Zeitgeistphänomen Smartphone-Manie

Nach etwas längerer Zeit mal wieder was in der Reihe „Zeitgeistphänomene“. Und diesmal hab ich mich mit dem Titel dann auch echt ein bisschen schwergetan. Das Smartphone an sich ist ja schon ein Zeitgeistphänomen, da es das eben noch nicht allzu lange gibt, aber wenn es eben um den immer exzessiveren Umgang damit geht – wie will man den dann in einem Schlagwort beschreiben? Handyglotzen? Smartphone-Sucht? Wäre auch alles möglich gewesen, letztlich erschien mir für dieses heikle, weil ein weit verbreitetes Phänomen ansprechende Thema dann doch die Manie als am zutreffendsten.

Smartphones sind überall in unserer Gesellschaft anzutreffen, sie sind selbstverständliche Gegenstände des Alltags geworden, und Slogans wie „Ein Leben ohne Smartphone? Unvorstellbar!“ (findet sich so in Katalogen von Mercedes-Benz) werden selbstverständlich verwendet und rezipiert, ohne großartig hinterfragt zu werden. Nun, für mich selbst ist ein Leben  ohne Smartphone durchaus vorstellbar, denn ich besitze so ein Teil nicht und habe auch nicht vor, mit eines anzuschaffen. Das hat mehrere Gründe, die alle im Folgenden durchscheinen werden.

Smartphones in Humor und Kunst

Mittlerweile ist das Phänomen der Smartphone-Nutzung, gerade auch in der oft anzutreffenden übermäßigen Weise, Thema von humorvollen und künstlerischen Darstellungen, in denen aber durchaus auch kritisch Aspekte mitschwingen. Diese scheinen mir als lockerer Einstieg ins Thema recht geeignet, da hier einiges angedeutet wird, auf das ich auch später noch zu sprechen kommen werde. So macht sich beispielsweise die satirische Webseite Der Postillon in einem Artikel darüber lustig, dass viele Smartphone-Dauernutzer durch die Öffentlichkeit gehen, ohne auf ihre Umgebung zu achten, indem dort beschrieben wird, wie sich ein Jurastudent einen Blindenhund zulegt, um nicht von der Realität abgelenkt zu werden, während er aufs Display starrt. Und auf Higher Perspective finden sich 22 Cartoons, in welchen die Sucht nach der Nutzung des Smartphones thematisiert wird – und in denen zum Teil schon sehr viel Wahrheit steckt.

Etwas künstlerischer und weniger humorvoll geht es dann bei der Bilderserie „Removed“ von Eric Pickersgrill zu, die auf der Webseite storyfilter.com vorgestellt wird. Der Fotograf hat hierbei Menschen aufgenommen, die in ihre Smartphones oder Tablet-PCs schauen, und danach die Geräte aus den Bildern herausretuschiert. Die leeren Gesichter und die abweisende Haltung gegenüber Mitmenschen und Umwelt, die auf diese Weise noch einmal stärker betont werden, drücken für mich vor allem eine recht tief gehende Tristesse aus. Und auch die 21 gesellschaftskritischen Bilder von unterschiedlichen Künstlern, die auf der Facebook-Seite von Arteide präsentiert werden, haben zu einem großen Teil das Smartphone, dass sich den Menschen zum Untertan macht, als Thema.

Vermutlich habt Ihr jetzt in diesen Darstellungen schon einige Verhaltensweisen wiedererkannt, die Euch auch im alltäglichen Leben (vielleicht auch bei Euch selbst) ständig begegnen. Allen gemeinsam ist zumindest, dass Smartphones nicht eben als etwas Positives dargestellt werden, sondern vor allem die negativen Aspekte bei deren Nutzung hervorgehoben werden. Und diese sind m. E. auch eklatant, weswegen ich gleich mal mit dem für mich zentralen anfange und diesen auch bewusst provokant formuliere:

Smartphones fördern die Verblödung

Das hört natürlich kein Smartphone-Besitzer gern, und eigentlich denken ja auch die meisten, dass das immer zugängliche Internet doch eher den Horizont erweitern sollte. Allerdings produziert die Nutzung von Smartphones schon einiges an Defiziten, und zwar sowohl auf intellektueller Ebene als auch auf sozialer.

