Frauen in der Politik. Hardliner, Plüschkaninchen, hauptsache systemkonform.

Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung. Rund die Hälfte der Ministerposten im Bundeskabinett ist mit Frauen besetzt. Plus einer weiblichen Bundeskanzlerin. Die großen Volksparteien haben weibliche Vorsitzende. Aus emanzipatorischer Sicht sind wir also in der Gleichberechtigung angekommen. Ich möchte jubeln, wenn ich es denn nur könnte. Meine Hoffnungen auf eine andere, eine ausgewogenere Politik haben sich nämlich nicht erfüllt.

In meinem Leben habe ich es schon oft gehört, beruflich und auch privat: Tina, wie schön, dass du da bist. Wir sind ein Haufen Kerle und wünschen uns mehr Frauen im Team, das tut dem Team und der Sache gut. Ich habe das früher befremdlich gefunden, denn ich wollte ja nicht „anders“ gesehen werden. „Weibliche Note“? Klingt … hm … ja wonach eigentlich?

Mittlerweile weiß ich, dass ich da selbst einen Denkfehler eingebaut hatte. Die Angst, dass das „Weibliche“ als „nicht vollwertig“ gesehen wird, als „irgendwie soft“, die steckt auch in mir. Ein Dilemma, das, wie ich vermute, noch viele Frauen beschäftigt.
Doch eigentlich ist alles ganz einfach: Männer und Frauen denken und handeln oft unterschiedlich, können sich aber, wenn gewollt, gegenseitig ergänzen und inspirieren.

In der Politik spielt dies m. E. nach eine besonders wichtige Rolle, bedenkt man, dass Politik bzw. deren Vertreter doch Entscheidungen für alle trifft. Und so ergibt es umso mehr Sinn, dass ein Kabinett je zur Hälfte aus Männern und Frauen besteht, und damit – bezüglich Geschlecht – ein durchaus reales Spiegelbild der Gesellschaft darstellt.

Es geht um die Sache, nicht um das Geschlecht! – Richtig?

Jetzt haben wir mit Barley, von der Leyen, Klöckner, Giffey, Schulze und Karliczek gleich sechs Frauen mit Ministeramt. Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer haben den Parteivorsitz für SPD und CDU. Ein toller Erfolg, wenn wir davon reden, dass mehr Frauen hohe Positionen in der Politik erlangen können. Und eigentlich betont keiner mehr, dass es Frauen sind. Klar, es geht ja um die Sache und sonst nichts. Und ja, auch ich habe mir immer gewünscht, dass solch Quote eine Selbstverständlichkeit ist. Kritik, wenn, äußert sich über eine konkrete Sache und nicht über das Geschlecht.

Ja, und was hast du nun wieder zu meckern, könnte man fragen. Dazu meine konkrete Gegenfrage: Was hat sich denn verändert an Politik, seitdem mehr Frauen mitmischen? Vergessen wir auch nicht Angela Merkel, die als Kanzlerin über viele Jahre maßgeblich für die politische Ausrichtung in Deutschland war. Also, haben wir im Ergebnis nun eine andere Politik, eine ausgewogenere, eine, die Dinge aus anderen Perspektiven betrachtet und behandelt? Mein Resümee: Nein, haben wir nicht.

Woran liegt es? Die Erklärung scheint so einfach wie logisch: Wenn es um Machtpositionen und Fleischtöpfe geht, setzen sich immer dieselben Charaktere durch, und dabei spielt es einfach keine Rolle, welches Geschlecht man innehat. Entscheidend ist es, das Spiel mitzuspielen. Hier, und nur hier, hat letztlich eine Angleichung der Geschlechter stattgefunden, auch wenn die Taktiken und Finessen im Spiel um Macht sich unterscheiden mögen.

Hardliner oder Plüschkaninchen – Hauptsache systemkonform

Es gab immer „Gründe“, um Frauen in Machtpositionen zu diskreditieren. Die einen waren den Leuten „zu männlich“, die anderen „zu typisch weiblich“. Das haben wir doch hinter uns gelassen, oder? Aber wenn man sich umschaut, werden genau diese Stereotypen wieder bedient, als gäbe es keine andere Möglichkeit für Frauen, ein eigenes Profil zu haben.

Vor allem aber: Frau plappert dem System weiter nach dem Mund. Eine sich abzeichnende Abkehr von aktuell neoliberal geprägter Politik? Vom Teile-und-herrsche-Spielchen? Von Lobby- und Konzernpolitik? Nicht zu sehen.

