Diskussionsmittel zur Verteidigung der Komfortzone

Vor ein paar Wochen warf mal ein Freund die Frage auf, warum man einerseits mit Menschen trefflich stundenlang über Fußballergebnisse diskutieren kann, aber andererseits die gleichen Personen nicht für tatsächlich (auch für sie und ihre Familien) relevante Themen zu interessieren vermag. Meine Vermutung ist recht simpel: Ein Fußballspiel hat recht wenig mit der tatsächlichen Lebensrealität der meisten Menschen zu tun. Klar, man fiebert mit, geht ins Stadion oder schaut sich ein Spiel im Fernsehen an, hat danach gute oder schlechte Laune, je nachdem, wie das Spiel ausgegangen ist – aber dann war’s das auch schon. Die Duelle von Profisportlern verändern das alltägliche Verhalten der Menschen kaum: Diese gehen oder fahren am folgenden Tag genauso wieder zur Arbeit, kaufen im gleichen Geschäft ein, lesen die gleiche Zeitung, schicken die Kinder wie immer zur Schule usw. – und das alles ist vollkommen unabhängig vom Resultat des Fußballspiels vom Vortag. Deswegen erfreut sich Fußball auch so einer großen Beliebtheit, denn es ist zum einen sehr emotional und erlaubt dem Zuschauer, mitzufiebern und sich zu freuen oder auch zu trauern – aber all dies ist nach dem Spiel vorbei und tangiert unsere Komfortzone danach nicht im Geringsten, das Leben der Zuschauer wird nach dem Schlusspfiff nur noch wenig bis gar nicht vom Resultat beeinflusst oder gar beeinträchtigt. Und darüber lässt sich dann natürlich trefflich und auch hitzig debattieren, denn mein Leben, wie ich es mir eingerichtet habe, läuft genauso weiter, egal ob nun Ronaldo oder Messi aus der Diskussion als der bessere Fußballer hervorgegangen ist.

Ein bisschen anders sieht es da mit Themen aus, die tatsächlich auf die normalen Lebensumstände der Menschen abzielen. Hier habe ich schon oft Reaktionen und ein Diskussionsverhalten erlebt, die gekennzeichnet sind von einer reinen Abwehrreaktion des vom anderen Diskutanten Vorgebrachten. Es geht nicht mehr darum, in irgendeiner Form Argumente auszutauschen oder einen Inhalt voranzubringen, sondern nur noch darum, seine eigene Komfortzone nicht erschüttert zu sehen und guten Gewissens einfach so weitermachen zu können wie bisher, ohne sich selbst moralischen Bedenken aussetzen zu müssen. Ein paar Diskussionsmittel sind mir dabei schon häufig aufgefallen:

1. Ablenken vom Thema durch Versuch der Diskreditierung der Glaubwürdigkeit von Diskutanten

Als vor etwa zehn Jahren Trash-Talkshows im nachmittäglichen Fernsehprogramm noch Hochkonjunktur hatten und dort die Leute aufeinander losgegangen sind, konnte man dies immer wieder beobachten: Nach einer kritischen Äußerung kommt als Antwort: „Guck du dich doch an!“ In seiner Einfachheit bringt diese so natürlich schon recht lächerlich wirkende Replik das Wesen des Diskreditierungsversuches gut auf den Punkt. Natürlich ist die Glaubwürdigkeit einer Person immer wichtig, und wer andere erzählt, wie ätzend es ist, bei Amazon einzukaufen, aber selbst dort Großkunde ist, der sollte sich dann auch nicht wundern, wenn mal eine Nachfrage in die Richtung kommt, wie das denn zusammenpassen würde. Wer sich allerdings auf die Aufforderung, aus diversen Gründen nicht mehr bei Amazon einzukaufen, mit der als Vorwurf geäußerten Aussage, er selbst würde ja schließlich Fleisch essen, konfrontiert sieht, der kann davon ausgehen, dass es nur darum geht, ihn zu diskreditieren. Klar, Fleischkonsum kann man genauso diskutieren wie Einkaufen bei Amazon, aber eben bitte nicht, indem man das in einen Topf wirft, da die Beweggründe für beide Verhaltensweisen einfach komplett unterschiedlich sind – genauso wie auch die Auswirkungen auf die jeweils eigene Komfortzone. Dass Resultat dieser Vorgehensweise ist, dass jemand, der ethische Bedenken äußert, im Grunde eine komplett weiße Weste haben muss, da sonst die Diskussion vom Thema weg auf die Person des Kritikers verlagert wird. Und so wird dann letztlich jedes kritische Denken im Keim erstickt und zunichte gemacht, denn einen solchen 100-prozentigen Saubermann dürfte es kaum geben.

