Ach, was für ein Spaß, so ein Krieg!

Wer nun bei der Überschrift denkt: „Tickt der noch ganz richtig?“, der liegt schon mal gar nicht so falsch. Allerdings spiegelt diese kranke Aussage auch nicht meine eigene Sichtweise wider, sondern die von Hannes Stein, einem Springer-Schreiberling, der für die Jüdische Allgemeine einen Kommentar verzapft hat, in dem er genau das geschrieben hat.

Ich zitiere mal den ersten Absatz nach dem Anreißer:

Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht. Wer freut sich nicht, dass die Verbrecherriege, die den Iran unterjocht hat, zur Dschehenna gefahren ist? Wer freut sich nicht, dass das Folterzentrum in Teheran, in dem Revolutionsgarden Frauen erniedrigt und gequält haben, ein Trümmerhaufen ist? Wessen Herz hüpft nicht mit angesichts der Bilder von tanzenden iranischen Jugendlichen, während im Hintergrund amerikanische und israelische Bomben wie Himmelsgeschenke auf die Erde fallen? Diese jungen Iranerinnen und Iraner haben alles Glück dieser Erde und die Freiheit verdient. Und die Israelis haben verdient, endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben, die heute, morgen oder in zehn Jahren Tel Aviv in einen radioaktiven Krater verwandeln könnte.

Ich musste das auch echt zwei Mal lesen, bevor ich es geglaubt habe. Da wird unter dem Deckmäntelchen der Freude mit den geknechteten Iranern mal eben bejubelt, dass Krieg so richtig Spaß macht, wenn er (auch) die Richtigen trifft. Und dass Bomben „Himmelsgeschenke“ seien. Ob das die Kinder von der Schule in der iranischen Stadt Minab und ihre Eltern auch so sehen, die von solchen „Geschenken“ ins Jenseits gebombt wurden (s. hier)?

Danach folgt dann nur das übliche Bibi-Troll-Gesülze von Hannes Stein, also dass die israelische Siedlungspolitik ganz toll sei, dass vor allem Linke Juden hassen würden und natürlich auch noch die unvermeidliche Gleichsetzung von Israel und den Juden allgemein, damit man Kritik an israelischer Politik gleich immer schön als Antisemitismus brandmarken kann. Also im Grunde wenig Erwähnenswertes – bis auf die fast schon ulkige Feststellung, dass der Krieg gegen den Iran in den USA recht unpopulär sei, weil man dort immer wieder hört, dass dieser Krieg vor allem im israelischen Interesse geführt würde.

Na, sapperlot! Wenn es doch immer wieder heißt, dass die iranischen Atomwaffen ja vor allem eine Bedrohung Israels wären und Hannes Stein ja auch selbst in oben zitiertem Absatz darauf hinweist, wie kommen die Kommentatoren dann wohl auf so eine Aussage? Immer wieder amüsant, wie sich solche rechten Dampfplauderer selbst widersprechen und das offensichtlich noch nicht mal merken …

Weniger amüsant ist hingegen das, was ich eingangs zitierte, denn es zeigt, welche Verrohung mittlerweile anscheinend weitgehend akzeptabel ist, sodass sie in einem Medium wie der Jüdischen Allgemeinen veröffentlicht wird. Wie ethisch verwahrlost muss man bitte sein, um eine völkerrechtswidrigen Angriffskrieg derart aus einer amüsierten Zuschauerperspektive zu bejubeln?

Klar, das Mullah-Regime im Iran ist auch mir extrem unsympathisch, und ich wäre auch froh, wenn die abdanken würden. Ob das allerdings auf diese Weise mit einem solchen Krieg zu bewerkstelligen ist, wage ich zu bezweifeln (und auch Hannes Stein hegt ja leise Zweifel daran in seinem Kommentar), wie ich vorletzte Woche schon mal in einem Artikel dargelegt habe. Darin bin ich ja auch darauf eingegangen, dass das Atomprogramm des Iran aller Wahrscheinlichkeit nach noch lange nicht so weit wäre, überhaupt eine atomare Bewaffnung zu ermöglichen, zumal ja auch die diesbezüglichen Verhandlungen laut des Vermittlers aus dem Oman kürzlich erhebliche Fortschritte gemacht hätten. Solche Feinheiten interessieren jemanden wie Hannes Stein natürlich nicht, wenn es darum geht, diesen Krieg irgendwie zu rechtfertigen – oder besser: sich eine Legitimation schönzureden.

Der Gipfel des Zynismus ist dann allerdings noch, dass Stein vorgibt, irgendwas für die „jungen Iranerinnen und Iraner“ übrig zu haben. Was ist denn das für eine kranke Logik? „Wir wollen nicht, dass euer Regime euch umbringt, darum bringen wir euch nun lieber selbst um.“ Es ist doch klar, dass bei solchen Angriffen vor allem Zivilisten getroffen werden – teils direkt, teils aufgrund der Zerstörung von lebenswichtiger Infrastruktur.

Wenn wir also schon wieder so weit sind, dass ohne Sinn und Verstand kriegerischer Mord abgefeiert und sogar als „Spaß“ dargestellt wird, dann ist unsere Zivilisation wohl wirklich auf einem rapide absteigenden Ast. Und solche Typen wie Hannes Stein tragen massiv dazu bei. Denn das ermöglicht allen kommenden Despoten, Krieg nicht nur als notwendiges Übel, sondern als gerechte und gute Sache sowie sogar noch als etwas Erstrebenswertes und eigentlich ganz Amüsantes zu verkaufen.

Die Jüdische Allgemeine ist nach diesem gruseligen Pamphlet für mich zumindest als seriöse Quelle gestorben und offenbart, dass sich die Pro-Netanjahu-Stimmen mittlerweile sehr offen faschistischer und zutiefst menschenverachtender Rhetorik bedienen.

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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