Pro und Kontra Social-Media-Verbot für Kinder

In den letzten Wochen wurde ja immer wieder diskutiert, ob es ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 oder 16 Jahren geben sollte. Klingt erst mal durchaus stimmig, ist aber dennoch eine etwas zwiespältige Sache, wie ich finde.

In Australien wurde genau das schon eingeführt, und die Social-Media-Konzerne haben nun seit Beginn des Jahres, seit das Gesetz in Kraft ist, bereits über vier Millionen Accounts von minderjährigen Nutzern deaktiviert (s. hier). Da Social Media oft als Mittel zum Mobbing missbraucht wird und zudem die Gefahr der Desinformation gerade für junge Menschen dort sehr groß ist aufgrund von deren noch nicht richtig ausgeprägter Medienkompetenz, ist die Idee eines solchen Schutzes von Minderjährigen erst mal naheliegend.

Zumal es ja auch in anderen Bereichen Jugendschutz gibt, der durch Verbote geregelt ist: Zigaretten, Alkohol, Pornografie oder Filme, die junge Menschen verstören könnten (FSK 18), bekommen Kinder und Jugendliche ja auch nicht so ohne Weiteres. Und ich schätze mal, dass das auch die allermeisten so ganz richtig finden.

Nun sind soziale Medien zwar nicht per se schädlich für junge Menschen (so wie die gerade genannten Beispiele), aber eben in zunehmendem Maße, weil sie auch dazu missbraucht werden, manipulative Falschinformationen zu verbreiten oder sich auf Kosten anderer hervorzuheben (Mobbing). Und was noch hinzukommt: In sozialen Medien werden Kinder und Jugendliche auch immer wieder mit Werbung dichtgeballert, und das kann selbst bei spezifischen Angeboten für Kids auch mal nicht eben altersgemäße Reklame sein, wie mir immer mal wieder Eltern berichteten.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sieht diesbezüglich dringenden Handlungsbedarf (s. hier). Er führt als schädliche Auswirkungen noch an, dass in sozialen Medien oft unrealistische Schönheitsideale verbreitet werden, die vor allem bei Mädchen zu Essstörungen und Depressionen führen können, und dass TikTok und Co. auch häufig Suchtverhalten auslösen. Das dürften auch nicht wenige Erwachsene gut kennen: „Ach, nur noch das eine Video … und dann noch dieses hier …“ – und schon sind wieder ein paar Stunden vergangen, die man auf einer Social-Media-Plattform verdaddelt hat.

Alles nachvollziehbare Gründe, warum soziale Medien nicht gut für Kinder und Jugendliche sein können und daher erst ab einem bestimmten Alter (14, 16 oder 18) für diese verfügbar sein sollten.

Allerdings gibt es da dann auch ein paar Aber, die mir einfallen …

Zum einen: Sachen, die verboten sind, erfahren meistens einen Attraktivitätssteigerung. Kennen viele: Mit 18 war es auf einmal gar nicht mehr so spaßig und spannend wie in den Jahren zuvor, zu Silvester rumzuböllern. Wenn soziale Medien nun für junge Menschen verboten werden, dann könnte ich mir vorstellen, dass viele von denen noch mal extra heiß darauf werden. Zumal das ja auch etwas ist, was nicht unmittelbare gesundheitliche Negativfolgen mit sich bringt (so wie Rauchen oder Trinken), sondern von vielen Kids schon ausgiebig genutzt und für gut befunden wurde.

Erschwerend kommt hinzu, dass so eine Social-Media-Nutzung ja auch nicht unbedingt sofort erkennbar ist. Was jemand gerade macht, der in der Öffentlichkeit an seinem Handy rumdaddelt, erschließt sich der Umgebung ja nicht unbedingt. Und wenn das Ganze dann zu Hause stattfindet über die Accounts der Eltern, ist es ohnehin schwer nachprüfbar.

Klar, das gilt für alle Sachen, die verboten sind und die in den eigenen vier Wänden geschehen. Ob Kinder beispielsweise bei sich zu Hause rauchen, Schnaps trinken oder Pornos gucken, ist erst mal für Außenstehende schwer festzustellen. Und selbst bei sehr groben Straftaten wie sexueller Misshandlung oder Gewalt gegen Kinder ist es oft nicht ganz leicht, das auch nachzuweisen, wenn es eben nicht in der Öffentlichkeit stattfindet. Trotzdem sind diese Sachen verboten, und das ist, wie schon gesagt, ja auch gut so.

Der Unterschied zu Social Media, wie oben schon angedeutet: Rauchen, Alkohol und Gewalt sind immer schädlich für Minderjährige, Social Media kann schädlich sein.

Soziale Medien können aber auch durchaus positive Effekte haben. Zum Beispiel, indem man Kontakt zu weiter entfernt wohnenden Familienangehörigen halten kann. Oder zu Schulfreunden, beispielsweise nach einem Umzug in eine andere Stadt. Gerade Kinder und Jugendliche sind ja nicht einfach so mobil und können mal eben eine längere Strecke zurücklegen auf eigene Faust, um jemanden zu besuchen.

