WM 2014 – mein persönliches Fazit

Zur WM und warum ich diese Spiele nicht verfolgt habe, hab ich ja hier schon etwas geschrieben. Nun ist das Spektakel also vorbei, Deutschland ist Weltmeister, der Alltag geht weiter. Doch bei mir sind einige Dinge hängen geblieben bei dieser WM, und diese haben weniger mit dem Fußball zu tun als mit der Art, wie das ganze Ereignis rezipiert wurde.

Ich dachte bisher eigentlich, dass eine Aussage wie „Für meine Unterhaltung sollen keine Menschen sterben“, einen gewissen Konsens hervorrufen würde, sodass ich damit rechnete, dass, nachdem bekannt wurde, was im Vorfeld der WM im Gastgeberland Brasilien so alles abgegangen ist, viele Menschen auf die WM verzichten würden. Immerhin ist das ja nichts existenziell Lebensnotwendiges, sondern nur Entertainment, es ginge also lediglich darum, in seinem Freizeitverhalten auf etwas zu verzichten, was einen ethisch ausgesprochen fragwürdigen Hintergrund hat (Mord und gewaltsame Vertreibung sind nun mal Sachen, von denen ich annehme, dass sie die allermeisten nicht billigen bzw. deutlich ablehnen). Tja, weit gefehlt … Menschen, die normalerweise alles glauben, was ihnen im Fernsehen oder der Tagespresse vorgesetzt wird, zweifelten auf einmal massiv Quellen an, weil diese von Dingen berichten, die ihnen den Fußballspaß verderben könnten. Noch viel mehr gibt es dann, die das relativieren („Ach, da werden doch eh dauernd Menschen umgebracht …“) oder eben einfach ignorieren. Ich empfand es als erschreckend, wie wenig Empathie ich vorgefunden habe bei nahezu allen, mit denen ich mich über dieses Thema ausgetauscht habe.

Und das ging dann auch so weiter: Jede kritische Bemerkung zum Thema WM, beispielsweise, dass ich es nicht so fein finde, wenn bis nachts um drei Uhr nach Deutschland-Spielen in unserem Wohngebiet (St. Pauli) geböllert wurde, oder dass ich nicht verstehen konnte, wie Deutschland-Fans nach einem Spiel in einem Video noch feiern mochten, nachdem dort jemand auf „Sieg“ ein gut vernehmliches „Heil“ brüllte (in vielen Fußballstadien ja leider noch durchaus üblich), wurde angegangen mit einem fast schon religiös-fanatischen Eifer, wobei sämtliche in diesem Artikel aufgeführten unlauteren Diskussionsmittel zur Anwendung kamen. Das Ganze gipfelte dann durchaus auch darin, dass gefälligst die Klappe halten und/oder ich doch auswandern sollte (mal nur aus der Stadt, mal gleich aus Deutschland), wenn mir das hier nicht passte, bis hin zur Kündigung von Facebook-Freundschaften und der Androhung von Gewalt – also das ganze Repertoire von eigentlich totalitär-repressiver „Argumentation“: Behalt Deine unerwünschte, abweichende Meinung für Dich oder verpiss Dich, sonst wirst Du geächtet oder bekommst aufs Maul. Und das von Menschen, die sonst eigentlich durchaus zu differenzierendem Denken in der Lage sind. Und vor allem auch von Menschen, die sonst mit Fußball wenig bis gar nichts am Hut haben.

