetzen. Das ist natürlich vollkommener Unfug, denn bei Kartoffeln wird man normalerweise keine Rallye erleben, sodass deren Preise ins Unermessliche steigen. Wenn Kartoffeln zu teuer werden, dann steigen mehr und mehr Konsumenten eben auf Nudeln oder Reis um. Das ist bei Wertpapieren nicht so der Fall, da bewirken Preissteigerungen, dass eher noch mehr Händler auf die immer teureren Papiere abfahren.

Und nun erleben wir beim Klopapier quasi genau die Umkehrung: Das irrationale Verhalten der Wertpapiermärkte schlägt durch auf den realen Markt. Woran man dann sieht: Auch die reale Wirtschaft ist aufgrund von (finanz-)marktlichem Gebaren zu großer Irrationalität fähig.

Und nach wie vor erzählen uns die Marktgläubigen, dass „die Märkte“ schon alles richten werden. Wenn ich diese Aussage nicht schon seit Längerem als kompletten Mumpitz wahrgenommen hätte, so wäre das nun spätestens jetzt der Fall.

Diejenigen, die Märkten eine andere Funktion zuschreiben, als ein Austauschplatz, an dem die Akteure möglichst großen Profit für sich rausschlagen möchten, zu sein, werden nun also von so etwas Trivialem wie Klopapier als die blödsinnigen Schaumschläger, die sie nun einmal sind, entlarvt.

Im Grunde ein köstlicher Treppenwitz, wenn die Situation nicht gerade eine alles andere als amüsante wäre …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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