Notre-Dame

Eins vorweg: Ich mag Paris. Ich war zweimal in der Stadt und habe das Flair dort sehr genossen, das eben gerade auch von der imposanten Architektur ausgeht. Und ich mag auch alte Kirchen, schaue mir die im Urlaub gern an, wenngleich ich mit Religion nicht viel am Hut habe und auch durchaus weiß, dass diese Bauten oft aufgrund von viel Leid entstanden sind. Aber wenn die nun schon mal da sind, kann ich sie eben auch aus architektonischer Sicht genießen, finde ich.

Insofern hat es mich auch schon betroffen gemacht, dass Notre-Dame in Paris in Flammen stand und zu einem nicht unerheblichen Teil zerstört wurde.

Und nun zu einigen sehr großen Aber …

Wie dieses Ereignis nun allerdings die Berichterstattung dominiert und wie nun auch vonseiten der Politik da eine Art Notstandsaktionismus zelebriert wird (von Steinmeier bis Merz), finde ich dann schon reichlich befremdlich. Und bezeichnend dafür, wie heutzutage Aufmerksamkeit gesteuert wird.

Schließlich gibt es ja mehr als genug Katastrophen auf der Welt, die uns schlicht weg am Allerwertesten vorbeigehen. Dass man bei den Bildern der brennenden Kathedrale nun zunächst mal ob deren Bildgewalt beeindruckt und vielleicht auch erschrocken und dann traurig ist, ist ja auch o. k., aber dann sollte doch irgendwann (und zwar möglichst bald) die Reflexion einsetzen: Das ist nun zwar schade, aber letztendlich ist das eben auch nur ein Gebäude (oder „ein altes Haus“, wie es Moritz Neumeier in einem sehenswerten dreiminütigen Video auf seinem YouTube-Kanal recht überspitzt und flapsig, aber m. E. auch zutreffend formuliert) – und als solches kann man das wiederaufbauen.

Diese „Katastrophe“ ist also mit Geld wiedergutzumachen – was man von Menschen, die beispielsweise fast täglich im Mittelmeer ertrinken, nicht sagen kann.

Die Spenden fließen

Und das Geld strömt auch gleich in großen Mengen, mittlerweile ist wohl mehr als eine Milliarde Euro zusammengekommen an Spenden. Das ist auf der einen Seite natürlich lobenswert, und natürlich kann auch jeder spenden, wofür er möchte, aber auch dies ist wieder bezeichnend für unsere Zeit, wenn man mal einen kleinen Schritt zurücktritt bei der Betrachtung, wie dies Carl Kinsella in einem (englischsprachigen) Artikel auf dem Portal JOE macht, indem er schreibt:

If two men in a world of more than 7 billion people can provide €300million to restore Notre Dame, within six hours, then there is enough money in the world to feed every mouth, shelter every family and educate every child. The failure to do so is a matter of will, and a matter of system.

Auf Deutsch zusammengefasst: Wenn innerhalb von sechs Stunden 300 Millionen Euro von zwei Menschen aufgebracht werden können für den Wiederaufbau von Notre-Dame, dann zeigt dass, das genug Geld vorhanden ist, damit niemand auf dieser Welt hungern oder obdachlos sein muss und jedes Kind zur Schule gehen kann.

Und genau das ist ein m. E. sehr wichtiger Punkt bei der ganzen Sache: Es fehlt nicht am Geld, um theoretisch sämtliche Probleme auf diesem Planeten zu lösen, sondern rein am Willen.

Aufmerksamkeitsökonomie in Zeiten der großen Ignoranz

Diese Fokussierung auf bestimmte Probleme bei gleichzeitigem Ignorieren vieler anderer mindestens ebenso wichtiger Dinge bringt ein Meme der Facebook-Seite Mensch und Politik heute gut auf den Punkt:

Auch uns hat der Brand mit seiner ganzen Gewalt erschüttert. Noch erschütternder ist aber wie plötzlich Politik und…

Gepostet von Mensch und Politik heute am Dienstag, 16. April 2019

Darin findet sich auch ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Milliardäre, die sich nun als nobel feiern lassen, weil sie viel Geld für Notre-Dame locker machen, legen ein m. E. fast schon feudales Gebaren an den Tag, denn diese Menschen zahlen eben oft nicht die eigentlich fälligen Steuern und haben ihr Vermögen zudem nicht selbst erarbeitet (was bei Summen im Bereich von Milliarden auch gar nicht geht). Man lässt also andere für sich arbeiten, und wenn es einem dann gut in den Kram passt, lässt man ein paar Almosen nach eigenem Gutdünken springen, um generös dazustehen.

