Unsere Gesellschaft sei sehr gespalten, heißt es immer wieder. Dass das nur bedingt so ist, haben Steffen Mau et al. ja in ihrem Buch „Triggerpunkte“ nachgewiesen. Allerdings werden in der Öffentlichkeit eben immer öfter, auch von Medien gepusht, Themen so dargestellt, dass sich entgegenstehende Aspekte konfrontativ in den Fokus gerückt werden. Dabei gäbe es m. E. viele Dinge, denen eigentlich die meisten Menschen hierzulande zustimmen würden. Ich hab da mal ein paar zusammengeschrieben.
Natürlich wird es immer einige Menschen geben, die schlichtweg (wie man neudeutsch so schön sagt) lost sind, die also überhaupt nicht mehr in irgendeiner Form argumentativ erreichbar sind, sondern nur noch auf hasserfüllten Krawall und Menschenverachtung aus sind. Denen ist eben nicht mehr zu helfen. Aber es gibt ja noch eine Menge anderer, die man, vor allem auch im direkten, persönlichen Gespräch, vielleicht mal auf ein paar Gemeinsamkeiten stoßen kann, um so eine Basis für Überlegungen zu haben, was man denn politisch machen könnte, um diese Vorstellungen dann auch umzusetzen. Dann kommt man in der Regel darauf, dass die typischen neoliberalen Konzepte, wie sie vor allem die CDU/CSU immer vorbringt, dazu nicht taugen – und die Antipolitik der AfD natürlich erst recht nicht.
Hier also mal ein paar inhaltliche Punkte, bei denen ich mir vorstellen kann, dass die allermeisten Menschen hierzulande dazu auch „Ja!“ sagen würden.
1. Ich würde gern weniger arbeiten und dafür das gleiche Geld bekommen.
2. Ich fände es gut, wenn alle in eine Krankenkasse einzahlen würden, sodass die Beiträge für die meisten sinken und die Leistungsqualität steigen würde.
3. Monatelang auf einen Facharzttermin warten zu müssen, ist sehr unschön.
4. Ich würde gern niedrigere Energiekosten haben.
5. Ich fände es gut, wenn das öffentliche Verkehrswesen besser ausgebaut, günstiger und zuverlässiger wäre.
6. Kita-Plätze sollten grundsätzlich kostenfrei sein.
7. Ich fände es gut, wenn mehr Lehrer eingestellt würden, um weniger Unterrichtsausfall zu haben.
8. Ich würde gern mit 65, vielleicht sogar schon mit 63 in Rente gehen und dann ein auskömmliches Einkommen haben.
9. Niemand braucht 100 Mio. Euro oder mehr als Vermögen.
10. Einkünfte aus Kapitalerträgen sollten nicht niedriger besteuert werden als Einkünfte aus Arbeit.
11. Menschen mit sehr hohen Einkommen und Vermögen sollten nicht die Möglichkeit haben, ihre Steuerlast auf nahezu null zu drücken.
12. Kleine landwirtschaftliche Betriebe, die um Tierwohl und gesunden Nahrungsanbau besorgt sind, sollte auskömmlich von ihrer Arbeit leben können.
13. Mir ist es wichtiger, dass jemand freundlich ist, als wie er aussieht, wo er herkommt, wen er liebt oder was seine Religion ist.
14. Ich fände es super, wenn man auf einen Blick erkennen kann, ob Lebensmittel eher gesund oder eher ungesund sind.
15. Ich finde es angenehm, dass ich in den meisten Nachbarländern nicht mehr Geld umtauschen und Preise umrechnen muss, wenn ich mal dort bin.
16. Schul- und Universitätsabschlüsse sollten nicht vom Elternhaus (und dessen Einkommen) abhängen, sondern von der Begabung der Kinder und Jugendlichen.
17. Ich würde gern Dinge einkaufen, bei denen ich einfach sicher sein kann, dass sie nicht mit Kinder- oder Sklavenarbeit, Tierqual oder erheblichen Umweltschäden produziert wurden.
18. Politische Parteien sollten ihre Finanzierung transparent machen.
19. Politiker sollten öffentlich machen, wenn sie sich mit Lobbyisten getroffen haben.
20. Wer Vollzeit arbeitet, sollte von seinem Lohn auch anständig leben können.
21. Ich finde es nicht gut, dass Miete für immer mehr Menschen kaum noch bezahlbar ist.
22. Mit Krankenhäusern und Pflegeheimen sollten keine Gewinne gemacht werden, sondern die sollten möglichst gut und reibungslos für alle funktionieren.
23. Konzerne sollten keine Extragewinne aufgrund von Krisen machen, die alle anderen Menschen stark belasten.
24. Es ist ein Unding, dass in westlichen Industrieländern so viele Lebensmittel weggeworfen werden, dass diese Menge ausreichen würde, damit niemand auf der Welt mehr hungern müsste.
25. Ich finde es gut, dass bakterielle Infektionen mit Antibiotika behandelt werden können und halte multiresistente Keime für eine gefährliche Sache.
Das, was in diesen 25 Aussagen so mitschwingt, mag jetzt so insgesamt schon ziemlich nach einem nicht zu erreichenden Utopia klingen, aber alle diese einzelnen Punkte könnten so umgesetzt werden. Dazu bräuchte es allerdings eine Politik, die sich nicht nur an den Partikularinteressen einer sehr vermögenden Klientel orientiert, sondern die sich eine Steigerung des Allgemeinwohls zum Ziel gesetzt hat.
Und natürlich bräuchte es auch Medien, die auf diese Aspekte fokussieren und nicht ständig Dinge thematisieren, die zwar für viel Dissens und Krawall geeignet sind, aber eben auch nichts mit der Lösung wirklich relevanter Probleme zu tun haben. Ein prägnantes Beispiel: das Gendern. Soll das doch meinethalben jeder machen, wie er oder sie das will, aber warum muss man so ein Tamtam darum machen und es sogar Menschen verbieten? Wessen Leben verbessert oder verschlechtert sich dadurch, dass jemand anders gendert? Aber oft genug (gerade von Rechtsaußen und denen zuarbeitenden Medien) wird so getan, als entscheide sich daran das Schicksal der gesamten Menschheit.
Ihr könnt ja einfach mal mit Freunden, Verwandten, Kollegen usw. die obigen 25 Punkte durchgehen und schauen, bei wie vielen davon Ihr dann übereinstimmend mit „Ja“ antwortet. Und darauf aufbauend dann überlegen, was sich dafür ändern müsste, damit das auch tatsächlich so eintreten würde.
So könnte tatsächlich konstruktiver politischer Austausch entstehen, bei dem Ideen erörtert werden, die abseits von dem sind, was uns doch immer wieder viel zu oft als „alternativlos“ verkauft wird – nur weil es sich eben für eine bestimmte Klientel, die eh schon mehr als genug hat, nicht rechnen würde, etwas zu ändern.
Ach so: Die Thematik Klimawandel (oder besser: Klimakrise, wenn nicht gar Klimakatastrophe) habe ich bei den 25 Punkten bewusst außen vor gelassen. Nicht, weil ich das nicht wichtig fände – ganz im Gegenteil. Allerdings ist gerade bei diesem Thema schon so viel Falschinformation gestreut worden, dass Diskussionen darüber oft und schnell quasi in Glaubenskämpfe ausarten. Und das vor allem vonseiten derer, die Menschen, die für den Erhalt unserer Biosphäre eintreten, Ideologie vorwerfen, obwohl sie selbst rein ideologisch „argumentieren“, und für die wissenschaftliche Erkenntnisse ohnehin Teufelszeug sind.

