Lebenskonzepte: der Konflikt der Erfahrungen

„Das Verständnis und die Akzeptanz füreinander sind in fast allen Gesellschaften meistens auf das beschränkt, was wir kennen.“ So fing schon mein letzter Beitrag an, und hier möchte ich noch einmal ansetzen, jedoch mit einem anderen Fokus. Ein gängiger Spruch ist, dass jemand so oder so „tickt“. Das ist naürlich erst einmal sehr generalisierend, denn es vermittelt den Eindruck, dass man eine Person in eine bestimmte Schublade/Kategorie einsortiert (und fertig?). Das trifft auf einzelne Eigenschaften sicher auch oft zu, wobei man selbst sich nicht gern in einer solchen Schublade sieht und aus meiner Sicht die meisten Personen und Dinge nicht schwarz oder weiß sind, sondern sich eher in dem Grau dazwischen aufhalten. So wie ich die Dinge gruppieren oder einsortiere, sagt erst einmal etwas über mich aus, denn ich kann Dinge nur in die Schubladen sortieren, die ich selbst (aufgrund meiner Erfahrungen) angelegt habe. Und hier kommt der Punkt: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Was ich damit meine, klingt vielleicht erst einmal trivial. Aber in welchem Maße das unsere eigene Weltsicht und Meinung über andere bestimmt, ist vielleicht tieferliegend, als man selbst für sich annehmen mag oder möchte. Die Evolution ist ein selbstorganisierender Prozess, bei dem die „natürliche Selektion“ durch Fortpflanzung und Mutation bestimmte Merkmale hervorbringt oder auf den Scheiterhaufen der Geschichte verbannt. Ein Konzept, das nicht seine Funktion erfüllt, wird wahrscheinlich nicht oder nur in geringem Umfang an die nächste Generation weitergereicht. Und das trifft natürlich auch auf das Gehirn zu! Wir können also derzeit (!) davon ausgehen, dass ein perfektes Erinnerungsvermögen und eine objektive Weltsicht evolutionär keinen ausgeprägten Vorteil darstellen. Die meisten Eigenschaften unseres Gehirns laufen bei allen Säugetieren scheinbar sehr ähnlich ab, und eine Entwicklung zu einem detaillierteren Speichern von Daten oder einer objektiveren Einordnung der Erfahrungen ist über die Jahrhunderte nicht wirklich feststellbar (der IQ verändert sich minimal, aber gerade dieser Wert hängt maßgeblich von unserer Definition ab und hält aus meiner Sicht keiner wirklich „objektiven“ Prüfung stand).

Wo liegt also der Konflikt in der Erfahrung, wie ich es im Titel angedeutet habe? Das Gehirn speichert erstaunlich wenig Informationen päzise ab und passt diese bei jedem Abruf einer Erinnerung unseren neuen Erfahrungen und Ansichten an. Und da kommt nun eine der maßgeblichsten Eigenschaften zum Tragen: Es versucht, uns ein möglichst in sich stimmiges Weltbild zu präsentieren (siehe „Kohärenz“). Wenn wir also jemanden in der Schublade „unfähige Person“ ablegen, dann wird jede Folgeerfahrung versuchen, dieses Bild aufrechtzuerhalten, um nicht in Konflikt mit dem bereits Erlebten zu geraten. Theoretisch ist es auch möglich, dass die Schublade gewechselt wird, wenn wir eine andere Erfahrung machen (die Person ist gar nicht immer unfähig!), aber generell kostet es uns weniger Energie, jede weitere Erfahrung wieder unserem Weltbild anzupassen. So festigen sich auch radikale Sichtweisen, und es wird klarer, warum wir nicht einfach unsere Sicht auf Dinge ändern können. Und das gilt natürlich für alle Menschen mit Gehirn (und wahrscheinlich auch bei den Personen, denen wir kein Gehirn attestieren würden). Daher auch hier der Aufruf: Wir sollten mehr Verständnis für und Geduld mit Personen haben, die eine für uns nicht nachvollziehbare Sicht auf die Dinge haben. Erinerungen ändern sich, und was auch immer Du für ein Bild von Dir hast, wie Du in der Vergangenheit warst und was Du damals gedacht hast, wahrscheinlich ist auch das Bild verzerrt und an Deine heute Sichtweise angepasst, um Dir ein stimmiges Weltbild zu suggerieren.

Und tatsächlich leiden Personen, die sich alle Details der Vergangenheit wieder ins Gedächtnis rufen können, häufig unter Depressionen. Zumndest legen das Studien nahe, da solche Personen für die Wissenschaft natürlich von großem Interesse sind. Funfact: Personen, die sich parktisch an jedes Detail der Vergangenheit erinnern (z. B. was sie am 17. 1. 2025 im Biosupermarkt eingekauft und bezahlt haben), verbrauchen nicht mehr Energie für diese Gedächtnisleistungen, aber es kostet eben viel Zeit, wenn man sich alle Details wieder zeitlich in Erinnerung ruft.

Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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