Neid

In der letzten Woche hatte ich auf Facebook eine kleine Diskussion, in der dann irgendwann wieder das unvermeidliche Argument kam, ich wäre doch nur neidisch (es ging dabei um teure Autos). Da ich (und bestimmt auch viele andere, die gern mal ein bisschen kritisch abseits des Mainstreams denken) schon öfter mit diesem reflexartigen Scheinargument konfrontiert wurde, hier nun mal ein paar generelle Gedanken dazu.

Neid hat ja im Deutschen durchaus zwei verschiedene Konnotationen, nämlich eine eher positive und eine eher negative. Im positiven Sinne wird Neid gebraucht im Sinne von jemanden zu beneiden, wenn diesem gerade etwas Schönes widerfährt, beispielsweise eine tolle Urlaubsreise. Man drückt damit also aus, dass man sich für denjenigen freut, was ich übrigens auch lieber so formuliere, da eben in dem Wort Neid immer auch die negative Seite mitschwingt: ein Neidhammel, neidisch im Sinn von missgünstig oder neiderfüllt zu sein. Dies ist auch grundsätzlich die Art, wie Neid verstanden wird, wenn es als Totschlagargument verwendet wird, um jemandem inhaltliche Absichten abzusprechen und niedere Beweggründe zu unterstellen, wenn derjenige es wagt, gegen irgendwelche materiellen Auswüchse zu argumentieren.

Das Argument Du bist ja nur neidisch geht auf ein sehr reduziertes Weltbild zurück, dass leider immer mehr Menschen heutzutage eingepflanzt wurde und dass monetäre Quantität als höchsten Maßstab ansetzt. Richard-David Precht hat in seinem Buch Die Kunst, kein Egoist zu sein darauf hingewiesen, dass Geld deswegen so leicht andere Werte verdrängt, da es so extrem simpel ist: Geld hat nur eine Quantität und keine Qualität. Ein zerknitterter und befleckter 100-Euro-Schein ist immer mehr wert als ein nagelneuer und glatter 20-Euro-Schein oder eine hübsche glänzende 2-Euro-Münze. Wenn man diesen Wertmaßstab auf andere Dinge überträgt, wird deutlich, wie undifferenziert er ist: Das dicke Buch wäre automatisch besser als das dünnen Buch, die große Portion Essen wäre automatisch leckerer als die kleine (vielleicht viel raffinierter gekochte) Portion usw. In vielen Bereichen findet diese alleinige Orientierung an der Größe von Werten ja schon statt, wenn beispielsweise technische Dinge mit hohen Zahlenwerten beworben werden, die den meisten Nutzern nicht wirklich etwas sagen oder auch von diesen gar nicht in wirklich genutzt werden können (Kameras, Autos, Computer …).

Wenn man erst mal in diesem Weltbild gefangen ist, dann kann auch eine Kritik an unverhältnismäßigen oder sogar schädlichen Quantitätsauswüchsen von Dingen auch immer nur einen Grund haben: Da wird wohl jemand neidisch sein, dass er nicht so viel von einer Sache hat. Das ist natürlich ein Trugschluss, der lediglich auf einer Unterscheidung basiert: Wenn ich jemanden auf ein Zuviel aufmerksam mache, was ihm selbst schadet, dann ist das kein Neid, wenn ich jemandem auf ein Zuviel aufmerksam mache, was anderen schadet, dann ist das Neid. Beispiel: Ein Bekannter nimmt immer mehr zu, sodass man sich Sorgen um dessen Gesundheit macht und diesen darauf anspricht. Ist man nun neidisch darauf und wäre gern selbst auch übergewichtig? Kaum einer käme zu dem Schluss. Oder man sitzt abends gemütlich zusammen, und jemand trinkt augenfällig mehr, als ihm gut tut, und findet dabei kein Ende. Wenn ich diesen nun nach Hause bringe und somit vom weiteren Trinken abhalte – bin ich dann neidisch, weil ich selbst nicht so besoffen bin wie er? Wohl kaum. Anders sieht es aus, wenn sich jemand beispielsweise einen dicken PS-starken SUV kauft und ich ihn darauf aufmerksam mache, dass diese Dinger extrem viel Ressourcen fressen und der (besonders in Deutschland ausgeprägte) Kult ums sportliche Auto und schnelle Fahren, der durch den Kauf solcher Autos unterstützt wird, nicht nur für die Umwelt schlecht ist, sondern auch für die Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer schlimme Folgen haben kann. Sofort tönt einem entgegen: Du bist ja nur neidisch! Genau das bekommt man auch oft zu hören, wenn es um das Thema der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland geht. Der Versuch, volkswirtschaftlich zu argumentieren, warum übertrieben große Gehälter und Privatvermögen Einzelner schädlich sind für ein Wirtschaftssystem, werden gern abgebügelt mit: Ach, du bist ja nur neidisch, du wärest doch genauso drauf, wenn du so viel Geld hättest.