a) Intellektuell

Ein DeutschlanfunkInterview mit Professor Joachim Riedel, der eine Studie leitete, in der die Ablenkung von Studenten durch ihre Smartphones während Vorlesungen untersucht wurde, bringt es auf den Punkt: Multitasking mit mehrfachem sprachlichem Input funktioniert nicht. Wer also eine WhatsApp-Nachricht liest oder schreibt, bekommt nicht mehr wirklich mit, was um ihn herum gesprochen wird. Bei den untersuchten Studenten machte sich dies in durchschnittlich um ein Drittel schlechteren Leistungen bemerkbar, und auch sonstige sprachliche Informationen dürften in der dauerpräsenten Verbalablenkung durch das Smartphone nur teilweise aufgenommen oder gar ganz verpasst werden. Wenn also jemand einem Smartphone-Nutzer etwas mitteilt, während dieser auf sein Display starrt (was ja bei vielen Gesprächen mittlerweile zwangsläufig dazugehört), so kann derjenigen nicht mehr davon ausgehen, dass die Information auch angekommen ist.

Die permanente Möglichkeit, das Internet als Informationsquelle zu nutzen, führt bei vielen Menschen dazu, dass sie sich Dinge nicht mehr merken. Wie ist noch mal die Adresse der Kneipe, wo man sich treffen will? Wann fährt die letzte Bahn zurück? Das sind durchaus nützliche Infos, die man sich aber nun nicht mehr merken muss, denn man kann sie ja jederzeit mit dem Smartphone abrufen. Was praktisch klingt, bewirkt allerdings, dass die Merkfähigkeit, die ganz gern mal ein wenig trainiert werden will, zunehmend abgebaut wird, wenn man sie nicht nutzt.

Darüber hinaus lesen viele Samrtphone-Nutzer keine längeren Texte mehr, da diese unkommod auf dem Display dargestellt werden. Alles muss knapp und kurz sein, und wenn eben mal ein komplexerer Zusammenhang erläutert werden soll und dies nicht in wenigen Zeilen mögliche ist, dann wird so was eben nicht mehr gelesen. Auf diese Weise vermindert man die Fähigkeit zum Verstehen von komplizierteren Sachverhalten, denn auch dieses will trainiert werden. Was nicht in einer Minute oder noch kürzerer Zeit aufgenommen werden kann, übersteigt die Aufmerksamkeitsspanne und wird links liegen gelassen. Verschärfend kommt natürlich hinzu, dass durch ständiges Gepiepe aufgrund einer neuen WhatsApp-Nachricht ohnehin schon dauernd die Konzentration gestört wird.

Zudem ist mittlerweile bei jungen Menschen, die mit ständiger Smartphone-Nutzung großgeworden sind, schon zu beobachten, dass diese nicht mehr in der Lage sind, Karten zu lesen. Wozu auch, wenn man ein Navi immer dabeihat? Dass es sich beim Lesen von Karten mit der Umsetzung des zweidimensionalen Bildes in die dreidimensionale Realität und der dazugehörigen Orientierung um eine wichtige intellektuelle Fähigkeit handelt, die so ebenfalls verkümmert, interessiert dabei dann eher weniger.

b) Sozial

Mal abgesehen davon, dass die Unhöflichkeit, einen Gesprächs- oder Tischpartner zu ignorieren, indem man sich lieber auf ein Display schaut, als sich um Konversation zu bemühen, so führt dieses Verhalten doch auch zu einer zunehmenden Egozentrik: Der Smartphone-Nutzer kreist lieber um sein selbst kreiertes Universum in seinem Gerät, als sich mit seiner Umgebung, die nicht so strukturiert und kontrolliert werden kann, auseinanderzusetzen. Gerade Letzteres ist allerdings eine wichtige soziale Fähigkeit, die auf diese Weise zum Verkümmern gebracht wird.

Ein besonderer Ausdruck dieses Phänomens ist das Selfie: Fotos werden nicht mehr gemacht, um irgendetwas Sehenswertes einfach so festzuhalten, sondern es geht darum, stets selbst mit auf dem Bild zu sein. Die eigenen Person wird also in den Mittelpunkt gerückt, das Ego wird zentriert.

