Ein kleines, aber bezeichnendes Erlebnis

Gerade eben war noch noch einmal zur Spätrunde mit meinem Hund draußen. Als ich die Davidstraße an einer Fußgängerampel überquerte, die grün für mich zeigte, kam aus der quer dazu verlaufenden Kastanienallee ein Auto, das rechts abbog und dabei meinen Weg kreuzte. Blöderweise schaute der Fahrer lieber in der Gegend umher, als auf mich und meinen Hund zu achten, sodass ich nur durch einen beherzten Satz zur Seite mit einem kräftigen Zug an der Leine uns beide in Sicherheit bringen konnte, wobei ich noch laut „Hey!“ rief, um irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Das, was nun als Reaktion des Fahrers erfolgte, ist sehr bezeichnend dafür, wie viele Deutsche mittlerweile ticken – und es ist leider auch auf alle möglichen anderen Bereiche und Situationen übertragbar, wenn man sich das generelle Verhaltensmuster dahinter betrachtet.

Anstatt sich nämlich durch ein Handzeichen zu entschuldigen, finde der Fahrer an zu toben und im Auto rumzubrüllen, dabei zeigte er noch immer wieder auf das mittlerweile rote Fußgängersignal, was für ihn anscheinend ausreichte, um sich selbst im Recht zu wähnen. Dabei sollte eigentlich jeder, der mal eine Fahrschule besucht hat, ein paar Sachen zu einer derartigen Situation wissen:

1. Wenn man rechts oder links abbiegt, hat man querenden Fußgängern Vorrang zu gewähren und diese erst durchzulassen – es sei denn, man hat einen grünen Links- oder Rechtsabbiegerpfeil (was an dieser Ampel nicht der Fall ist).

2. Wenn ich als Autofahrer eine grüne Ampel überfahre und dann abbiege, dann haben die querenden Fußgänger dort in der Regel auch immer ein grünes Signal.

3. (Und das hat man in der Regel schon beim Verkehrskasper in der Grundschule gelernt.) Wenn man als Fußgänger bei Grün über eine Fußgängerampel geht und diese springt dann auf Rot um, dann hat man weiterzugehen und nicht mitten auf der Straße umzukehren, sodass man den Vorgang des Überquerens der Straße durchaus auch bei rotem Fußgängersignal beenden kann.

So weit die recht eindeutige Lage, die sich der Autofahrer eigentlich auch innerhalb von Sekunden hätte vergegenwärtigen können: Wenn es bei Grün über die Ampel gefahren ist, dann muss ich auch Grün gehabt haben, zumal er mich als Rechtsabbieger ohnehin hätte passieren lassen müssen. Aber nichts dergleichen geschah, stattdessen wurde versucht, das eigene Fehlverhalten zu legitimieren, indem ein Grund gesucht wurde, was denn der andere (in dem Fall ich) falsch gemacht haben könnte. Und auch sobald ein solcher Grund gefunden wird (die mittlerweile rote Fußgängerampel), wird darauf beharrt, dass man selbst ja im Recht sein müsse, ohne auch nur einen Moment daran zu zweifeln oder sich durch eine kurze Reflexion des eigenen Fehlverhaltens bewusst zu werden.

Achtet mal drauf, wenn Ihr Euch selbst im Straßenverkehr bewegt, ein derartiges Verhalten kann man eigentlich dauernd und zunehmend häufiger beobachten.

Wenn man das nun mal verallgemeinert, wird einem klar, warum so viele Menschen mittlerweile komplett argumentationsresistent sind und vollkommen irrational agieren und daherreden: Erst mal wird ein eigenes Fehlverhalten und/oder ein eigener Irrtum kategorisch ausgeschlossen, was daran liegt, dass wir dazu erzogen werden, andere Menschen in erster Linie als Konkurrenten zu sehen, sodass das Eingeständnis eines Fehlers eine Schwächung der eigenen Position im Konkurrenzkampf darstellen würde. Danach wird die Position meines Gegenübers (oder aus der aggressiv-marktraidkal indoktrinierten Sichtweise: meines Gegners oder sogar Feindes) zu diskreditieren versucht, um sich so selbst eine Legitimation fürs eigene Handeln zu verschaffen. Hierbei wird nun nicht sorgfältig abgewägt, sondern eben ein vermeintlicher Aspekt aus dem Kontext herausgegriffen, der gern jeder Logik und Kausalität widersprechen kann, wenn er denn das eigene Gefühl, dass der andere einen Fehler gemacht haben müsste und/oder falsch läge, bestätigt. Hoppla, klingt gerade wie die Beschreibung einer Diskussion mit Pegidioten, Rassisten oder ähnlichen Typen, oder?

Der Autofahrer von vorhin wird nun vermutlich zu Hause sitzen und sich immer noch über den blöden Fußgänger aufregen, der ihm da vors Auto gerannt ist und sich dann auch noch darüber aufregte, fast umgefahren worden zu sein. Wenn er nun jemand anderem von dem Vorfall erzählt, so möchte ich wetten, dass das in etwa so abgeht: „Was für ein Idiot! Der hat Rot als Fußgänger, rennt trotzdem auf die Straße und wundert sich dann, dass ich ihn beinahe angefahren hätte!“ Und wenn dieser Autofahrer dann niemanden hat, der sich die Situation vielleicht etwas genauer schildern lässt und ihn dann auf die oben angeführten drei Punkte zum Vorfahrtsverhalten beim Rechtsabbiegen hinweist, dann wird er sich bis an sein Lebensende im Recht wähnen, ohne dies auch nur ansatzweise gewesen zu sein …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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