Nicht nur aus inhaltlicher Sicht ist eine solche Argumentation unredlich, sondern auch im Hinblick auf den Diskussionsstil: Ein Gespräch über eine Sache wird somit nämlich auf eine persönliche Ebene heruntergebrochen, indem dem Mitdiskutanten nicht argumentativ begegnet wird, sondern dieser persönlich zu diffamieren versucht wird. Und das mit einem allgemein (zu Recht, wenn man mal bei der eigentlichen Bedeutung bleibt und nicht ihre inflationäre argumentative Pervertierung berücksichtigt) negativ besetzten Begriff: Neid! Auf diese Weise wird versucht, durch die Konstruktion einer charakterlichen Schwäche des Gegenübers dessen Argumente zu entkräften, weil man sie eben nicht inhaltlich widerlegen kann. Nicht gerade die feine Art, oder?

Vor allem muss man sich immer vor Augen halten, wer denn überhaupt diese Begrifflichkeit von Neid als allgegenwärtiges Prinzip zur Abwehr kritischen Denkens in die gesellschaftliche Diskussionskultur implementiert hat, und da landen wir (mal wieder) bei denjenigen, die die Medienmacht haben, da diese Begriffe wie „Sozialneid“ verbreitet haben. Zudem wird hier der rein betriebswirtschaftliche Gedanke der simplen Orientierung auf hohe Zahlen, die dem eigenen Profit entsprechen, als Nonplusultra jeglicher gesellschaftlicher Leistung massiv Vorschub geleistet, indem ständig darauf abgestellt und dieses positiv besetzt wird (die Forbes-Liste ist da nur der Gipfel, auch ansonsten geht es allzu oft um größer und teurer gleich besser). Hier übernehmen nun also Menschen, die gar nicht mal selbst zu den finanziellen Gewinnern gehören, die Argumentation derjenigen, die sich genau damit abschotten wollten gegen jede Form von Kritik.

Das Schlimme daran ist, dass, wenn man erst mal mit dem Neidvorwurf in einer Diskussion konfrontiert wurde, es schwer ist, wieder auf eine inhaltliche Fortführung zurückzukommen, selbst wenn man diesen Vorwurf eindeutig von sich weist. Dieses Muster ist mittlerweile bei vielen so tief im Denken implementiert, dass Widerspruch gar nicht erst wahrgenommen oder als relevant betrachtet wird. Das ist eben einfach so, als wäre es ein ehernes Naturgesetz, dass alle Menschen immer nur voller Missgunst auf diejenigen schauen, die mehr monetären Wohlstand haben als sie selbst. Dass dieser nicht unbedingt etwas mit Dingen wie Glück, Zufriedenheit und Freude zu tun haben muss und oft sogar Ausdruck einer inneren Leere und Armut ist, wird dabei komplett ausgeblendet. Haste was, biste was, das ist das Einzige was noch zu zählen scheint. Dabei müssten sich die Neidvorwerfer doch nur mal fragen, ob denn Dagobert Duck in den Mickey-Maus-Heften, die sie als Kinde gelesen haben, wirklich so eine glückliche und beneidenswerte Figur gewesen ist …

Umso wichtiger ist es, für sich selbst Neid als Prinzip und Gefühl möglichst komplett auszuschließen und sich bewusst gegen die Scheinargumentation Du bist ja nur neidisch zu stellen, wenn diese einem immer mal wieder über den Weg läuft.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Neid“

  1. Hierzu erreichte uns ein Leserbrief von Arne Müller:

    Gut beschrieben, und den Neidvorwurf habe ich auch schön des Öfteren in Diskussionen zu hören bekommen. Hat mich sogar mal dazu bewogen, meine Diplomarbeit dem Thema zu widmen.

    Auch wenn es nicht schadet, den Neid mal genauer zu analysieren und in allen seinen Factten einer phänomenologischen Analyse zu unterziehen, so fände ich es heute durchaus noch spannender, mal genauer zu untersuchen, welche Funktion dieser „Vorwurf“ innerhalb einer Diskursformation einnimmt. Ähnlich wie Faschismus-Vorwürfe oder Hitler-Vergleiche ist eigentlich jegliche sachliche Diskussion erst mal im Keim erstickt, und ich bin mir sicher, dass eine ganze Menge derer, die mit derartigen Vorwürfen operieren, sich dieser Funktionalität bewusst sind. Eigentlich müsste man sich dann mal genauer ansehen, was in solchen Diskussion dann nicht mehr gesagt werden kann und was damit eigentlich (bewusst) totgeschwiegen wird, und dann kommen wir vielleicht noch eher an den Kern des Neids …

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