Und auch wenn anscheinend die Kontakte, die über das Smartphone gepflegt werden, eine größere soziale Eingebundenheit suggerieren, so führt die Smartphone-Nutzung doch eher zu sozialer Vereinzelung. Dazu muss man sich nur mal vor Augen führen, wie es vor einigen Jahren noch auf Partys gewesen ist, wenn man selbst bis auf den Gastgeber wenige Gäste kannte: Man kam eben irgendwann mit Unbekannten ins Gespräch. Das passiert heute weitaus seltener, da augenblicklich, sobald kein Input mehr vorhanden ist (beispielsweise ein bekannter Gesprächspartner) ins Smartphone geglotzt wird. Auf diese Weise entstehen keine spontanen Begegnungen und Kontakte …

Ein weiterer Verlust: die Fähigkeit, zu warten und sich zu gedulden, wird eingeschränkt. Wie heißt noch mal der Schauspieler, der die Hauptrolle in dem Film neulich gespielt hat? Ist der Song einer Band auf deren erstem oder zweitem Album? Fürher hat man sich dann eben ein wenig geduldet und das zu Hause nachgeschaut, heute sind die Infos gleich verfügbar, niemand muss mehr darauf warten. Blöderweise sinkt auf diese Weise allerdings auch die Frustrationstoleranz (auch eine wichtige soziale Kompetenz), wenn man mal zwangsläufig auf etwas warten muss …

c) Gefährliche Verhaltensweisen

Fußgänger schauen beim Umherlaufen beständig in ihre Smartphones, Autofahrer nutzen jeden kurzen Ampelstopp für einen Blick aufs Display und packen das Handy auch sonst nicht aus der Hand, selbst Fahrrad- und Motorradfahrer habe ich schon gesehen, die beim Fahren lieber auf ihr Smartphone schauen, als den sie umgebenden Verkehr zu beachten. Kennt jeder, oder? Und jeder hat bestimmt auch schon mal erlebt, dass deswegen gefährliche Situationen entstehen (ich beobachte das quasi im Wochentakt) oder sogar Unfälle passieren. Darüber hat mittlerweile schon der ADAC berichtet, und auch ein Beitrag des BR-Magazins quer beschäftigt sich mit diesem unschönen Phänomen.

Wenn ich mittlerweile von tödlichen Unfällen lese oder höre, bei denen die Unfallursache als ungeklärt angegeben wird, weil ein Fahrzeug beispielsweise auf gerade Straße plötzlich von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum gefahren ist, dann vermute ich eigentlich zunächst mal immer Smartphones als Ursache. Achtet mal drauf, solche Meldungen kommen gar nicht mal so selten …

Zusammengefasst: Man nimmt weniger (relevante) Information auf und verliert intellektuelle Fähigkeiten. Man entwickelt egozentrische Züge, soziale Kompetenzen entwickeln sich zurück. Und man gefährdet sich und vor allem auch andere. Kann man m. E. schon recht gut mit dem zugegebenermaßen unschönen Wort „Verblödung“ zusammenfassen, oder?

Der Suchtfaktor

Wir kennen das alle: Man sitzt in einer Kneipe und unterhält sich mit jemandem, und in unserem Sichtfeld befindet sich ein Fernseher, auf dem irgendetwas läuft, das kann auch ohne Ton sein. Ständig wandert unser Blick zum Bildschirm, auch wenn uns eigentlich gar nicht interessiert, was dort geschieht, denn die Bewegung dort fängt unsere Aufmerksamkeit ein. Mit dem Display des Smartphones haben nun viele Menschen genau dieses Phänomen als ständigen Begleiter in der Tasche.

Dazu kommt die Befürchtung, irgendetwas verpassen zu können, sodass man ständig das Handy hervorholt und nachschaut, ob sich nicht jemand gemeldet hat oder es etwas Neues gibt. Im Schnitt schaut der Deutsche mittlerweile alle 15 Minuten auf sein Handy – und beschäftigt sich dabei vornehmlich mit News – eine Beschäftigung, die er eigentlich nicht als besonders relevant einordnet im Vergleich zu anderen Tätigkeiten. Ein ausgezeichneter Artikel im Zeitmagazin (ist etwas länger, lohnt sich aber wirklich, den komplett zu lesen) beschäftigte sich vor einigen Monaten genau damit und beschreibt zudem, welche Maßnahmen es mittlerweile gibt, um diesem Suchtverhalten entgegenzuwirken: Workshops, Ruheräume und Apps, die einen für einen vorher definierten Zeitraum das Smartphone nicht mehr aktivieren lassen. Auch was dort zum Handy-Gebrauch geschildert wird, ist erschreckend und zeigt, wie hoch das Suchtpotenzial dieser Geräte ist – und wie sehr das daraus resultierende Suchtverhalten mittlerweile verbreitet ist: Die Hälfte der Smartphone-Nutzer nehmen das Gerät mit ins Schlafzimmer, ein Drittel sogar mit ins Badezimmer.

