Mögen die Spiele beginnen …

Heute startet die WM in Brasilien. Eventfußball interessiert mich ja schon länger nicht mehr, vor allem dessen Instrumentalisierung (s. dazu diesen Artikel hier auf unterströmt) finde ich ziemlich übel, deswegen hab ich auch nicht so große Probleme damit, diese Spiele und das Drumherum nun kritisch zu betrachten. Andererseits frage ich mich mittlerweile, wie man denn überhaupt noch sich vor den Fernseher setzen kann, um sich die Spiele anzuschauen, denn diese Weltmeisterschaft bietet nun wahrlich an allen Ecken und Ende genug mehr als Kritikwürdiges.

1. Die FIFA

Die FIFA ist ein Haufen korrupter und reichlich verdorbener Gestalten, die sich mittels eines Events wie der WM ihre eh schon gut gefüllten Taschen noch ein bisschen voller stopfen. Daran gibt es wenig zu rütteln, und im Grunde sind da auch alle einer Meinung, wie man anhand zahlreicher Artikel, z. B. auf den Nachdenkseiten (alle drei Teile sind lesenswert), beim Interview mit Günter Gebauer auf Deutschlandradio Kultur oder auch in der Mai-Ausgabe der Kabarettsendung Neues aus der Anstalt sehen kann. Doch ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich gänzlich ungeniert – dieses Sprichwort passt hier ziemlich gut, denn wie Harald Martenstein in Der Tagesspiegel vom 8. 6. 2014 in einem eigentlich IFA-kritischen Kommentar schrieb: „Trotzdem werde ich mir die Fußball-WM anschauen, erstens, weil ein Boykott nichts nützt, zweitens, weil es einfach zu viel Spaß macht.“

Bei diesem Satz habe ich aufgehört, den Artikel zu lesen. Natürlich nutzt ein Boykott was, und es ist das Einzige, was überhaupt etwas nützen kann. Über kritische Berichte lachen sich die FIFA-Verbrecher doch eh nur krumm, die gibt’s zu Genüge – und ändern die was? Nö, die allermeisten werden wieder vor der Glotze hängen, sobald die Spiele losgehen, und allein das ist entscheidend für die Werbeeinnahmen. Aber man müsste dafür ja auf seinen eigenen Spaß ein wenig verzichten, und wenn es heißt „Spaß oder Ethik“, dann gewinnt eben immer der Spaß. Die verantwortlichen Funktionäre schauen hinterher nur auf ihre Bankkonten und wissen: alles richtig gemacht!

Auch Jakob Augstein sieht dies ganz ähnlich, wenn er in seiner Kolumne auf Spiegel Online schreibt: „Jeder Fernsehzuschauer macht sich mitschuldig, wenn ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für neue Stadien zu schaffen, wenn Arbeiter wie Sklaven gehalten werden, wenn Protest niedergeknüppelt und Aktivisten verhaftet werden.“

2. Die Umstände in Brasilien

Damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt: Was geht da in Brasilien bloß alles ab, um diese WM in einem schönen Rahmen präsentieren zu können? Für recht viel Aufsehen im Internet hat vor einigen Wochen die Reportage des dänischen Journalisten Mikkel Keldorf gesorgt (ein Bericht dazu und auch die halbstündige Reportage finden sich hier [leider nicht mehr aufrufbar], dort ist auch unten ein Link mit einer kritischen Auseinandersetzung mit Keldorfs Reportage, wobei dieser Link gerade nicht mehr funktioniert), in der angesprochen wird, dass Straßenkinder in der brasilianischen Stadt Fortaleza, einem Spielort der WM, von Todesschwadronen umgebracht wurden, die von Geschäftsleuten bezahlt wurden, um die Stadt für die WM-Touristen ein wenig aufzuhübschen. Klingt erst mal nach ganz starkem Tobak, und mittlerweile soll Keldorf wohl (u. U. auch durch äußeren Druck?) wieder ein wenig zurückgerudert sein. Das Hauptargument, was man von Leuten hört, die diesen Umstand des gezielten Umbringens von Kindern für die WM anzweifeln, ist, dass es in Brasilien wohl ziemlich häufig zu Morden an Straßenkindern kommt. In der Tat ist dies dort wohl leider an der Tagesordnung, und da dürften weder die Polizei noch die diversen Drogenbanden oder andere Gruppierungen (Geschäftsleute zum Beispiel) besonders zimperlich sein. Insofern ist das für mich aber eher etwas, was diese WM-bedingten Morde plausibler macht: Wenn die Hemmschwelle da eh schon entsprechend niedrig ist, dann kann man die Straßenkinder ja auch gleich mal so wegballern, damit die Stadt für die WM-Touris etwas hübscher wird. In der Ukraine waren es bei den letzten Spielen Tausende von Straßenhunden (immerhin auch höhere Lebewesen mit Gefühlen usw.), in Brasilien herrscht halt ein noch ruppigerer Geist, da sind’s dann in der Fortführung eben die Straßenkinder (die bestimmt für diejenigen, die dort mit sauberen Städten schöne Geschäfte mit der WM machen wollen, auf keiner anderen Stufe stehen als eben irgendwelche lästigen Tiere).