Da gibt es die Hardliner wie Ursula von der Leyen oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Immer knallhart, das gefällt dem konservativen Wähler und fischt den rechten Wählerrand ab. Julia Klöckner dagegen, ganz anders, punktet mit Charmeoffensive, nach außen das lächelnde Plüschkaninchen, während sie eiskalten Wirtschaftslobbyismus pflegt. „Tierwohl“ verkommt bei ihr zur Farce. Franziska Giffey, mit mütterlich-mildem Auftreten, passt zum Ressort Familie, Senioren, Frauen, Jugend und ist dennoch für mein Dafürhalten wenig „sozial“. Der Kompromiss um § 219a wurde knallhart verteidigt, und in diesem Zusammenhang auch die GroKo. Von einer möglichen Abschaffung des § 218 wollen wir am besten gar nicht erst anfangen. Ein jüngstes Beispiel für „Weiter-so-Politik“ bietet auch Katharina Barley zum Thema „Schutz von Whistleblowern“. Wen „schützt“ Frau Barley, in dem sie den vom EU-Parlament geforderten Schutz von Whistleblowern ablehnt? Richtig, die Konzerne.

Was wollen uns diese Beispiele sagen? Sie sind m. E. nichts als Rollenspiele und bedienen Klischees und Vorstellungen der möglichen Rollen von Frauen. Aber sie tun eins nicht: Sie stehen nicht für eine andere Politik als die, die seit Jahrzehnten von Männern betrieben wird. Nein, sie sind nichts mehr als Nuancen und bedienen dabei ein altbewährtes System, gänzlich ohne Innovationskraft. Und das ist für mich persönlich einfach nur enttäuschend.

Fazit

Die Frage ist ketzerisch, aber dennoch stelle ich sie: Was soll die Gleichberechtigung, wenn sie in der Sache nichts ändert? Worüber soll ich mich freuen, wenn Frauen in Machtpositionen nichts anders machen als Männer? Oder wenn die vermehrte Zusammenarbeit von Männern und Frauen nichts ändert an einer Politik, die auf Wirtschaft und Macht basiert, auf dem reinen Erhalt des Status quo?

Ja, ich erwarte mehr von Frauen. Wir Frauen wissen doch, wie es ist, aufgrund des Geschlechts diskriminiert zu werden. Wir wissen, wie es ist, für zu doof gehalten zu werden, zu weich, zu emotional. Gerade deshalb erwarte ich von Politikerinnen, zu kämpfen, immer noch und immer wieder. Frauenrechte sind für euch kein Thema mehr? O. k., dann schaut weiter über den Tellerrand. Es gibt unzählige Baustellen in unserer Gesellschaft. Ein Wirtschaftssystem, das zunehmend auf Billiglöhnen basiert? Altersarmut, von der zu einem sehr großen Teil Frauen betroffen sind? Ein marodes Pflegesystem? Packt es an. Seid weich oder hart, emotional oder nicht, aber seid das, was ihr wollt, und nicht ein Abziehbildchen der ewig gleichen Politik aus Lobbyismus und Wirtschaftsförderung – und hört damit auf, ein System der Ungleichheit immer weiter zu hofieren, anstatt es zu ändern.

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Tina

Jahrgang 1972, Linkshänderin, mal nett, mal launisch, mag Nudeln, Vodka und Hunde. Meine Texte sind abhängig von Tagesform (siehe Stichwort "launisch") und Tagesaktualität. Grundsätzlich treiben mich Themen wie "Gerechtigkeit" und "Gemeinschaft" um bzw. wie wir als Gesellschaft gut miteinander leben können, ohne Hackordnung, ohne Menschen zurückzulassen.

One thought to “Frauen in der Politik. Hardliner, Plüschkaninchen, hauptsache systemkonform.”

  1. Chapeau, gut analysiert.
    Was hat uns die Emanzipation bisher im Wesentlichen gebracht? Eigentlich nur, dass nun auch alle Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, die Konkurrenz dort erhöht haben und damit das Lohnniveau niedrig ist. Selbstverwirklichung über Erwerbstätigkeit, den Zwang dazu hat man geschaffen.
    Dafür hatte ich mich allerdings nicht die letzten 40 Jahre eingesetzt, wenn ich für die Frauen gestritten hatte und immer noch streite, weil ich das Patriarchat beenden wollte und immer noch will.
    Irgendetwas muss schiefgelaufen sein, auch durch diese Frauen, die sich mehr oder weniger nur dadurch auszeichnen, sich als neue Patriarchen zu verhalten.
    Ina Deters Forderung „neue Männer braucht das Land“ würde ich gern deshalb erweitern mit „und auch neue Frauen.“

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