Das Verständnis und die Akzeptanz für einander ist in fast allen Gesellschaften meistens auf das Beschränkt, was wir kennen. Unser Gehirn versucht energiesparend zu arbeiten und dabei werden Schubladen für Dinge gebildet, die wir bereits kennen und entsprechend versuchen wir die Dinge dort einzusortieren. Wenn man jung ist, dann gibt es noch nicht so viele Schubladen und wir beginnen welche anzulegen. Diese Erfahrungen bleiben prägend in unserem Gehirn, so dass wir uns z. B. an den ersten Sex, den ersten Rausch, den ersten Auslandsurlaub und Filme aus unserer Jugend ein Leben lang erinnern.
Besonders fällt mir dies immer wieder bei dem Generationenkonflikt auf, der eigentlich kein Generationenkonflikt ist, denn es gibt auch ältere Personen mit einem eher ungebundenem Lebensstil und jüngere Menschen mit einem verpflichtenden Lebensstiel. So kann es sein, dass große Geschwister die Erziehung und Verantwortung für kleinere Geschwister bereits im Kindesalter übernehmen müssen oder das Personen im Alter noch immer ungebunden in en Tag hinein leben und keinerlei Bindungen und Verflichtungen eingegangen sind.
Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, hier eine Tabelle die weder den Anspruch erhebt vollständig zu sein, noch der Spaltung in zwei Lager beabsichtig. Sie zeigt eher mögliche Tendenzen oder Extreme auf, wobei die meisten Menschen sich wohl grob einem Lager zuordnen könnten, aber sich generell eher zwischen bei beiden Positionen wiederfinden.
| Situation | Ungebundenes Konzept (jung) | Verpflichtendes Konzept (alt) |
| Finanzielle Sicherheit | Das Bankkonto ist am Ende des Monats fast jedes Mal so weit im Minus, wie der Dispo es zulässt. Oder anders geschrieben: „Am Ende des Geldes ist noch so viel Monat übrig.“ | Es wird versucht ein Kapital aufzubauen, dass unplanmäßige Ausgaben brücksichtig und im Alter als Rückhalt dienen kann. Oder auch: „Haben ist besser als brauchen.“ |
| Berufliche Bindung | Flexible Jobs, die keine langfristige Bindung erfordern. | Planungssicherheit und Absicherung im Alter stehen an oberster Stelle. |
| Partnerbindung | Gemeinsame Aktivitäten, keine gemeinsamen Verpflichtungen. | Feste Bindungen für eine langristige Planung in Eigentum oder Kinder. |
| Politische Ausrichtung | NGOs durch Mitmachen aktiv unterstützen (bevorzugt Umweltschutz und Gleichberechtigung), etablierte Parteien werden als gesellschaftliche Bremse wahrgenommen. | Ein stabiles Lebensmodell erfordert stabile (Alt-)Parteien, ggf. in NGOs finanziell einbringen (bevorzug Frieden und Hilfsprojekte). |
| Gesundheitliche Ausrichtung | Live fast, die young. | Vorsorge, die beste Krankheit taugt nichts. |
| Ostermontag | „Was, die Geschäfte haben geschlossen? Ich kauf doch Montags immer ein?!“ | „9 Uhr zur Messe, 13 Uhr essen bei Luigi, 15 Uhr Kaffe & Kuchenbei Oma. Vergesst Eure Regenjacken nicht!“ |
Vor- und/oder Nachteil?
Es ist einfach Dinge als „besser“ ider „schlechter“ zu bezeichnen, was aber meistens mehr über die eigenen Erfahrungen aussagt, als über die Dinge selbst. Das gilt meiner Erfahrung nach vor allem um Personen: Meine Meinung über andere Menschen sagt mehr über meine gemachten Erfahrungen und entsprechenden Erwartungen aus, als über die Person von der ich spreche. Wie schon beschrieben, können die Lebenskonzepte auch umgekehrt sein, so dass junge Menschen ein starkes Verantwortungsgefühl entwickeln unf ältere Menschen in den Tag hinein leben.
Was ich schon als relativ generell sagen würde: Wer länger lebt, hat auch mehr Erfahrungen gesammlt. Ein älterer Mensch war wahrscheinlich auch einmal jung und ungebunden und kennt daher diesen Lebensabschnitt. Ein jüngerer Mensch war wahrscheinlich noch nicht alt und hat entsprechend weniger Bindungen oder Verpflichtungen. Auch da ist „besser“ und „schlechter“ kein Adjektiv für mich, denn ich sehe Vor- und Nachteile für beide Generationen. Wie kann es also sein, dass z. B. Erfahrungen und Bindungen Vor- und Nachteil sein können?