2. Infragestellen von Quellen

Natürlich ist es sinnvoll, nicht allem und jedem blind zu glauben, eine kritische Quellenkritik ist vielmehr ein Grundpfeiler der Medienkompetenz. Interessant ist es allerdings, wenn ein Infragestellen von Quellen immer nur dann stattfindet, wenn auch gerade die eigene Komfortzone ein wenig in Mitleidenschaft geraten könnte durch eine Information, wenn also bequemes oder gewohnheitsmäßiges Handeln mit einem Mal amoralische Aspekte bekommt. Tagesschau, Spiegel, Springer-Presse – alles tolle Quellen (wir haben uns hier schon oft genug zu den Verfehlungen dieser Medien geäußert, die ja letztlich auch ein elementarer Impuls waren, unterströmt überhaupt ins Leben zu rufen), aber wenn da was von einem unabhängigen Journalisten berichtet wird, was gerade nicht so richtig in mein Weltbild oder Gut-böse-Schema passt, dann ist der Typ doch garantiert nur irgend so ein Querulant oder Wichtigtuer. Klingt vielleicht etwas absurd, aber ist mir schon so was von häufig untergekommen: Menschen glauben lieber denen, die im Hochglanz und auf den gewohnten Kanälen daherkommen, als denen, die auf eigenen Wegen Informationen zutage fördern, die vielleicht sogar bewusst in anderen Medien zurückgehalten werden (Stichwort March Against Monsanto, nur mal als Beispiel) – und hinter denen vor allem nicht unbedingt massive finanzielle Interessen an der Verbreitung falscher Informationen stehen. So wurde mir zum Beispiel mal in einer Diskussion über die angebliche Ungefährlichkeit genveränderter Nahrungsmittel eine Untersuchung auf einer Webseite präsentiert. Der Blick ins dortige Impressum offenbarte dann auch ganz frank und frei, dass diese Webseite von Monsanto, BASF, Baiersdorf und ähnlichen Kalibern gesponsert wurde. Hier wären nun Zweifel an der Quelle durchaus angebracht, da der PR-Faktor schon ziemlich offensichtlich hervorsticht, aber wenn so eine Quelle dann im Artikel auf einer Leitmedien-Webseite verlinkt wird und sie zudem komfortzonenadäquate Inhalte bereitstellt, dann ist sie gleich deutlich glaubwürdiger als kritische Gedanken oder aufrüttelnde Neuigkeiten, die in ein paar Blogs präsentiert werden …

3. Verfälschung von Diskussionsbeiträgen durch deren Verallgemeinerung/Übersteigerung

Jemand äußert sich über das unethische Verhalten von einer kleinen Gruppe von Leuten oder Einzelpersonen und wird dann als Konter damit konfrontiert, dass er ja alles und jeden in Bausch und Bogen verteufeln wird. Das ist ein häufig angewandtes Mittel, um dem eigenen Standpunkt mehr Gewicht zu geben, wenngleich es natürlich unlauter ist, Aussagen derart zu verfälschen. Aber dadurch wird eben der Diskutant moralisch abgewertet, und das ist bei der Komfortzonenverteidigung ein probates Mittel, um sich nicht mit kritischen Gedanken auseinandersetzen zu müssen. Zudem wird auch hier der Inhalt aufgeweicht, denn wo es um spezifische Aspekte geht,die differenziert kritisiert werden, ist die Dampfwalze der Verallgemeinerung selten zielführend, um eine Problematik adäquat zu analysieren.