Dazu muss man sich ja nur mal im Alltag umschauen: Selbst wenn man etwas macht, was eigentlich die Aufmerksamkeit erfordert und für das man sogar Eintritt bezahlt hat, um es zu erleben (Konzerte, Sportveranstaltungen, Kinofilme …), gibt es immer mehr Menschen, die dann lieber auf ihr Smartphone starren, als sich dem Dargebotenen zu widmen. Mittlerweile gibt es ja auch schon den Begriff „Smombies“ für diejenigen, die andauernd mit Blick aufs Handy durch die Gegend laufen. Nicht gerade schmeichelhaft, aber m. E. durchaus treffend …

Und wie selbstverständlich wird dieses Suchtverhalten auch mittlerweile fast überall akzeptiert: Wenn mehrere Menschen zum Essen gemeinsam an einem Tisch sitzen, dann kann man fast davon ausgehen, dass mindestens auch ein Smartphone auf dem Tisch liegt – und auch im Laufe der Mahlzeit benutzt wird. Diese Art der Flucht aus dem Hier und Jetzt ist mittlerweile anscheinend zu einem weithin vollkommen akzeptierten Verhalten geworden. Das macht es umso schwieriger, es als Sucht zu kennzeichnen: Heroinabhängige gibt es wenige, das sind natürlich Süchtige, aber Raucher sind eben etwas ganz Normales, von denen sehen sich nur wenige selbst als Süchtige. Bis sie dann mal ernsthaft versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Ähnlich ist es mit den Smartphones, und eine Passage in dem oben verlinkten Zeitmagazin-Artikel verdeutlicht das in besonderem Maße:

„Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr Smartphone zu Hause liegen lassen“, hieß es voriges Jahr in einer Umfrage unter 2000 Haushalten in den USA: „Würden Sie umkehren?“ Immerhin jeder Dritte kreuzte an: „Ja – egal, wie lange es dauert.“

Genau das ist es, was starkes Suchtverhalten kennzeichnet …

Ständige Erreichbarkeit

Vor zehn Jahren galt es noch als hip, ständig und überall erreichbar zu sein, mittlerweile kehrt sich dies schon ein wenig um, und das nennt sich dann „digitales Cocooning“, was in einem Artikel des zukunftsInstituts beschrieben wird. Dort ist auch von intermentalen Krankheiten die Rede, die ihre Ursache in der immer währenden Vernetzung mit anderen haben: Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass man beständig mit eigentlich sinnlosen Dingen beschäftigt ist und sich schlecht fühlt, wenn man dieses nicht macht. Natürlich spielt hier auch der Suchtfaktor wieder eine Rolle.

Dass es mittlerweile also als eine Art Luxus gilt, nicht erreichbar zu sein, und dies auch explizit hervorgehoben werden muss, zeigt, wie tief dieses Verhalten schon in wenigen Jahren Wurzeln in unserem alltäglichen Leben geschlagen hat. Dass der permanente Stress, der mit der permanenten Erreichbarkeit einhergeht, nicht eben gesundheitsförderlich ist, liegt wohl auf der Hand, oder?

Außerdem schließt sich hieran gleich noch ein weiterer ausgesprochen unschöner Aspekt an:

Der gläserne Bürger

Das klingt nun erst mal dramatisch, und die meisten dürften dabei vor allem erst mal an Geheimdienste, Vorratsdatenspeicherung und Ähnliches denken, aber dank exzessiver Smartphone-Nutzung bastelt man selbst mehr als genug mit daran, dass möglichst viele Informationen von einem für andere verfügbar sind.

Ein Mimikama-Artikel beschriebt, wie sorglos die meisten Menschen mit sensiblen Daten in Bezug auf ihr Smartphone umgehen – ein Gerät also, dass man ständig bei sich hat und das dementsprechend auch die Tendenz hat, gestohlen zu werden. Und es geht ja nicht nur um Informationen, die man selbst preisgibt, denn Smartphones können ja beispielsweise ständig geortet werden, sodass nachvollzogen werden kann, wo sich der Besitzer gerade aufhält. Dies wäre aber ein weiterführendes Thema, das eher separat behandelt werden sollte, sodass ich hier jetzt gar nicht weiter darauf eingehen möchte, um nicht zu weit weg zu kommen von der eigentlichen Intention dieses Artikels.