Lebenserfahrung: Das gehobene Alter
Ein gehobenes Alter zeichnet sich häufig durch ein starreres System an Schubladen aus (geringere Flexibilität im Einordnen), weil schon viele Erfahrungen in eine gefilterte Anzahl von Schubladen einsortiert wurde. Man kennt einige oder viele der Verhaltensmuster jüngerer Menschen, deren Fallstricke und Konsequenzen, oder zumindest meint man diese zu kennen. Das ist häufig auch richtig, denn wir haben diese Dinge selbst erlebt und für uns ist das vielleicht sogar „Schnee von gestern“. Wir denken es besser zu „wissen“, geben Ratschläge und sind persönlich betroffen, wenn diese nicht angenommen und umgesetzt werden (gerade Eltern wissen, wovon ich schreibe).
Auf der anderen Seite unterliegen wir eben dem Denkfehler, dass die gleichen Erfahrungen bei anderen Menschen zu den gleichen Ergebnissen führen wie bei uns selbst. Wir vergessen, dass auch wir unser Leben lang von der älteren Generation Ratschläge erhalten haben, die wir häufig genug nicht in unseren Handlungen berücksichtigt haben. Wir verdrängen, dass wir nicht immer die Einstellungen hatten, die wir jetzt gerade haben (und die sich wahrscheinlich in vielen Belangen auch weiterhin noch ändern wird!). Es fällt uns oft schwer, dass andere die gleichen Erfahrungen selbst machen „müssen“, um ähnliche Konsequenzen daraus zu ziehen und eine Erzählung eben nicht die gleiche Qualität hat, wie eine selbst gemachte Erfahrung.
Unvoreingenommenheit: Das jugendliche Alter
Ein jugendliches Alter zeichnet sich durch ein liberaleres Weltbild mit vielen Schubladen aus (hohe Flexibilität im Einordnen), da viele Erfahrungen noch nicht in vorgefertigte Schubladen gesteckt werden (können). Ein sensibles Empfinden für Ungerechtigkeit und eine hohe Tolleranz für „Leben und Leben lassen“ spiegeln die eigenen Bedürfnisse und Wünsche wieder. Da es kaum schon etablierten Verfahrensweisen für den Alltag gibt besteht eine hohe zeitliche Flexibilität und damit einherrgehend die Option auf unregelmäßige Aktivitäten (von der Demonstration mitten am Tag zu nächtlichen Clubbesuchen).
Auf der anderen Seite fehlt das Verständnis für tiefgehende Verpflichtungen, die einen geregelten Tagesablauf (z. B. durch Kinder und Pflege der Eltern) und Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Arbeitsalltag (früh aufstehen und pünklich erscheinen, Entlassung oder Haftung bei beruflichem Versagen) mit sich bringen, so dass der älteren Generation geistige und körperliche Unflexibilität zugesprochen wird. Hier ist es nicht die fehlende Qualität der Erfahrung, sondern schlicht weg die Erfahrung selbst, die fehlt.
Was können wir daraus ziehen?
Das, was sich eigentlich jeder Mensch wünscht: Akzeptiert zu werden, wie man ist und lebt. Die meisten Menschen suchen sich nicht aus, wie sie sein wollen, sondern sind Produkt ihrer Erfahrungen, bzw. Sozialisation. Jeder Gedanke und jedes Urteil über andere Menschen sollte in meinen Idealvorstellungen direkt hinterfragen, warum ich selbst so denke (welche Erfahrungen brachten mich zu diesem Urteil über eine andere Person?) und unter welchen Umständen ein Mensch vielleicht so geworden ist, wie ich die Person gerade beurteile (fehlende Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Kindheit oder vielleicht sogar Gewalt?).
Gefühle entstehen vor dem logischen Gedanken, deshalb ist es normal als erstes ein Gefühl zu haben. Gerade negative Gefühle wie Ablehnung, Hass und Herabwürdigung sind eine schnelle und wirkungsvolle Reaktion, um einen Menschen vorzuverurteilen. Doch es ist der zweite und dritte Gedanke, der uns die Option lässt die eigenen Gefühle und damit einherrgehenden Gedanken zu hinterfragen und anderen Personen die Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen zu lassen, die wir selbst uns auch von anderen wünschen. Warum nicht heute damit anfangen …

