Die Rhetorik verändert sich

Zuerst haben wir wieder Kriege geführt. Dann haben wir, der Logik folgend, behauptet, unser Militär muss professionalisiert werden und eine Berufsarmee muss geschafften werden. Dann haben wir alle rechtsextremen Netzwerke in dieser Bundeswehr ignoriert, bagatellisiert oder in langen Gerichtsverhandlungen unbedeutend gemacht. Wir haben Soldaten in Uniform freie Fahrt im ÖPNV gewährt, damit wir uns an ihren Anblick gewöhnen. Und militärische Rituale bilden weiterhin einen wichtigen Baustein der politischen Abdankung, auch wenn sie Nina Hagen spielen lassen.

Ein Gastbeitrag von Jörg Rupp

Dann haben wir wieder Orden verteilt und über Särgen geweint, immer in Gottesdiensten, damit wir auch die Kirche auf unserer Seite haben.

Dann haben wir einen Krieg verloren und so getan, als wären wir es nicht gewesen. Wir mussten daher auch nicht darüber nachdenken.

Als der nächste Krieg kam, haben wir wieder jede*n, der*die die militärische Logik infrage gestellt hat, zu Naivlingen und Träumenden herabgewürdigt, haben ihnen abgesprochen, die „neue Realität“ anzuerkennen, die natürlich nur die der Regierenden war. Wir haben Solidarität einseitig verteilt, und wir wussten keine andere Antwort als Waffenlieferungen. Parallel dazu haben wir angefangen, die Politik der Verständigung als „Fehler“ zu bezeichnen und jede*n, der*die dazu beigetragen hat, dass man Verständigung und Annäherung versucht hat, fast schon als Verräter bezeichnet – jedenfalls tut man alles dafür, dass das nicht mehr vorkommt. Wir fordern Härte, und Dinge sind unabwendbar. Täglich und aus allen Ecken vergleichen wir andere gerne mit uns vor 90 Jahren – dann wird das weniger schlimm, was wir getan haben, und zumindest wird endlich wahr, dass andere genauso schlimm sind. Vor allem die, die damals mit anderen dafür gesorgt haben, dass wir aufhören mussten.

Wir werden gefüttert mit Bildern von Leid und Tod, mit Geschichten von Flucht und Vertreibung, von exzessiver Gewalt – als würde nicht jeder Krieg genauso aussehen – auch die, die wir führen. Die Bestie ist immer der*die andere.

Angeblich sind es unsere Interessen und wir, die da verteidigt werden müssen, obwohl wir vor Kurzem gar keinen Anlass gesehen haben, den, den wir hier aufrüsten, als einen von uns zu sehen – weder militärisch noch wirtschaftlich.

Bald schon werden wir darüber sprechen, dass doch unsere Söhne und feministisch auch unserer Töchter wieder einen Zwangsdienst ausüben sollen, am besten an der Waffe. Das hat noch niemandem geschadet, und wenn der Feind kommt, dann kann ja wenigstens jede*r schießen und sich wehren. Weglaufen ist nicht vorgesehen. Auch heute nicht. Und natürlich sind die, die das dann nicht tun werden, für viele wieder unsolidarisch und Vaterlandsverräter*innen.

Nicht der Krieg kostet Leben, sondern die Waffen, die nicht geliefert werden (Selenskyi). Wir haben 82 Jahre lang Frieden gelernt. Wir haben in 5 Wochen alles vergessen, was wir dazu wussten.

Ich bin sehr, sehr müde. Aber ich befürchte, wir müssen noch einmal von vorne anfangen zu lernen. Vor allem aus den Fehlern, die wir gemacht haben.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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