Gut und Böse

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen eine kriegerische Auseinandersetzung die Schlagzeilen beherrscht, tendieren viele zu einer vereinfachten Sichtweise von Gut und Böse. Diese ist allerdings bei solchen Konflikten nur sehr selten angebracht. Ein paar Beispiele dazu.

Muammar al-Gaddafi war ein Herrscher, dem ich keine sonderlichen Sympathien entgegengebracht habe. Dennoch fand ich die Regime-Change-Militäroperation einiger Nato-Staaten, die zu seinem Tod führte und das Land in ein bis heute andauerndes Chaos stürzte, grundverkehrt. Und dass Libyen nun ein sogenannter Failed State ist, bestätigt meine Sichtweise.

Ähnlich sieht es in Syrien aus: Der dortige Präsident Baschar al-Assad ist ein reichlich übler Geselle, der Oppositionelle foltern lässt und keine Skrupel hat, mit Gewalt gegen Proteste der eigenen Bürger vorzugehen. Aber ist die Al-Nusra-Front, die einer der Hauptaktuere im syrischen Bürgerkrieg gegen Assads Regime ist, nun so viel besser? Das sind immerhin radikale islamistische Fundamentalisten mit guten Beziehungen zu al-Qaida und dem Islamischen Staat (IS), die da mit Waffen von westlichen Staaten unterstützt werden. Und für solche Leute hab ich eben auch so gar nichts übrig.

In die gleiche Kategorie gehören ja die Taliban in Afghanistan: rückschrittliche, frauenfeindliche religiöse Eiferer mit totalitärem Gebaren und einem Führungsanspruch, der keine oppositionelle Kritik zulässt. Ziemlich eklige Typen. Dennoch fand ich es falsch, als Nato-Staaten dort einmarschiert sind – was letztlich nur viele Afghanen das Leben gekostet und reichlich Infrastruktur dort zerstört hat, ohne was zu ändern. Denn seit letztem Jahr, als die ausländischen Truppen wieder abgezogen sind, sind die Taliban dort ja wieder am Ruder.

Um gleich noch mal bei den radikalen Islamisten zu bleiben: Für deren Führungspersonal, gerade wenn das im Verdacht steht, Terrorismus zu fördern oder anzuordnen, halten sich meine Sympathien ebenfalls sehr in Grenzen. Dennoch finde ich es alles andere als in Ordnung, wenn solche Menschen dann einfach (zum Beispiel per Drohne) umgebracht werden. Mein rechtsstaatliches Empfinden geht eben dahin, dass wirklich jeder einen fairen Prozess verdient hat und dort dann auch angehört werden sollte – auch wenn derjenige ein echter Widerling ist. Aber Justiz sollte eben nicht nach Sympathie gehen, sondern auf gleichen Standards für alle basieren.

Noch was im Nahen Osten: Was da seit vielen, vielen Jahren zwischen Israelis und Palästinensern abgeht, finde ich auch komplett ätzend. Dabei habe ich sowohl für israelische als auch für palästinensische Hardliner kein Verständnis, die ständig nur Gewalt und weitere Repressionen als Mittel sehen, um ihre Interessen durchzusetzen. Die gemäßigten Stimmen auf beiden Seiten finden allerdings meine Zustimmung – nur musste ich dann auch schon erleben, dass ich in solchen Diskussionen von der Pro-Israel-Fraktion als Antisemit und von der Pro-Palästina-Fraktion als Zionist bezeichnet wurde. Und das als Reaktion auf nahezu identische Äußerungen meinerseits. Was zeigt: Je länger ein Konflikt dauert, je mehr Menschenleben er fordert und je mehr Menschen dann insgesamt darunter leiden, desto unversöhnlicher stehen sich beide Seiten gegenüber, sodass Besonnenheit kaum noch zum Zuge kommt.

Und auch der Krieg im Jemen zeigt, dass man keine der beiden Seiten, die dort aktiv sind, unbedingt großartig finden muss, denn das ist ja im Grunde ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Beides jetzt nicht eben Regimes, deren Stil sich mit meinen progressiven, demokratischen und rechtsstaatlichen Ansichten decken. Meine Sympathie gilt in diesem Fall ausschließlich der jemenitischen Bevölkerung, die seit Jahren dort unermessliches Leid erfährt.

Apropos Iran: Als dort die Kopf-ab-Mullahs das totalitäre Folterregime vom Schah abgelöst haben, hat da nun auch nicht gerade ein Sympathieträger einen anderen ersetzt. Ebenso wenig konnte ich mich im Krieg vom Saddam Husseins Irak gegen den Iran dann für eine Seite von beiden begeistern, zumal dann ja auch alle Arschgeigen in Amt und Würden geblieben sind, nachdem dabei haufenweise Menschen gestorben sind. Auch dass Saddam Hussein kein cooler Typ ist, kann dann allerdings nicht rechtfertigen, dass die US-Regierungen der (ebenfalls bei mir nicht sonderlich gut angesehenen) Bush-Sippe Lügen über ihn und sein Regime verbreitet haben (einmal die Brutkasten-Lüge, ein andermal die erfundenen Massenvernichtungswaffen), um dann Krieg gegen den Irak zu führen – mal wieder mit dem Resultat, einen Failed State zu hinterlassen

Auch wenn man ein bisschen weiter zurückschaut, finden sich Beispiele, bei denen Schwarzweißdenken nicht angebracht ist. So im Zweiten Weltkrieg. Auch wenn ich die Niederlage der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan begrüße, so empfinde ich es als unsagbar furchtbares Kriegsverbrechen und einen bisher einmaligen Tabubruch, dass Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Da heiligt der Zweck in keiner Weise die Mittel, das hätte einfach nie geschehen dürfen und zeigt, wie sehr der Wahnsinn damals auf der ganzen Welt um sich gegriffen hat nach Jahren dieses entsetzlichen Krieges.