Schädlicher Konsum

Durch das Smartphone werden wir quasi zum Dauerkonsumenten. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Umsätze mit Mobilfunkdienstleistungen in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Dabei bezahlen wir nicht nur mit Geld für die Geräte, den Mobilfunkvertrag, nicht kostenlose Apps und Strom für das Gerät, sondern auch mit unserer Aufmerksamkeit, die in Form von Klicks, Zeit/Verweildauer und Wahrnehmen von Werbung eine wichtige Währung ist.

Im Sinne der kapitalistischen Verwertungslogik ist das natürlich super, denn danach ist es ja umso besser, je mehr Zeit der Mensch mit Produktion oder Konsum verbringt, da diese beiden Faktoren wichtig für den Systemerhalt sind. Wer sich einfach nur mit jemand anderem unterhält und dabei spazieren geht, ist also quasi schon subversiv, sodass das Smartphone hier eine größere Effektivität der Verwertung von Humanressourcen bewirkt. Die Auswirkungen auf den Nutzer selbst sind dabei nicht immer so wirklich positiv. Einiges klang ja schon weiter oben im Text an, auf ein paar weitere Aspekte möchte ich hier noch kurz eingehen:

Wenn man sich beispielsweise die Haltung anschaut, die Smartphone-Nutzer in der Regel einnehmen, so fällt Folgendes auf: Der Rücken ist eher gebeugt, der Kopf gesenkt, die Arme liegen am Körper an. Aus einer interessanten und ausgesprochen sehenswerten Folge der WDR-Sendung Quarks & Co mit dem (zugegebenermaßen nicht ganz glücklich gewählten) Titel „Krank? Selbst schuld!“ geht hervor, wie die Körperhaltung unsere Befindlichkeit beeinflusst: Wenn man sich freut, weil man beispielsweise etwas geschafft hat, dann streckt man den Körper, man reißt die Arme hoch, springt vielleicht sogar ein Stückchen in die Höhe – man macht sich selbst groß. Anders sieht es aus, wenn man sich vor etwas ängstigt und sich daher verstecken will: Man kauert sich zusammen, zieht Arme und Beine dicht an den Körper heran und senkt den Kopf – man macht sich selbst klein. In der Quarks & Co-Folge wird nun aufgezeigt, wie nicht nur unser Empfinden die körperliche Reaktion beeinflusst, sondern umgekehrt auch die körperliche Haltung unser Empfinden. Dies lässt dann den Rückschluss zu, dass die typische Körperhaltung beim Smartphone-Nutzen uns eher in einen Zustand des negativen Empfindens versetzt. Von etwaigen Haltungsschäden (Stichwort Rundrücken) mal ganz abgesehen …

Nun könnte man natürlich sagen, dass ja schließlich jeder selbst für sich verantwortlich ist, wobei der oben geschilderte Suchtfaktor dem schon mal ein Stück weit entgegensteht und auch der gesellschaftliche Druck, ein Smartphone haben und nutzen zu müssen (mit einigen Menschen hat man sonst auf einmal keinen Kontakt mehr, wenn man beispielsweise kein WhatsApp nutzt – und das ist für viele eben nicht leicht, sich dann nicht ausgegrenzt zu fühlen), nicht außer Acht gelassen werden darf. Heikel wird es aber dann, wenn es um diejenigen geht, die noch nicht mündig sind und insofern keine vollumfänglich reflektierten Entscheidungen treffen können: Kinder.

Ein Artikel auf Science ORF.at beschreibt, in welchem Maße Smartphones bei Kindern ein Stressfaktor sind. Eine Untersuchung im Auftrag der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen ergab, dass sich jeder vierte Acht- bis 14-Jährige durch die Dauerkommunikation via Smartphone gestresst fühle. Und auch die anderen Ergebnisse der Studie zeigen auf, wie sehr unsere Kinder dem Phänomen Smartphone recht schutzlos ausgeliefert sind:

Fast die Hälfte der Studienteilnehmer gab an, durch das Handy abgelenkt zu werden, etwa von den Hausaufgaben (48 Prozent), oder unüberlegt persönliche Daten preiszugeben (43 Prozent). Mehr als jeder vierte junge Befragte gab an, schon einmal Nachrichten von Fremden erhalten zu haben. Jeder Vierte fühlte sich durch die permanente Kommunikation über Messenger-Dienste wie WhatsApp gestresst (24 Prozent).