Und das ist für mich auch eine Erkenntnis dieser WM: Es geht den meisten gar nicht um Fußball. Entscheidend ist das Erlebnis in der Masse (besonders auffällig beim Public Viewing und den darauf folgenden Aufmärschen), die identitätsstiftende Wirkung von Schwarz-Rot-Gold, die den Leuten ein Gefühl gibt, dazuzugehören, Teil einer großen Masse zu sein. Dass sich in dieser Masse dann auch nicht wenige befinden, die die Situation dafür ausnutzen, ihr krudes Rechtsaußenweltbild zu zelebrieren, durchaus auch mit Gewalt, wie beispielsweise hier und hier für das Finale dokumentiert ist, ist dabei egal. Deutschland verbindet, und wer da nicht mitmacht oder Bedenken äußert, ist eben ein Miesepeter. Die eigene Angst, eventuell nicht mehr dazuzugehören, wenn man sich mit kritischen Stimmen auseinandersetzt, ist so groß, dass diese vehement abgewehrt werden, wobei dann auch jeder argumentative Anstand und jede Art der Reflexion außen vor gelassen werden. Und dass dieses schon fast geheiligte Massenerlebnis (alle schauen die Spiele, alle reden danach darüber, alle ziehen gemeinsam über die unterlegenen Gegner her usw.) dann noch mit dem Begriff der Nation und dem daraus resultierenden Patriotismus verbunden wird (ein ganz entscheidender Unterschied zum Vereinsfußball), verleiht dem Ganzen dann natürlich eine hochgradig politische Dimension: Es wird nicht skandiert „DFB-Elf“ oder „deutsche Nationalmannschaft“, sondern „Deutschland“. Ob es zurzeit angebracht ist, unserer Nation derart zu huldigen (Stichworte: Waffenexporte, Austeritätspolitik in Südeuropa usw.), wird dabei auch komplett außen vor gelassen – auch wenn Merkel und Gauck das bestimmt durchaus alles bewusst ist, wenn sie sich PR-trächtig gemeinsam mit den siegreichen Spielern in Jubelpose ablichten lassen.

Natürlich ist nicht jeder, der sich die WM-Spiele angeschaut hat, nun gleich ein blinder Patriot oder gar Nationalist (wobei die Grenzen hier ja fließend sind), aber die Tendenz vieler, vollkommen unreflektiert und von nationalem Taumel beseelt als Masse zu agieren, ist m. E. definitiv nicht wegzudiskutieren. Und für diese Masse ist der Fußball nur ein Vehikel, da könnte auch etwas anderes kommen, das ähnlich positiv und national besetzt wird, und der Großteil der Leute wäre auch dabei – egal, wie fragwürdig das bei etwas gründlicherem Nachdenken auch wäre (dass begründete ethische Bedenken bei dieser WM nicht zum Tragen kamen, habe ich ja schon weiter oben ausgeführt). Argumentativ ist dem dann nicht mehr beizukommen, wenn der Massenimpuls nur groß genug ist und die Angst vor dem Ausgeschlossensein, dem Nicht-Dazugehören dann lähmend auf den Verstand wirkt. Sozusagen in Form der Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt dieses Phänomen treffend bezeichnete, nur eben nicht durch direkte Befehle, sondern durch die (induzierte) Begeisterung an der Massenzugehörigkeit. Ich finde das zumindest, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, reichlich beängstigend und auch abstoßend.

Eine persönliche abschließende Anmerkung dazu noch: Neben einem deutlichen resignativen Gefühl ob der Omnipräsenz dieses geschilderten „Wahns“ (mir fällt gerade kaum ein bessere Begriff dafür ein, teilweise kam ich mir in den letzten Wochen in der Tat vor wie in einem Land voller Zombies) ärgert es mich maßlos, dass gerade mein geliebter und geschätzter Sport Fußball auf diese Art und Weise korrumpiert und missbraucht wird. Obwohl natürlich die Dauerkarte schon gekauft ist, mag deshalb zurzeit noch keine rechte Vorfreude auf die kommende Saison bei mir aufkommen. Aber die stellt sich hoffentlich in den nächsten Wochen zumindest noch ein  bisschen ein …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „WM 2014 – mein persönliches Fazit“

  1. Zum Abschluss gab’s dann ja noch eine ordentliche Entgleisung der deutschen Mannschaft bei der Siegesfeier, nämlich den sogenannten Gaucho-Dance, mit dem der unterlegene Finalgegner Argentinien verhöhnt wurde. Die medialen Reaktionen darauf waren zunächst nicht positiv (s. hier), was aber daraufhin bei sämtlichen kritischen Äußerungen zu dieser peinlichen Darbietung an shitstormgleichen Reaktionen in den Kommentarspalten der Onlineausgaben von darüber berichtenden Zeitungen oder auch in den sozialen Medien wie Facebook losbrach (in diesem Artikel wird das exemplarisch geschildert), zeigt vor allem eines: Die Masse der Deutschen ist anscheinend wieder bereit, kritiklos und unreflektiert zu folgen, wenn denn nur etwas patriotisch genug daherkommt und sich zum Hinterherlaufen anbietet. Und kritische Stimmen werden hemmungslos niedergebrüllt, diffamiert und auf andere unlautere Art und Weise versucht, zum Schweigen zu bringen. Die Büchse der Pandora scheint also geöffnet. Düstere Aussichten …

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