Genauso wie die Übergriffe der US-Armee im Zuge des Vietnamkriegs auf kambodschanisches Territorium nicht ansatzweise rechtfertigen, was dann Pol Pot und seine Spießgesellen von den Roten Khmer als Reaktion darauf in den folgenden Jahren dort angerichtet haben.

Aber wieder zurück in die heutige Zeit: Wie schaut es denn mit Gut und Böse im Krieg von Russland gegen die Ukraine aus?

Was Russlands Präsident Wladimir Putin angeht, so sind sich da die allermeisten Deutschen einig: eindeutig böse. Und auch ich finde da nichts Sympathisches an diesem Typen: ein Kleptokrat, der Oligarchie fördert und die Opposition unterdrückt, dabei dann auch noch homosexuellenfeindlich ist. Das widerspricht so ziemlich allen meinen politischen Überzeugungen.

Ist dann also der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskji der Gute? Na ja, viele sehen das so und bezeichnen ihn und seine Regierung als Verteidiger der Demokratie. Das ist allerdings erst seit dem russischen Angriff so, zuvor war da die Einschätzung in vielen deutschen Medien ein andere (wie ich vor einigen Monaten schon mal in einem Artikel ausführte): Da galt Selenskji noch als korrupter Kleptokrat, der Oligarchie förderte und die Opposition unterdrückte, dabei dann auch noch eine unschöne Nähe zu Rechtsextremisten hatte. Klingt jetzt gar nicht so sehr anders als die Einschätzung von Putin, oder?

Aber klar: Wer in ein anderes Land einfällt, der hat ohnehin schon mal wenig Chance darauf, geilster Typ des Jahres zu werden. Nur ist es eben auch in diesem Konflikt so, dass beide Seiten nicht wirklich das Gelbe vom Ei sind. Und das beziehe ich nun nicht nur auf Selenskjis vorherige Taten, sondern auch darauf, was seine Regierung so abzieht seit Kriegsbeginn. Da wird nämlich die Ukraine nach neoliberalen Vorstellung so umgebaut, dass die normalen Bürger auch dann noch recht wenig zu lachen haben dürften, wenn dieser furchtbare Krieg dann endlich mal vorbei sein sollte, wie Anna Jikhareva in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik (leider nur als Bezahlartikel lesbar – das lohnt sich allerdings auch) ausführt.

Und wenn ich mir dann noch überlege, wie wohl der ständig rumpöbelnde Ex-Botschafter der Ukraine Andrij Melnyk mit politischen Gegnern im eigenen Land umspringen mag, dann wird mir gleich noch mal so richtig übel. Wer schon Staatsoberhäupter, Wissenschaftler und Journalisten ständig mit wüsten Verbalattacken überschüttet, sobald sie nicht seiner Meinung sind, dürfte auch mit Andersdenkenden wenig zimperlich umspringen, wenn ihm denn die Gelegenheit dazu gegeben wird. Ach ja, und dass der Typ dann auch noch ein Fan vom Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera ist und sich in einem Interview mit Tilo Jung in Aussagen verstieg, die schon fast an Holocaust-Leugnung grenzen, zumindest aber übelste Geschichtsklitterung darstellen, lässt ihn für mich dann auch nicht in einem freundlicheren Licht dastehen.

Also mal wieder ein kriegerischer Konflikt, in dem es keine wirklichen Sympathieträger gibt, sondern ein paar skrupellose Wichtigtuer und Psychopathen haufenweise Menschen in den Tod schicken. Man kann also hierbei sowohl Putin als auch Selenskji so richtig scheiße finden.

Tja, nur wird das eben in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit nicht so gesehen, da gibt es eine klare Schwarzweißteilung in Gut und Böse. Was vielleicht daran liegen mag, dass es eben etliche Profiteure dieses Konflikts gibt (s. hier) und Deutschland eindeutig Stellung bezogen hat in Form von Sanktionsmaßnahmen gegen Russland und Unterstützung der Ukraine mit Militärgerät und Geld. Insofern ist man hierzulande schon so ein kleines Stück weit Kriegspartei, und da bleibt für differenzierte Sichtweisen eben kein Platz mehr, sondern es muss das plumpe Gut-Böse-Schema herhalten. Kennt man ja auch aus den meisten Hollywood-Filmen so …

Insofern würde ich da lieber empfehlen, sich noch mal „Watchmen“ zu Gemüte zu führen, entweder als Graphic Novel oder in der ausgesprochen gelungenen Verfilmung. Da wird nämlich hervorragend aufgezeigt, dass es mit Gut und Böse bei Konflikten, die viele Tote fordern, in der Regel nicht ganz so einfach ist – was auch erheblich dichter an der Realität dran ist!

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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