Jeder Fünfte (21 Prozent) landete laut der Studie schon auf nicht jugendfreien Seiten. 20 Prozent gaben schulische Probleme durch starke Handynutzung an, 19 Prozent erhielten via Smartphone Gewaltvideos mit entwürdigenden Darstellungen.

Jeder Siebente (15 Prozent) bemängelte, dass die echten Kontakte zu Freunden zu kurz kommen würden. Jeder Zehnte (elf Prozent) sei bereits Opfer digitalen Mobbings oder aus WhatsApp-Gruppen ausgegrenzt geworden. Am geringsten scheint bei den Acht- bis 14-Jährigen noch das Problem des sogenannten Sextings: Nur knapp jeder 20. Befragte (vier Prozent) gab an, bereits intime Fotos verschickt zu haben.

Erschreckend sind diese Werte vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um Mindestgrößen handeln dürfte, da die Forscher davon ausgehen, dass viele der befragten Kinder die negativen Aspekte des Smartphones eher ausblenden oder herunterspielen.

Des Weiteren entstehen laut der Studie regelmäßig familiäre Konflikte wegen der Smartphone-Nutzung der Kinder. Da ich selbst etliche Freunde habe mit Kindern im Teenageralter, kann ich das so aus eigenen Erfahrungen und Schilderungen der Eltern bestätigen.

Doch nicht nur der Nutzer selbst hat unter der Smartphone-Manie zu leiden, sondern auch die Produzenten, wie aus einem Artikel im Le Monde Diplomatique hervorgeht. Mit dem sogenannten Fairphone wird zwar versucht, die Bedingungen beim Rohstoffabbau und bei der Produktion der Geräte zu verbessern, und das Amsterdamer Unternehmen bemüht sich auch um Transparenz – was jedoch vor allem dazu führt, dass erkennbar wird, wie langsam hier nur selbst kleine Fortschritte erzielt werden können. Davon abgesehen, ist das Fairphone natürlich auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die allermeisten Smartphones basieren vollkommen selbstverständlich auf Kinderarbeit, Rohstoffen aus Krisenregionen, mit deren Verkauf Milizen und Warlords finanziert werden, und Fabriaktionshöllen (meistens in Fernost), in denen arbeitsrechtliche Standards ein Fremdwort sind.

Dazu kommt noch, dass Smartphones nicht sehr langlebige Geräte sind. Das ergibt sich zum einen daraus, dass man die Dinger ständig mit sich rumschleppt, sodass sie eben öfter auch mal runterfallen können oder anderweitig beschädigt werden (gerade bei Mikroelektronik nicht so günstig), zum anderen hängt das natürlich auch damit zusammen, dass es ständig neue Geräte gibt, denen dann fast schon wie einem Fetisch gehuldigt wird (da muss man sich nur mal vor Augen halten, was immer los ist, wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt). Das alte Gerät mag dann zwar noch brauchbar sein, ist aber nicht mehr up to date, und als Statussymbol taugt es auch nicht mehr. Auf diese Weise wird durch Smartphones noch mal ein enormer zusätzlicher Berg an Elektroschrott produziert, der dann entweder aufwendig entsorgt werden muss oder aber praktischerweise einfach nach Afrika verschifft wird und dort dann die Umwelt ruiniert.

Passend zum Zeitgeist

Kaum etwas ist so bezeichnend für den momentanen Zeitgeist wie das Smartphone: Der Mensch als Dauerkonsument unter Zeitdruck, der alles möglichst schnell und effektiv machen will, dabei aber sowohl auf seine Lebensqualität als auch auf die Bedingungen der Produktion des Gerätes nicht im Geringsten achtet. Quantität vieler parallel laufender Kommunikationsprozesse schlägt die Qualität von fokussiertem inhaltlichem Austausch. Oberflächlichkeit wird gefördert durch ständige Flucht aus dem Hier und Jetzt, genauso wie Egozentrik, soziale Kompetenzen werden abgebaut. Klingt insgesamt ziemlich ätzend, oder? Bleibt nur die Frage, warum dann fast alle dabei mitmachen …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

11 thoughts to “Zeitgeistphänomen Smartphone-Manie”

  1. Gerade habe ich einen Artikel aus der Jüdischen Allgemeinen von letzter Woche entdeckt, in dem von einer israelischen Studie berichtet wird, in der nachgewiesen wurde, dass intensiver Smartphone-Gebrauch bei Männern die Spermienkonzentration und damit die Vermehrungsfähigkeit signifikant verringert. Wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass sich Smombies für so was überhaupt interessieren …

  2. Tja, und so was ist dann leider auch bezeichnend für die Smombies. Die Polizei NRW Hagen schildert heute Folgendes auf ihrer Facebook-Seite:

    Schämt Euch, ihr Gaffer vom Hauptbahnhof
    Hey ihr Gaffer vom Hauptbahnhof,
    wie ihr ja bereits durch Eure grenzenlose Neugier wisst, ist heute Nachmittag – in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof – ein kleines Mädchen von einem Auto angefahren worden, als es bei Rot über die Straße lief. Dabei verletzte es sich schwer und musste mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden.
    Ihr solltet Euch was schämen, dass mehrere hundert von Euch mit dem Smartphone in der Hand die Rettungsarbeiten massiv behindert haben. Euch ging es nur darum, das verletzte Kind und die Landung des Hubschraubers zu filmen. Sogar mehrere Streifenwagen waren notwendig, um den Rettungskräften den nötigen Platz zu verschaffen. Polizisten in der Absperrung habt ihr gefragt, ob sie mal an die Seite gehen können, damit ihr besser filmen könnt. Unfassbar!
    Um das Mädchen in Ruhe behandeln zu können, hat die Feuerwehr es mit weissen Tüchern verdeckt. Aber selbst das hat Euch nicht daran gehindert mit Euren Smartphones in der Hand angelaufen zu kommen und über die Tücher zu gaffen. Das ist wirklich der Gipfel der Skrupellosigkeit.
    Merkt Euch für die Zukunft eins: Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei sind da um Leben zu retten und nicht um durch Euch Gaffer in der Arbeit behindert zu werden. Jeder von uns könnte der Nächste sein und bei der Rettung zählt jede Sekunde. Wir haben im Einsatz echt was Besseres zu tun, als uns auch noch um Euch zu kümmern. Lasst zukünftig die Smartphones in der Tasche und geht einfach weiter.
    Die Polizei Hagen

  3. Passend zum vorherigen Kommentar: Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) will nun ein Gesetz auf den Weg bringen, durch welches das Gaffen, um Fotos und Filmaufnahmen bei Unfällen u. Ä. zu machen, unter Strafe gestellt wird, wie beispielsweise ein Artikel auf der NDR-Webseite berichtet. Ein weiteres Indiz dafür, dass Smartphone-Benutzung unsoziales Verhalten fördert – und traurig, dass es so ein Gesetz überhaupt geben muss.

    Dabei fällt mir dann auch noch ein anderer Fall ein, von dem ich vor einigen Wochen las (zum Beispiel hier im Stern): In Argentinien machten Touristen so lange Selfies mit einem gestrandeten Delfinbaby, anstatt es wieder schnellstmöglich ins Wasser zu bringen, dass das Tier schließlich austrocknete und starb. Einfach nur zum Kotzen, wie ich finde.

  4. Ein interessanter Artikel in der Zeit von Ende letzten Jahres ist mir zu diesem Thema gerade in die Finger gekommen: Darin schildert Gastautorin Kati Krause aufgrund eigener Erfahrungen, wie ungünstig die Nutzung sozialer Medien auf Depression wirken können. Die dort beschriebenen Phänomene dürften sich noch mal massiv verstärken, wenn man nicht von einem Rechner auf einem Schreibtisch ausgeht, den man halt einfach mal stehen lässt und gar nicht benutzen kann, wenn man unterwegs ist, sondern von einem mobil immer paraten Gerät wie einem Smartphone.