4. Einfordern von Toleranz

Toleranz ist eine wichtige Sachen, und niemand mag gern intolerant genannt werden. Insofern wird auch diese leider allzu häufig als Totschlagargument gebraucht, wenn es darum geht, ein Eindringen moralischer Bedenken in die Komfortzone zu verhindern. Ein Verhalten wird angeprangert – zack – schon ist der anprangernde intolerant, denn er hat schließlich das kritisierte Verhalten zu tolerieren (auch wenn dieses selbst intolerant ist). Ein paar schlaue Leute haben dazu schon Treffendes gesagt, dass man in solchen Fällen den selbst ernannten Komfortzonensicherungstoleranzaposteln entgegenhalten kann:

Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren. (Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde)

Um tolerant zu sein, muß man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen. (Umberto Eco, DIE ZEIT, 5. November 1993)

 

Wer also um die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema bemüht ist, sollte darauf achten, diese eben geschilderten unlauteren Diskussionsmittel nicht zu verwenden – und genauso auf deren unlauteren Charakter hinzuweisen, wenn er damit konfrontiert wird. Letzteres erweist sich nur als sehr schwierig, denn die Komfortzonenverteidiger erweisen sich in der Regel als Mitläufertypen: Es muss doch richtig sein, wenn das alle machen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Und wie will man jemanden überzeugen, der im Grunde gar keine Überzeugung hat?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

3 Gedanken zu „Diskussionsmittel zur Verteidigung der Komfortzone“

  1. Zwei Ergänzungen, die mir noch eingefallen sind:

    Häufig wird zur Verteidigung der eigenen Komfortzone auch der Diskutant aufgefordert, dass Land, die Stadt, die Gesellschaft oder was sonst noch möglich ist, zu verlassen. „Wenn’s dir hier nicht gefällt, dann geh doch nach drüben“ – die in den Zeiten, als es noch zwei deutsche Staaten gab, Aufgewachsenen werden sich an diesen Ausspruch zum Abwürgen von Kritik noch erinnern, und das war damals schon genauso dämlich und falsch, wie es das heute ist. Jemandem, der einen Missstand anprangert, die Alternative aufzuzeigen, dann doch einfach sein Lebensumfeld zu verlassen (vor allem, weil es ja irgendwo anders auch zwingend besser ist), ist zudem noch von einer unerträglichen Blasiertheit geprägt.

    Und dann noch: Die unter Punkt 1 beschriebene Diskreditierung des Diskutanten dient nicht nur der Verteidigung, sondern auch noch der Auspolsterung der Komfortzone, sodass es danach dort noch etwas gemütlicher ist: Anstatt dass ich mir jemanden aufgrund seines Verhaltens (das aufgrund ethischer Aspekte und nicht nur aus Bequemlichkeits- oder Trägheitsgründen erfolgt) ein Stück weit als Vorbild nehme oder mich davon inspirieren lasse, würdige ich diese Person herab, indem ich Schwächen aufzeige, also quasi Kratzer in den Lack mache. Das erklärt auch, warum Menschen, die vieles richtig zu machen versuchen, schon für kleinste Unachtsamkeiten oder diskussionswürdige Verhaltensweisen massiv kritisiert werden, wohingegen der tumbe Mitläufer, der permanent, und massiv (und vor allem auch vollkommen hemmungs- und gedankenlos) auf Kosten der Umwelt, anderer Menschen usw. lebt, dieser Kritik nur verhältnismäßig selten ausgesetzt wird, da er eben nicht als Vorbild taugt und insofern eben auch nicht demontiert werden muss.

