„Meckerer“

Das Schöne an der repräsentativen Demokratie ist, dass man Bürger und Wähler bleiben darf, nicht verpflichtet ist, selbst Politik machen zu müssen, trotzdem kritisieren darf, eben weil man Macht delegieren kann, und zwar an die, die mehr wollen und vor der Wahl behaupten, auch mehr zu können, behaupten, die richtige Person oder Partei zu sein, und dafür dann nach Macht streben.

Dafür gebührt denen, die sich wählen lassen, Anerkenntnis und Lob, wenn sie ihren eigenen Behauptungen gerecht werden. Immer aber haben sie Respekt dafür verdient, dass sie ihre Freizeit im Sinne der Gemeinschaft verbringen – opfern ist mir hier zu hoch gegriffen, denn auch das eigene Engagement hat mit Altruismus meist am wenigsten zu tun.

Sie haben aber auch Kritik hinzunehmen, haben sie aufzunehmen, dann nämlich, wenn sie nicht das tun, was der Gemeinschaft nützt, was der Gemeinschaft vielleicht sogar schadet, wenn ihr Tun nicht den versprochenen Erfolg gebracht hat. Auch harte Kritik muss hier möglich sein, die eigene Kinderstube darf der Kritiker aber nie außen vor lassen bei der Kritik. Der Schlüssel ist und bleibt die gegenseitige Wertschätzung. Ich schrieb u. a. hier darüber. Kritiker allerdings als „Meckerer“ zu verunglimpfen, dieses Recht haben auch die Gewählten nicht, denn auch dies zeugt von geringer bis gar keiner Wertschätzung. Sie sind gewählt und nicht die Auserwählten, wie einige von ihnen vielleicht glauben mögen.

Schlechter Stil ist es nämlich, wenn die, die die Macht bekommen haben, vor allem dann, wenn sie dem Anspruch der Bürger und der Wähler nicht gerecht geworden sind, sich dann Kritik gegenübersehen, sich, anstatt die Kritik zur Kenntnis zu nehmen, sie aufzunehmen, allzu gern aus der Schusslinie nehmen wollen, sich herausreden wollen, indem sie von „Meckerern“ sprechen, dem „Meckerer“ dann im gleichem Atemzuge vorhalten, es nicht selbst gemacht zu haben, es nicht selbst machen zu wollen, ihm und ihr unterstellen, dass er und sie meinten, es besser gekonnt zu haben. Ein oft zu beobachtendes unsägliches Tun von meist schwachen Kommunalpolitikern, in Sachfragen wie in ihren kommunikativen Möglichkeiten. Zurückdelegieren der Verantwortung ist das dem Grunde und auch den Fakten nach, ohne allerdings eigene Konsequenzen daraus zu ziehen für notwendig zu erachten. Eigentlich untersagen sie damit dem Bürger und Wähler das Kritisieren, verbal natürlich nur, denn tatsächlich können sie es nicht, dazu fehlt ihnen dann doch (noch) die Macht.

Sie machen dies oft genug bewusst, haben ihre Truppen immer in Bereitschaft, die aus Oberflächlichkeit und fehlendem Demokratieverständnis dann gern die Partei für die Kritisierten ergreifen, nie allerdings dabei für die Demokratie und die Bürger und Bürgerinnen. Verloren geht dabei die Einsicht, dass die meisten dieser „Meckerer“ eigentlich nur interessierte (und oft enttäuschte, weil betroffene) Bürger und Wähler sind, die selten selbst Macht ausüben wollen, diese, der repräsentativen Demokratie entsprechend, genau deshalb delegiert hatten.

Warum sie keine Macht ausüben wollen, hat viele Gründe. Zeit, andere Interessen, andere Prioritäten, vielleicht auch nur, weil sie dieses Ansehen nicht brauchen, nicht im Rampenlicht stehen wollen (oder können). Manch einer und manch eine mag auch selbst sich nicht zutrauen, politisch tätig zu sein, oder auch nur nicht wollen, weil sie eben leben wollen, nur leben wollen, von den Interessen und Motivationen anderer profitieren wollen und gerade deshalb das Schöne der repräsentativen Demokratie für sich in Anspruch nehmen, am Gemeinwohl partizipieren wollen, ohne es selbst gestalten zu müssen, es aber schmerzlichst vermissen, wenn es verloren geht, wenn es – wie es häufig der Fall ist – „verscherbelt“ worden ist oder „verscherbelt“ werden soll. Das alles ist aber völlig egal, denn das Schöne nämlich, dass man nicht verpflichtet ist, als kritischer Bürger auch gleichzeitig Politiker sein zu müssen, auf alles eine Antwort parat haben zu müssen, steht jedem Bürger und jeder Bürgerin zu, frei zu wählen. Was nicht freisteht, ist, dass man nach der Wahl dann die, die gewählt haben, als Meckerer bezeichnet, wenn der Bürger und die Bürgerin nicht mit dem einverstanden ist, was die „Auserwählten“ dann entschieden haben.

Selbst dann nicht ist dem Bürger und der Bürgerin der Mund zu verbieten, wenn er oder sie gar nicht gewählt hatte, wenn sie von ihrem Recht Gebrauch gemacht hatten, nicht wählen zu müssen. Denn auch diese Entscheidung ist Teil unseres Systems der demokratischen Repräsentation und Teil damit der Wahl, die wir alle haben, und auch gegen diese Art von oberflächlichen Politikern und ihre Kohorten der Abnicker verteidigen sollten. Freiheit ist nämlich auch, nicht tun zu müssen, was andere von einem verlangen, und viel zu viel müssen wir schon tun, was andere uns sagen, uns zwingen sogar zu tun.

Wer Menschen, die Kritik äußern, als „Meckerer“ bezeichnet, sagt damit über sich selbst, sein Demokratieverständnis und den Grad der Wertschätzung gegenüber anderen Menschen mehr aus, als er vielleicht aussagen wollte, als er oder sie von seinen und ihrem Charakter preisgeben wollte.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

2 Gedanken zu „„Meckerer““

  1. Das ist wie mit den Neiddebatten, die man unterstellt bekommt, wenn man die Ungleichheit beklagt, obwohl man doch selbst gar nicht mehr will, sondern nur, dass es gerecht zugeht. ‚Neiddebatte‘ ist da genau wie ‚meckern‘ auch so eine leere Worthülse oder ein Textbaustein, der eingesetzt wird, um Kritik von vorneherein zu diskreditieren und um bloß keine Diskussion aufkommen zu lassen.

  2. Stimmt, Neiddebatten ist auch so eine Totschlag-Taktik, die gern genommen wird, um sich selbst aus der Schusslinie zu befördern. Dabei sind es meist die, die sich dieser Terminologie bedienen, die, die nicht gönnen können, nicht teilen wollen. Beiden erwähnten Strategien gemeinsam ist, dass sie eine Moral behaupten, für die, die nicht „meckern“ und auch nicht „neiden“, die sie hätten und die sie anderen absprechen, ja, denen sie damit amoralisches Verhalten unterstellen. Sie sind halt die Guten und alle anderen sind entweder schlecht oder dumm. Denn das ist ja auch ein gern benutzter Terminus für die, die anders denken, anderes Handeln verlangen, sie leiden eben unter Bildungsdefiziten, die sie selbst ja nicht besitzen, da sie ja selbst zu den Gebildeten gehören, die anderen eben nicht. Da ist doch dann auch logisch, dass nur noch für die Wohlhabenden Politik gemacht wird, sind sie doch nicht neidisch, meckern sie auch nicht und ihre Bildung sieht man Portemonnaie, denn wer eine dicke Brieftasche hat, der hat auch die entsprechende Bildung und wer nicht, der eben nicht, ganz im Sinne der Leistungsgesellschaft, noch so ein Totschlagargument, dem Glücklichen, dem Vermögenden immer auch gleich die Leistung mit bescheinigen zu wollen.

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