Unrechtsstaat vs. Friedensnobelpreisträger

Ob ein territoriales Gebiet als Unrechtsstaat bezeichnet wird oder einen Friedensnobelpreis erhält, hängt anscheinend nicht von dessen Handlungen ab, sondern davon, wer darunter zu leiden hat: Menschen erster oder zweiter Klasse.

Die DDR war ein Unrechtsstaat, darüber muss man wohl nicht großartig diskutieren. Wer zudem seine Bürger einsperrt, kann von dem, was er da politisch so abzieht, ja wohl nicht so sehr überzeugt sein. Im Endeffekt stellt sich mir die DDR zudem mehr als kleptokratisches Regime dar denn als sozialistisches – auch wenn das immer groß betont wurde. Die Führungseliten haben allerdings nicht wirklich ansatzweise nach sozialistischen Vorstellungen gelebt und sich selbst hemmungslos bereichert – passt irgendwie nicht zusammen, finde ich.

In jedem Fall ist der entscheidende Punkt, warum die DDR als Unrechtsstaat durchgeht, die Sache mit dem rabiaten Vorgehen an der Grenze. Wer rauswollte und das nicht über den offiziellen (und oft erfolglosen) Weg probiert hat, riskierte sein Leben, und insgesamt 892 Tote (Quelle der Zahl: s. hier) an der innerdeutschen Grenze sind ein fürchterliches Zeugnis hierfür.

So weit, so gut. Was nun allerdings zurzeit an der südlichen Grenze von der EU passiert, ist da doch noch mal ein komplett anderes Kaliber, denn laut diesem lesenswerten Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik sterben da am und im Mittelmeer mehr als doppelt so viele Menschen wie an der innerdeutschen Grenze von 1949 bis 1989 – und das pro Jahr!

Nun geht es mir bestimmt nicht darum, die Toten gegeneinander aufzurechnen, ich finde es nur bedenklich und abstoßend, wie hier anscheinend selbstverständlich ein Menschenbild vorherrscht, dass Menschen in unterschiedliche Qualitätsstufen einteilt: hier die Flüchtlinge aus dem Unrechtsstaat DDR, die gern willkommen sind, dort die Flüchtlinge aus Afrika, die man lieber nicht hier haben will und bei denen es nicht so schlimm ist, wenn von denen welche im Mittelmeer ersaufen. Der Gipfel dieser zynischen Sichtweise ist dann m. E. die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU, die ein derartiges Massaker an ihren Grenzen nicht nur zulässt, sondern sehr billigend in Kauf nimmt.

Über den zweiten Aspekt der Definition des Unrechtsstaates, die ausgiebige Bespitzelung seiner Bürger, wird hier demnächst bestimmt auch noch etwas zu lesen sein …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 thoughts to “Unrechtsstaat vs. Friedensnobelpreisträger”

  1. Gerade habe ich einen interessanten Artikel dazu (leider nur auf Englisch) gelesen, in dem es um den belgischen König Leopold II. geht, der eta 10 Mio. Kongolesen in der Zeit der Kolonialisierung ermorden ließ – und was weitgehend aus der gängigen Geschichtsschreibung in Europa ausgeklammert wird.

    So etwas zeigt m. E. deutlich auf, wie sehr die Sichtweise der Afrikaner als Menschen zweiter Klasse in Europa manifestiert ist.

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