Verstehen statt verurteilen – AfD, PeGiDa und Co.

Es ist ja alles nicht so einfach: An allen Ecken und Enden von Deutschland, Europa und der Welt wird die Gesellschaft polarisiert und zeigt mit dem Finger auf die anderen. Das ist verständlich, aber aus meiner Erfahrung wenig produktiv und fördert die Spaltung der Gesellschaft. Sicherlich ist der Grund für die verurteilende Haltung gegen unsolidarische Gruppen wie AfD-Wähler oder PeGiDa-Anhänger gerechtfertigt, aber am Ende agiere ich dann nicht viel diplomatischer als die verurteilte Gruppe, wenn ich diese kategorisch ablehne und beschimpfe. Oder provokativ geschrieben: Ein links denkender Mensch ist nicht von Haus aus weniger radikal oder mehr einsichtig als ein rechts denkender Menschen und kann genauso schnell ganze Gruppen verurteilen. Daher kann das aus meiner Sicht nicht das Mittel der Wahl sein, und es gibt durchaus Alternativen, aber die sind eben nicht „so einfach“ oder „mal eben“.

Warum nicht verurteilen?

Der Titel des Beitrags sagt es ja schon: verstehen statt verurteilen. Das ist zunächst einmal einfacher gesagt als getan und auch ein Stück weit utopisch, denn die Aussichten auf einen schnellen Erfolg sind mäßig. Aber erst einmal einen Schritt zurück. Nehmen wir das Beispiel „AfD-Wähler“: Das ist genauso wenig eine homogene Gruppe wie die von ihnen selber stigmatisierten Gruppen (z. B. „DIE Ausländer“). Was die meisten von ihnen aber eint, ist Angst. Angst vor Überfremdung, vor Kriminalität und/oder vor sozialem Abstieg. Auch Wut ist in dem Zusammenhang nur ein anderes Gesicht der gleichen Angst, die aus Ohnmacht und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, resultiert. (Ich stieß erst kürzlich über den Einschlaf-Podcast Folge 360 auf das Zitat von Meister Yoda aus Star Wars: „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“)

Die Leute haben also Angst/Furcht und kanalisieren diese auf das (vermeintlich) nächst schwächere Glied in der Gesellschaft. Das ist grundlegend verkehrt und sollte auch auf keinen Fall toleriert oder verteidigt werden! Aber „Angst“ an sich ist keine intellektuelle Einstellung oder eine bewusste Entscheidung, sodass man diese nicht einfach abschalten kann. Es ist wie mit dem Hunger oder der Höhenangst: Wenn jemand kommt und sagt: „Hör jetzt mal auf damit!“, dann hilft das nicht ein Stück weiter. Aber was hilft weiter?

Was hilft?

In der Verhaltenstherapie wird meistens erst einmal mit einer schrittweise Näherung an die Angst auslösende Situation begonnen (sofern es nicht körperliche Ursachen für die Angst gibt). So setzt man die Person mit Höhenangst schrittweise größeren Höhen aus. Gleiches sollte im Prinzip auch bei Fremdenangst gehen, denn ich nehme einmal an, dass fast jeder AfD-Wähler auch einen oder mehrere (für sie) „gute“ Ausländer kennt. Ob Arbeitskollege/Arbeitskollegin, Service aus der Dönerbude/dem Restaurant oder auch nur aus dem Fernseher. Okay, das ist ein kleiner Anfang … ein sehr kleiner Anfang … aber es ist mehr als das stumpfe Beschimpfen und Verurteilen und in jedem Fall der Versuch, konstruktiv zu wirken.

Auch wenn die Erfahrung uns 1.000-mal gelehrt hat, dass man mit „Rechten nicht reden kann“ oder „die Ausländer alle faul sind“, so hat auch der 1.001. das Recht auf eine Betrachtung als Individuum und damit die Chance, die bisher gemachten Erfahrungen zu widerlegen. Menschen sind keine Gegenstände, und stumpfe Vergleiche wie „Schneidest Du Dich nun auch 1.001-mal an einem Messer, um zu sehen, ob es scharf ist?“ kann man sich sparen, denn diese Art der Polarisierung ist es, die uns einander so schnell verurteilen lässt. Also noch einmal deutlich: Verurteilen durch Vorurteile kann jeder.

Und warum soll ich solche „Idioten“ jetzt versuchen zu verstehen? Wo ihre Einstellung doch grundlegend falsch ist? Die Frage beantwortet sich eben anders herum: Was denn sonst? An die Wand stellen? Die „Scheiße rausprügeln“? Mich davorstellen und sie beschimpfen? Wie es schon die Ärzte sangen: „Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man Dir das nicht erklärt?“ (wobei das Zitat hier doch schon böse aus dem Zusammenhang gerissen ist *schmunzel*). Und so bleibt nur der mühsame Weg, sich mit jedem Einzelnen auseinanderzusetzen, ihn zu verstehen und auch seine Argumente erst einmal anzuhören. Von jeder Einzelnen und jedem Einzelnen … (Ich wollte eigentlich auch noch schreiben, dass man sie trotzdem scheiße finden darf, aber dann kann man sich die Auseinandersetzung mit jemandem auch gleich sparen!)

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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