Doch auch wenn an diesen Morden, von denen Keldorf berichtete, Zweifel bestehen, so sind da ja noch die zahlreichen Zwangsräumungen von Favelas und Umsiedlungen von Menschen, deren Häuser halt einfach im Weg standen für die neu zu errichtende WM-Infrastruktur, wie man in diesem Video auf YouTube anschaulich sehen kann. 250.000 Menschen, die vielfach einfach so von jetzt auf gleich aus ihren Häusern geschmissen werden – wie will man das denn bitte noch legitimieren für ein Sportevent, was letztlich nur der Unterhaltung (und der Bereicherung einiger weniger) dienen soll? Auch die rasanten Anstiege der Mieten in der Nähe der aufgewerteten WM-relevanten Viertel werden für viele ärmere Brasilianer zu einem existenziellen Problem, wie auch auf tagesschau.de (leider nicht mehr online verfügbar) zu lesen ist. Das Fazit dort: „Die Anwohner sind die Verlierer der WM“.

Und als wenn das noch nicht genug wäre, kriegt die Umwelt natürlich auch noch mit einen auf den Deckel. So hat sich der DFB eine schöne Trainingsanlage gleich vor Ort mitten in ein Naturschutzgebiet bauen lassen (s. WM-Blog von Oliver Fritsch auf Zeit Online vom 11. 6., und auch in diesem amüsanten und vor allem treffenden Spot der Satiresendung extra 3 vom NDR kommt das zur Sprache). Wie blasiert kann man denn bitte noch sein? Da ist einem das Angebot vor Ort nicht fein genug, also haut man eben eine ordentliche Schneise in den Regenwald, damit es die Wohlstandkicker dort auch schön muckelig haben und sich nicht mit der Primitivität des Gastgeberlandes auseinandersetzen müssen.

Etliche weitere Berichte, die sich mit den Umständen in Brasilien im Rahmen der WM auseinandersetzen, findet man auf der Webseite LabourNet Germany.

3. Die wirtschaftlichen Konsequenzen für das Gastgeberland

Gern wird ja betont, dass es doch für ein Land, welches eine WM ausrichtet, toll sei, dass dann so viele Touristen ins Land kämen und dort Geld ließen. Doch das ist leider nicht die ganze Wahrheit, denn zum einen ist so eine WM mit enormen Kosten verbunden: 8,5 Mrd. Euro offiziell und 11 Mrd. Euro inoffiziell kostet Brasilien der Spaß – Geld, was vielleicht besser in andere Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser investiert worden wäre als in supermoderne Stadien, die zum Großteil nach der WM keiner mehr braucht. Zum anderen kassiert die FIFA alle ihre Einnahmen komplett steuerbefreit ab (s. hier). Jens Berger weist auf diese Missstände im dritten Teil seiner oben schon erwähnten Artikelreihe auf den Nachdenkseiten hin und zeigt dort auch auf, wie eine WM gestaltet werden könnte, sodass auch das Gastgeberland finanziell etwas davon hat und nicht, wie zuletzt Südafrika (s. hier), auf einem Berg Schulden sitzen bleibt, während die FIFA und die überwiegend ohnehin schon gut bezahlten Fußballprofis einen ordentlichen Reibach machen.

4. Fracking und TTIP im Anmarsch

Und was tut sich hier zu Hause an der Heimatfront der Politik? Nun, da stehen Entscheidungen über solch kontroverse Dinge wie das umstrittene transatlantische Freihandelsabkommen TTIP oder auch über die Zulassung des Frackings an. Also Themen, bei denen es durchaus gelegen kommt, wenn eine kritische Öffentlichkeit sich dann lieber im schwarz-rot-goldenen Fußballtaumel befindet und alles andere zur Nebensache wird …

 

Die WM steht also für alles, was ich persönlich ablehne: Einige wenige skrupellose Menschen bereichern sich auf Kosten von vielen deutlich ärmeren Menschen noch ein bisschen mehr, Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeiten gibt es en masse, dazu wird dann noch in Deutschland selbst der Nationalismus über das Vehikel des Partypatriotismus ein wenig gefördert. Ach ja, Fußball gespielt wird auch noch nebenbei. Hier könnte man nun natürlich diskutieren, ob bei den immensen Summen, um die es da geht, die Spiele auch tatsächlich sauber nach sportlich-fairen Gesichtspunkten entschieden werden oder ob da nicht notfalls nachgeholfen wird, damit auch die Mannschaften am Ende in den prominenten Spielen stehen, die die wichtigsten Märkte repräsentieren (Deutschland also mindestens im Halbfinale, Brasilien als Gastgeber natürlich auch) – aber das wäre nun in der Tat ein anderes Thema.

Für mich gibt es daher nur eine Konsequenz: Die Glotze bleibt aus! Denn Aufmerksamkeit ist die Währung, in der wir die FIFA für ihre Inszenierung bezahlen, denn hohe Aufmerksamkeit und viele Fernsehzuschauer bedeuten auch gleichzeitig hohe Werbeeinnahmen. Ein WM-Endspiel vor 2 Mio. statt 2 Mrd. Zuschauern ist leider Utopie, wäre aber für die FIFA ein wahres Debakel. Und auch wenn ich nicht zu den Haushalten gehöre, die ein Gerät zur Ermittlung der Einschaltquoten haben (ein schon mehrfach gehörtes Argument gegen den Boykott der Spiele), so kann ich meine Nichtteilhabe an den Spielen doch auch zum Ausdruck bringen, indem ich während der Übertragungen einfach was anderes mache und hinterher dann auch nicht über das ja nicht Gesehene spreche.

Und wie Augstein schon schrieb, sollte jeder, der sich diese Spiele anschaut, mal ernsthaft fragen, wie er es denn generell so mit der Ethik hält …

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar