Selbstbetrug: Impfungen und andere Ängste

Das Thema „Impfung“ wird auch in meinem Umfeld hochemotional diskutiert, und es gibt soziale Verwerfungen und Tränen. Wieso kocht gerade dieses Thema dermaßen hoch? Nach meiner Erfahrung sind solche emotionalen Diskussionen nur möglich, wenn man eben auch selbst emotional involviert ist (logisch). Die Aggressivität, die dabei sowohl Impfbeführworter:innen als auch -gegner:innen an den Tag legen, sieht dabei sehr für mich nach Selbstschutz/Selbstverteidigung und Ungerechtigkeitsempfinden aus. Nichts bringt Leute so aus der Fassung wie Ungerechtigkeit (meist leider nur die am eigenen Leib erfahrene). Und nichts lässt Menschen so aggressiv werden wie Druck in Form von Zwang oder auch Kritik (wobei Kritik am Handeln grundsätzlich eher als Kritik an der Person wahrgenommen wird). Zumindest ist das meine Erfahrung mit meinem Umfeld und vor allem auch mit mir selbst.

Ich bin seit über 23 Jahren Vegetarier, komme aber nicht auf die Idee, Leute zu bekehren oder auch nur zu animieren, solange man mir nicht mit „blöden Sprüchen“ kommt (die wiederum gern dem eigenen schlechten Gewissen entspringen oder eben einer gewissen Überheblichkeit). Denn klar: Jeder hält sein Verhalten für das ausgewogenste Handeln, denn man hat es sich ja schließlich gut überlegt (was meistens heißt, man ist es so gewohnt, oft leider nicht mehr oder weniger). Sobald mir aber jemand mit Argumenten oder Vorwürfen kommt, kann und möchte ich nicht an mich halten, nehme entsprechende Argumente auf und prüfe diese auf Sinnhaftigkeit und Logik. Besonderes Augenmerk liegt bei mir auf dem so bequemen Selbstbetrug, den wir zur Erhaltung unserer Komfortzone oder zum Abwenden von Druck betreiben.

So ist es auch mit dem Impfen: Ich verstehe absolut, dass Menschen Ängste und Bedenken haben, wenn es um eine solche Entscheidung geht. Es nutzt selten etwas, wenn man jemandem mit Angst vor Spinnen sagt: „Stell Dich nicht an, die tut Dir doch nichts.“ Oder: „Statistisch wird Dir bei Spinnen in Deutschland zu 99,82 % nichts passieren, wenn die Dich beißt, weil …“ So ist es mit den meisten Ängsten, da diese nicht rational gesteuert werden, sondern aus „negativen oder fehlenden Erfahrungen“ resultieren (was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht). Wenn nun aber Argumente folgen, die eine augenscheinliche Logik unterstellen, dann hinterfrage ich diese auch. Wenn jemand also gesundheitliche Bedenken gegen die Impfung vorbringt, dann wäre die erste Frage natürlich nach den gesundheitlichen Folgen im Falle einer Erkrankung durchaus berechtigt, aber eben auch hypothetisch (denn der Krankheitsverlauf ist nicht sicher vorhersehbar). Wenn ein gesundheitliches Argument jedoch von Menschen kommt, die stark übergewichtig, Raucher:innen, Drogenkonsument:innen sind,  regelmäßig mehr als ein Glas Wein trinken oder auch nur ohne Helm mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen, dann finde ich die Begründung schon ziemlich dünn und weise auch auf die kognitive Dissonanz hin.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich gestern beim Kochen die aktuelle Sendung ZDFzoom laufen ließ und mir einmal mehr die Spucke im Hals stecken bleib, als ich die Worte der 40-jährigen Waldorf-Lehrerin (schön Klischees bedienen) und Mutter hörte: Sie schicke ihre Kinder nicht mehr zur Schule, weil die ja mit der für sie unsichtbaren Bedrohung in Form der Masken gar nicht umgehen könnten (also auch, dass die Kinder selbst eine Bedrohung für andere darstellen). Wörtlich sagte sie noch: „Wie soll man da ein sicheres Selbstgefühl entwickeln, wenn man sich selbst als Gefahr sieht?“ (ca. 12. Minute). Ich frage erst einmal vorsichtig: Wie wäre es mit Aufklärung anstatt Realitätsverweigerung?

Die Welt ist komplex, und es gibt so viele Dinge, vor denen ich meine drei Kinder gern schützen würde. Ich kann die Kinder im Keller einschließen, damit sie den Kinderschänder:innen auf der Straße und im Internet nicht zum Opfer fallen. Oder ich kläre die Kinder über die möglichen Gefahrensituationen auf, beantworte ihre Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, und wenn ich dazu nicht imstande bin, suche ich mir professionelle Unterstützung. Unsichtbare Bedrohungen sind für die Kinder (genauso wie für Erwachsene) alltäglich: Feinstaub, Viren, Schimmelsporen, giftige Dämpfe von Klebstoffen oder aus billiger Kleidung. Und das sind nur die unmittelbar gesundheitlichen Folgen! Wenn ich nicht nur in meiner kleinen Welt denke, dann sind da andere Themen, die einem auch ohne akute Bedrohung zu denken geben könnten oder sollten: Klimawandel, Radioaktivität, Passivrauchen, Verkehrsunfälle, Scheidung der Eltern, Schuldenfalle der Eltern, Alkoholismus der Eltern, Kometeneinschläge, Sonneneruptionen oder Kokosnüsse, die einem auf den Kopf fallen. (Ja, es sterben jährlich 150 Menschen durch herabfallende Kokosnüsse, aber nur 15 durch Haiangriffe, aber wovor hast Du mehr Angst?) Und bei einigen dieser Dinge sind auch Kinder die „unsichtbare Gefahr“ (die sie laut dieser Frau ja erleben, wenn sie eine Maske tragen müssen), wie z. B. im Straßenverkehr, beim Klimawandel und ganz akut bei jeder Krankheit, mit der sie geschwächte Personen umbringen können, von der Grippe bei älteren Leuten oder wie bei Röteln für schwangere Frauen. Aufklärung wäre auch in diesen Fällen aus meiner Sicht das probatere Mittel als Wegsperren oder Ausblenden.

Es bleiben für mich zwei Fragen, denen ich nun mal näher auf den Grund gehen werde. Die erste wird sich wohl bedingt beantworten lassen, wobei es eben immer mehrere Antworten gibt, wenn es um mehrere Menschen geht: Wieso verabreiche ich mir ein an Menschen ungetestetes Wurmkur-Mittel für Rinder eher als eine milliardenfach verabreichte und damit gut dokumentierte Impfung (es sei denn, ich halte mich für ein Rindvieh)? Und die zweite Frage für mich ist: Warum sehe ich diese oben genannte Waldorf-Lehrerin und ihre zur Schau gestellte Besorgnis und echauffiere mich über ihre Aussage? Da liegt wohl bei mir noch etwas im Argen mit dem für mich aufgesetzten und substanzlosen Empathiegeschwafel …

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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