Diffuses Bashing

Wie Framing funktioniert, konnte man neulich anhand eines Artikels im Tagesspiegel anschaulich sehen. Dass dabei mal wieder Bürgergeldempfänger diffamiert wurden, passt da schon recht gut ins Bild, denn deren Leistungen sollen ja zurzeit gekürzt werden vonseiten der Bundesregierung, und da macht es sich gut, wenn das Bild vom „arbeitsscheuen Sozialschmarotzer“ in der Öffentlichkeit ein bisschen verfestigt werden kann.

Zum Hintergrund des Artikels: Im ZDF wurde offensichtlich mal wieder ein bisschen das Teile-und-herrsche-Prinzip praktiziert, indem dort eine Doku mit dem Titel „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung“ gezeigt wurde. Ich hab diese Sendung nicht gesehen, aber der Titel ist da ja schon ziemlich eindeutig, finde ich – sonst hätte man ja zumindest ein Fragezeichen nach „Leistung“ gesetzt. „System Erben: Leben ohne Leistung“ oder „System Rendite: Leben ohne Leistung“ wird man m. E. zumindest eher nicht als Reportage präsentiert bekommen.

Und wenig überraschend wurde dann in der Sendung auch ein Mitarbeiter des Jobcenters Bremen interviewt, der die These aufstellte, dass 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldempfänger in ihren Anträgen unwahre Angaben machen würden.

Nun könnte kritischer Journalismus sich mit so einer Sendung und den darin getätigten Aussagen auseinandersetzen, deren Wahrheitsgehalt überprüfen, die Intention dahinter verfolgen usw. Aber was macht der Tagesspiegel? Man bezeichnet das Interview als „kritisch“ und nimmt als Aufmacher, dass der Jobcenter-Mitarbeiter danach fristlos gekündigt wurde.

Mal davon abgesehen, dass es die wenigsten Arbeitgeber gern sehen dürften, wenn einer ihrer Mitarbeiter ohne vorherige Rücksprache in einem Fernsehinterview die Vermutung raushauen würde, dass es dort in großem Stil nicht mit rechten Dingen zuginge und man zudem nicht seiner eigentlichen Aufgaben nachkäme, sondern vor allem „Geldausgeben“ im Fokus des Handels stünde, so wird ja durch die Gestaltung des Artikels gleich schon mal Partei ergriffen für den Gekündigten. Zwar wird dann auch noch erwähnt, dass das Jobcenter die Kündigung damit begründet, dass das Vertrauensverhältnis zu dem Mitarbeiter zerstört wäre, weil er eben Vorwürfe äußerte, dass man nicht verantwortungsvoll mit öffentlichen Geldern umgehen und Betrug nicht nachgehen würde, aber der letzte Absatz gehört dann wieder dem gefeuerten Mitarbeiter.

Das ist übrigens eine gängige journalistische Praxis: Wenn man zwei entgegenstehende Positionen darstellt, eine der beiden Ansichten hingegen in einem positiveren Licht erscheinen lassen möchte, dann gestaltet man den Artikel entsprechend. Die Überschrift betont schon mal die Position, die dem Leser nahegelegt werden soll, der Anfang des Artikels stellt auch ebenjene Position ausführlich dar. Dann folgt irgendwann mitten im Artikel (und bis dahin lesen schon mal viele Leute gar nicht mehr) ein Statement der anderen Seite, nur damit sich am Ende noch mal mit dem befasst wird, was schon eingangs geschildert wurde. So entsteht eine Klammer, die selbst bei den Lesern, die den Artikel komplett durchlesen, oft eine gewünschte Parteilichkeit erzeugt. Achtet mal drauf, das wird gar nicht selten so gemacht.

So kann man die eigene Intention, wenn nicht sogar Agitation, gut verbergen hinter Aussagen von anderen, die man ja „nur“ wiedergibt. Das wirkt nicht auf den ersten Blick manipulativ, kann es aber eben, wie gerade geschildert, durchaus sein.

Auf diese Weise wird nun durch so einen Artikel (und natürlich auch durch die ZDF-Sendung zuvor, dort nur weniger subtil) Sozialdarwinismus gefördert und die Spaltung der Gesellschaft weiter vorangetrieben. Ganz im Sinne von rechten CDU/CSU-Politikern wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) oder auch Bürgergeldempfänger-Bashern wie Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). Und letztlich ist der lachende Dritte in solchen Fällen immer die AfD, die sich aus Unzufriedenheit, Angst und Wut speist, ohne Lösungen anbieten zu können – oder auch nur zu müssen, weil ihre Wähler sowieso nur an ihrem eigenen Frust interessiert sind und es ihnen schon ausreicht, dafür Sündenböcke vorgesetzt zu bekommen.

Ach ja, und die immer wieder beklagte Verrohung unserer Gesellschaft wird auf diese Weise natürlich auch befördert. Bashing von Armen aufgrund von undifferenzierten (und oft auch unwahren) Beschuldigungen sorgt nämlich dafür, dass dort, wo eigentlich Mitgefühl sein sollte, zunehmend Verachtung anzutreffen ist.

Wer diese derzeitigen Entwicklungen also bedenklich findet, sollte nicht bei den Lügen, Hetzereien und Pöbeleien der AfDler stehen bleiben, sondern auch berücksichtigen, wie so ein Journalismus, wie er hier vom Tagesspiegel (und auch mal wieder vom ZDF) präsentiert wird, dazu beiträgt.

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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