  5. Gestern Abend ist mir bei einem Konzert der Verlust einer weiteren intellektuellen Fähigkeit bewusst geworden, der durch den Gebrauch von Smartphones hervorgerufen wird: Das Verbalisieren verkümmert.
    Ich war bei einem Konzert, und während des letzten Songs begab sich der Sänger ins Publikum, enterte den Bartresen und sang, auf diesem stehend, weiter. Auf diese Form der Publikumsnähe reagierten viele Zuschauer erst mal damit, ihre Smartphones rauszuholen, um das Geschehen in Form von Fotos oder Videoaufnahmen festzuhalten.
    Diese Zuschauer werden nun also später, wenn sie Freunden davon berichten wollen, mehrheitlich ihre Telefone zücken und die Aufnahmen präsentieren, anstatt das Gesehene in Worten zu beschreiben.
    Und wie das mit derartigen Fähigkeiten so ist: Wenn man sie nicht nutzt, dann verbessern sie sich nicht gerade, vielmehr können sie oft nicht mal mehr erhalten werden. Was dazu kommt: Wenn wir Dinge, die wir erlebt haben, noch einmal anderen Menschen berichten, vertiefen wir unsere eigene Erinnerung daran. Die Erinnerung wird also quasi mithilfe der Smartphones externalisiert, vom Gehirn in die Speicherkarte des Handys.
    Solange meine Festplatte im Kopf noch funktioniert, bin ich in jedem Fall froh, nicht auf so ein Gerät zurückgreifen zu müssen …

  6. In der NDR-Satiresendung extra 3 kam auch kürzlich in der Rubrik „Realer Irrsinn“ ein amüsanter zweiminütiger Beitrag, der sich um Smombies dreht: In der Stadt Augsburg wurden demzufolge jetzt wohl tatsächlich rote Lichter am Boden an zwei Straßenbahnhaltestellen angebracht, damit Smartphone-Glotzer diese sehen und nicht bei Rotlicht der Ampel vor die Straßenbahn laufen. Na denn …

  7. Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau skizziert, welche Probleme sich durch Smartphones im schulischen Alltag ergeben und wie darauf reagiert wird. Interessant vor allem die Erfahrung, dass bei der Schule, welche die Smartphone-Nutzung komplett untersagt, der Eindruck entsteht, die Jugendlichen wären glücklicher, da so ein großer Druck von ihnen genommen wird, ständig ihr Telefon im Blick haben zu müssen.

  8. Interessanter Text, vor allem für Eltern: Auf den esoterischen Portal Sein beschreibt der zwölfjährige Benjamin Neukirch in einem Artikel seine Erfahrungen mit und ohne Smartphone. Seine Eltern haben ihn beim Übergang aufs Gymnasium (im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden) erst mal noch zwei Jahre smartphonefrei gelassen. Die Erfahrungen, die Benjamin in dieser Zeit gemacht hat, und auch die Beschreibung seines jetzigen Lebens, das er mittlerweile mit einem Smartphone führt, zeigen recht gut, welcher Stress für Kinder durch die Dinger entsteht. Ausgesprochen lesens- und nachdenkenswert!

  9. Dr. Nicholas Karados ist Experte für bildschirmsüchtige Kinder. In einem lesenswerten Artikel in der New York Post (leider nur auf Englisch, ist aber recht gut verständlich geschrieben) schildert er, wie sich das Suchtverhalten von Kindern äußert (auch neurophysiologisch), welche Folgen dies haben kann und wie man dagegen angehen kann als Eltern.

  10. In der ÄrzteZeitung appelliert Elke Oberhofer in einem Artikel, den Kindern als Eltern ein gutes Beispiel zu geben und selbst nicht dauernd ins Smartphone zu schauen, um dem bedenklicher Smartphone-Nutzung vieler Kinder und Jugendlicher, den sie zuvor beschreibt, entgegenzuwirken. Dabei wendet sie sich auch gegen den Mythos, dass permanentes Daddeln am Mobiltelefon Medienkompetenz oder ein erweitertes technisches Verständnis fördern würde. Gut, dass das Thema immer öfter aufgegriffen wird, weniger gut, dass das eher in kleineren Publikationen der Fall ist.

  11. Auf Zeit Online findet sich ein lesenswertes Interview mit dem Computerwissenschaftler David Levy zum Thema Smartphones und Suchtverhalten. Darin wird deutlich, dass mittlerweile auch in IT-Kreise eine breite Diskussion dazu stattfindet und dieses Phänomen als bedenklich wahrgenommen wird. Zudem finden sich darin etliche interessante Aussagen zu technischen Möglichkeiten, um die eigene Smartphone-Nutzung zu regulieren, Mythen über die sogenannten „Digital Natives“ und zum Suchtverhalten generell.

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