Und dann gibt es ja auch eine ganze Menge sinnvolle Infos, die man dort erhalten kann. Man muss eben nur wissen, wo. Und man muss auch wissen, was man tunlichst meiden sollte, nämlich die ganze Werbung, die einem in den sozialen Medien ständig um die Ohren gehauen wird. Stichwort Medienkompetenz – und daran hapert es leider nach wie vor mächtig, denn viele Jugendliche sind beispielsweise nicht in der Lage, journalistische und werbliche Inhalte unterscheiden zu können (s. hier). Und da das auch schon länger bekannt ist, stellt sich doch die Frage, warum da bisher nicht mal konsequent gegengesteuert wurde. Zum Beispiel durch die verstärkte Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen, gern auch als eigenes Fach.

Zudem muss man ja auch feststellen, dass nicht alle jungen Menschen Social Media missbräuchlich nutzen, sich dort manipulieren lassen oder mobben bzw. gemobbt werden. Es gibt eben auch diejenigen, die ganz manierlich mit diesen Medien umgehen. Und da wage ich jetzt mal eine Prognose: Gerade diejenigen wären es dann wohl auch, die sich an ein Social-Media-Verbot hielten. Diejenigen, denen schädlicher Medienkonsum schon von klein auf vermittelt wurde, dürften dann eher mal von den Eltern über deren Accounts in die soziale Medienwelt gelassen werden – wenn die Kids dann wenigstens schön ruhig dabei sind. Solange das zu Hause passiert, ist das dann ja, wie gesagt, auch nur schwer kontrollierbar.

Und spätestens, wenn die eigenen Kinder dann von ihren Klassenkameraden oder anderen Gleichaltrigen ausgeschlossen werden, weil sie tatsächlich zu denen gehören, die keine sozialen Medien nutzen, werden viele Eltern ins Überlegen kommen, ob man nicht vielleicht doch mal gelegentlich eine Ausnahme machen sollte …

Wäre es daher nicht viel sinnvoller, wenn soziale Medien so genutzt werden, dass sie keinen Schaden anrichten?

Klar, das wäre nicht ganz einfach, denn das Geschäftsmodell der Social-Media-Betreiber ist ja nun mal nicht eben auf Menschenfreundlichkeit und die Vermittlung sozialer Kompetenzen ausgelegt, sondern auf knallharten Profit. Und der kennt eben keine Ethik und Moral. Insofern könnte es doch sinnvoll sein, zum einen eine deutliche Reglementierung dieser sozialen Medien per Gesetz einzuführen und in einem zweiten Schritt am besten soziale Medien anzubieten, die in öffentlicher Hand sind – mit reellen Möglichkeiten, Beschwerden gegen Fehlinformationen, Drohungen, Mobbing usw. einzulegen, die dann auch entsprechend sanktioniert werden.

Auch könnten sich die Anbieter von Inhalten verpflichten, ihre Kommentarspalten manierlich zu moderieren und Hetze, stumpfes Gepöbel oder ähnliche Unappetitlichkeiten dort konsequent zu entfernen (s. dazu hier). Wenn die das nicht freiwillig machen, weil sie geil auf die Klicks sind, dann müsste eben mit entsprechenden Sanktionen nachgeholfen werden. Aber vielleicht reicht es ja auch schon aus, hier mal eindringlich und prominent an die Verantwortlichkeit der Medienschaffenden zu appellieren.

Es gibt übrigens schon etwas, dass deutlich besser zu sein scheint als die bisherigen Social-Media-Angebote: Fediverse. Digitalcourage stellt diese Alternative zu Facebook, TikTok und X in einer Anleitung vor (hier gibt es auch ein Erklärvideo dazu). Ich hab mich damit noch nicht so wirklich auseinandergesetzt, weil ich die Zeit dafür bisher nicht gefunden habe, aber das scheint mir durchaus eine interessante Angelegenheit zu sein. Wäre es nicht vielleicht sinnvoller, Kinder und Jugendliche damit vertraut zu machen, anstatt ihnen soziale Medien komplett zu verbieten?

Denn man muss sich ja vor allem auch vor Augen halten, dass die Datensammler von Facebook und Co. so ein Verbot sicher gar nicht so übel fänden, wie es zunächst erscheinen mag. Schließlich müsste sich jeder Nutzer identifizieren mit einem Ausweis oder einem anderen offiziellen Nachweis seiner Volljährigkeit (oder eben dass er über 14 oder 16 ist – je nachdem, wo da die Grenze gesetzt wird). Das sind dann wieder mal wunderbar viele Daten, die man von den Menschen bekommt. Und die man dann vielleicht auch gern an das Trump-Regime weitergibt – oder in Deutschland an eine mögliche künftige AfD-Regierung. Nicht gerade rosige Aussichten, wie ich finde.

Insofern würde ich ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche allerhöchstens als eine Art Übergangslösung sehen, um aktuellen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken – wobei man die geschilderten negativen Auswirkungen dieses Verbots auch berücksichtigen und dann sehr sorgfältig abwägen sollte. Grundsätzlich würde ich aber eine tragfähige Lösung, die soziale Medien, die ihren Namen auch verdienen, in den Mittelpunkt rückt und diese entsprechend gestaltet, bevorzugen. Technik ist schließlich per se meistens nicht gut oder schlecht, sondern nur das, was man daraus macht. Und das wäre doch mal eine sinnvolle politische Aufgabe, hier eine gute Nutzung von Social Media inklusive eines wirksamen User-Schutzes zu gewährleisten. Klar, das ist etwas anspruchsvoller als ein simples Verbot, sodass sich natürlich die Frage stellt, ob das administrative Personal derzeit dazu überhaupt in der Lage und/oder willens wäre.

Aber so was können wir ja letztlich alle mit dem Wahlzettel mitentscheiden …

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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