„Neid, Neid, Neid!“

Und wenn man darauf hinweist in einer Diskussion, dauert es nicht lange, und man wird mit dem Vorwurf konfrontiert, doch nur neidisch zu sein. Das ist ja mittlerweile zum Standard-„Argument“ geworden, wenn man reiche Menschen oder überbordenden Konsum kritisiert, und hieran zeigt sich ein weiteres bezeichnendes Symptom unserer Zeit: Die Vermögenden haben es geschafft durch jahrzehntelange Indoktrination, dass diejenigen sie verteidigen, denen sie ihr Vermögen zu verdanken haben, und dabei die Perspektive von Milliardären einnehmen, zu denen sie selbst nie gehören werden. Schon grotesk, oder?

Und das ist vor allem etwas, von dem ich dachte, dass es eigentlich in feudal-absolutistische Zeiten gehören würde. Aber der Untertan liebt offensichtlich seine Granden nach wie vor – Diederich Heßling feiert fröhlich Urständ.

Ich, ich, ich …

Und was vermutlich auch noch mit hineinspielt in diesen Popanz, der da um Notre-Dame aufgebauscht wurde: Aus rein egoistischen Motiven liegt vielen eben eine Kirche, die sie schon mal besucht haben oder vielleicht noch besuchen wollten, deutlich näher als irgendwelche namenlosen Afrikaner oder Asiaten, die aufgrund unseres Lebensstils in die Flucht getrieben werden oder diesen überhaupt erst ermöglichen. Damit will man sich lieber nicht beschäftigen. Mir fiel dabei das Zitat von Marc-Uwe Klings Känguru ein:

„Ob Links- oder Rechtsterrorismus – da sehe ich keinen Unterschied“

„Doch, doch“, ruft das Känguru, „die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos sind schlimmer, denn es hätte meines sein können. Ausländer besitze ich keine.“

(Quelle)

Etwas abgewandelt könnte man nämlich sagen:

Wenn Notre-Dame abbrennt, macht mich das sehr betroffen, weil ich die Kirche nun nicht mehr anschauen kann. Geflüchtete, die im Mittelmeer ertrinken, wollte ich mir ohnehin nicht anschauen …

Genauso wie eben Kulturgüter, gern auch Kirchen, die ganz bewusst aufgrund von Braunkohletagebau abgerissen werden, eben nicht diese Aufmerksamkeit bekommen. In die Provinz fährt man halt nicht unbedingt so gern und oft wie nach Paris …

Und natürlich passt es ja auch nicht zur herrschenden neoliberalen Ideologie, dass sich allzu viele Menschen über solche unwiederbringlich zerstörten Kirchen aufregen, weil das ja den Ressourcenabbau in Verruf bringen und stören könnte.

Whataboutism?

Was auch Moritz Neumeier in seinem oben verlinkten Video anspricht, habe ich so auch in den letzten Tagen mehrfach gehört: Es sei Whataboutism, auf solche Zusammenhänge hinzuweisen.

Nun ist Whataboutism tatsächlich ein zurzeit häufig zu beobachtendes Phänomen, aber man sollte diesen Begriff dennoch nicht inflationär verwenden. Wenn es  darum geht, von einer Sache abzulenken, indem man auf etwas anderes verweist, dann ist es ja statthaft darauf hinzuweisen, dass man so mit einem Thema nicht weiterkommt. Wenn es allerdings darum geht, ein Ereignis in einen etwas größeren Zusammenhang einzuordnen, dann ist das mit Sicherheit kein Whataboutism.

Typisch für den Zeitgeist

Der Brand von Notre-Dame ist somit für mich sehr typisch für unseren heutigen Zeitgeist, denn man sieht daran, wie Aufmerksamkeit generiert wird, wie weit die Ignoranz fortgeschritten ist (und verteidigt wird), wie Relevanz medial erzeugt wird und wie viele Menschen kaum bereit sind, mal ein bisschen zu reflektieren, sondern wie dressierte Hündchen genau das machen, was die Berichterstattung intendiert. Und zudem wird auch noch deutlich, wie weit die Refeudalisierung unsere Gesellschaft schon fortgeschritten ist, da der Geldadel sich immer aristokratischer aufführt.

So traurig die Zerstörung dieses schönen Kulturguts auf der einen Seite ist, so wichtig sind die Erkenntnisse, die man aus diesem Ereignis und den Reaktionen darauf gewinnen kann.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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