  2. Und noch eine Ergänzung, da ich gerade im Zusammenhang mit der Fußball-WM noch zwei weitere Diskussionsmittel vermehrt beobachten konnte (die Frage, wie man es unter ethischen Gesichtspunkten verantworten kann, die WM-Spiele zu schauen, wenn man doch weiß, was für Gräuel dafür in Brasilien begangen wurden, scheint die Komfortzone in der Tat massiv zu tangieren):

    Quasi als Punkt 1a als Ergänzung zum oben genannten Punkt 1: Auch ohne den Diskutanten diskreditieren zu wollen, wird ein Themenwechsel als Vergleich herbeigeführt: „Dieses oder jenes ist dann aber auch nicht in Ordnung …“ Vergleiche können durchaus sinnvoll sein, aber in diesen Fällen geht es m. E. in erster Linie um zwei Aspekte: Zum einen soll vom eigentlichen Thema der Diskussion abgelenkt und das Gespräch in eine andere Richtung gelenkt werden, zum anderen ist es ja auch eine prima Legitimation für das eigene Verhalten: Wenn ich etwas mache, was scheiße ist, aber anderswo auch Scheiße gemacht wird, dann ist mein eigenes Verhalten schon irgendwie nicht mehr ganz so schlimm. Das ist natürlich ein Trugschluss, denn Fehlverhalten und Unrecht kann nie gegeneinander aufgerechnet werden, und Fehler an einer Stelle legitimieren keine Fehler an anderer Stelle. Trotzdem wird die vermeintlich relativierende Funktion solcher ablenkender Vergleiche immer wieder gern genutzt zur Verteidigung seiner eigenen Komfortzone.

    Und als weiterer Punkt der Auflistung: „Man kann ja eh nichts machen …“ Dies ist ein ziemlicher Irrtum, denn gerade der Einzelne kann einiges machen, ich möchte sogar behaupten, dass jede Veränderung damit begonnen hat, dass einer oder wenige etwas anders gemacht und sich einem üblichen Verhaltensmuster verweigert haben. Hier auf unterströmt finden sich ja auch einige Texte zu dem Thema, was jeder konkret machen kann, um sein eigenes und das Leben seiner Umwelt ein bisschen nachhaltiger zu gestalten. Diese resignative Äußerung dient also m. E. vielmehr dazu, sich eine Legitimation für einen Standpunkt, den man eigentlich als falsch identifiziert hat, zu verschaffen. Ohnmacht ist schließlich etwas, was einer Änderung des eigenen Handelns sehr trefflich entgegensteht – und die Schuld wird auch gleich noch ein Stück weit von sich geschoben, denn es sind ja quasi „höhere Mächte“ im Spiel. Man würde ja gern, aber es hat ja eh keinen Zweck – also muss man seine Komfortzone auch nicht verlassen oder anrühren lassen.

  3. Gerade ist mir noch ein Diskussionsverhalten bei Facebook begegnet, das man als Punkt 1b aufführen könnte: Man weist in einer an und für sich stringenten Argumentation einen kleinen Fehler nach, der nicht unbedingt etwas mit dem Thema, um das es eigentlich geht, zu tun hat, und verschiebt nun die ganze Diskussion in die Richtung dieses Fehlers.

    Beispiel: „… wie schon Goethe im Werther sagte.“ Hiermit soll gezeigt werden, dass eine Aussage schon vor einigen Hundert Jahren Gültigkeit hatte. Nun folgt der Einwand: „Das war aber nicht im Werther, sondern im Götz von Berlichingen.“ An sich ist dieser Einwand natürlich schon o. k., nur wird so etwas dann eben oft in der Richtung benutzt, um die Diskussion nun in diesem Fall in Richtung Goethe-Expertise zu ziehen und zugleich den anderen Diskutanten unglaubwürdig zu machen: Wenn er da schon mal einen kleinen Fehler gemacht hat, dann stimmt der ganze Rest eben halt auch nicht. Dies muss natürlich gar nicht der Fall sein, aber anstatt eines inhaltlichen Arguments wird nun der (unlautere) Hebel am Schwachpunkt eines Nebenschauplatzes angesetzt. Oft wird dann, selbst wenn der Irrtum eingeräumt wurde, weiter auf diesem neuen Thema herumgeritten, da dieses die eigene Komfortzone eben nicht tangiert und so die Diskussion davon wegführt.

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