Ludwig Erhard, der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft? Von wegen!

Ludwig Erhard genießt ja in weiten Teilen der Bevölkerung, de Politik und auch der Medien fast schon so etwas wie einen Heiligenstatus, da er als Erfinder der sozialen Marktwirtschaft gilt. Doch ist das eben so gar nicht der Fall, sondern vielmehr eine geschickt und recht dreist gestrickte Legende, mit der sich der im Grunde marktgläubige CDU-Wirtschaftsminister etwas zu eigen machte, was sich eigentlich gegen seine Politik richtete. Populismus par excellence, würde ich das nennen.

Ich selbst habe auch bis vor Kurzem an diese Erzählung geglaubt, dass eben Ludwig Erhard das Konzept der sozialen Marktwirtschaft entwickelt  und somit entscheidend zum deutschen Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen habe.

Bis ich dann einen Kommentar von Uwe Fuhrmann in der taz vom Mai dieses Jahres las, in dem das Ganze etwas anders berichtet wird: Erhard habe so zunächst einmal nach der Währungsreform im Jahr 1948 komplett auf die freie Marktwirtschaft gesetzt, was dann allerdings reichlich nach hinten losgegangen ist und massive Proteste seitens der Bevölkerung sowie sogar den letzten deutschen Generalstreik zur Folge hatte.

Dieser Druck „von der Straße“ führte dann dazu, dass Erhard einlenkte und sich einfach die Begrifflichkeit seiner Kritiker aneignete, indem er den von diesen verwendeten Begriff der „sozialen Marktwirtschaft“ adaptiert, in der CDU-Programmatik verankerte und so untrennbar mit seinem Namen verband.

Das könnte nun als kleine Posse der Geschichte abgetan werden, wenn dies nicht letztlich die Grundlage dafür wäre, warum der Neoliberalismus sich nicht nur Ende der 70er-Jahre als Ideologie durchsetzen konnte, sondern sich nach wie vor trotz seines offensichtlichen Scheiterns nach wie vor behaupten kann: Die CDU als einer der Hauptprotagonisten des Neoliberalismus in Deutschland wird eben immer noch dank der Erhard-Legende mit sozialer Marktwirtschaft in Verbindung gebracht und nicht mit einem Marktradikalismus, der unter Erhard schon 1948 gescheitert ist.

Und so bekommt man diese Gegenerzählung eben nur in einem Kommentar in der taz vorgesetzt, was viel zu wenige Menschen überhaupt mitbekommen, während überall anders der falsche Mythos von Erhard als Erfinder der sozialen Marktwirtschaft verbreitet und aufrechterhalten wird.

Für mich ein guter Grund, zumindest hier noch mal auf diese Richtigstellung aufmerksam zu machen.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 thoughts to “Ludwig Erhard, der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft? Von wegen!”

  1. Merz sollte Kanzler werden!

    Schuld an den Zuständen sind nämlich die, die versuchen die Zustände nicht ganz so schlimm werden lassen, wie sie wären, wenn man die hätte machen lassen, die sie schneller noch schlimmer machen wollten. Sie bremsen, aber sie verhindern nicht und deshalb gewöhnen wir uns seit langem an mehr, als wir hätten zugelassen, wenn wir nicht so viel Zeit gehabt hätten, um uns daran zu gewöhnen. Und sie bremsen und verhindern nicht, eben weil sie an das Oxymoron Soziale Marktwirtschaft glauben, glauben, dass Erhardt nur das Beste für uns alle wollte, dass das Kapital nur unser Bestes im Sinn gehabt hätte und hat.

    Wir merken deshalb zu spät, dass wir uns auf gar keinen Fall daran gewöhnen hätten dürfen, an was man uns mit diesen Narrativen gewöhnt hatte.

    Deshalb, versuchen wir doch mal was anderes:

    Weg mit den Bremsen und den Bremsern, befreit die Marktwirtschaft von den Hindernissen, die sie sowieso wegräumen wird – oft mit Hilfe derer, die vorgeben bremsen zu wollen, etwas anderes zu wollen. Weg mit dem Sozial vor der Marktwirtschaft, denn es ist doch sowieso nur als Beschönigung gedacht, als Mäntelchen über dem Leichnam, aus Pietät heraus für die Angehörigen.

    Schauen wir richtig hin, decken wir die Leiche auf. Die Erkenntnis wird dann zwar hart werden, das Leben für viele auch, aber heilsam könnte es sein, die Chance auf einen Neuanfang könnte sie beinhalten.

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