Nuhr und die Femizide

Über Dieter Nuhr habe ich mich ja schon vor vielen Jahren mal in einem Artikel ausgelassen, und seitdem ist das mit dem auch echt nicht besser geworden. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man sich den Rechtsrutsch in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren anschaut. Nun hat Nuhr aber kürzlich einen Kalauer gerissen, der ihm reichlich Kritik eingebracht hat.

In seiner Show „Nuhr XXL“ in der ARD, die damit mal wieder als öffentlich-rechtlicher Sender dazu beiträgt, ewiggestrige, rassistische und frauenfeindliche Narrative unters Volk zu bringen, machte er sich über Femizide lustig:

Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr, und bitte, natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null. Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.

Reichlich geschmacklos, selbst für den Volkskasper aller BILD-Leser, AfD-Jünger und alten weißen Männer, oder?

Insofern finde ich die Reaktionen darauf, die Nuhr eine üble Täter-Opfer-Umkehr vorwerfen, auch sehr nachvollziehbar. Denn nichts anderes macht er hier, indem er behauptet, Frauen müssten die Männer, mit denen sie Sex haben, eben einfach nur besser kennenlernen, dann würde sich das mit den Femiziden quasi schon von allein erledigen. Dass viele Femizide von langjährigen Partnern verübt werden und nicht nur nach One-Night-Stands – geschenkt! Die Realität ficht einen Dieter Nuhr doch nicht an, wenn er meint, ein paar billige Lacher aus seiner Bubble einstreichen zu können.

Was vor allem dabei auch einfach „weggelacht“ wird: Femizide zwar sind die äußerste Form der Gewalt gegen Frauen, aber nicht die einzige. Viel zu viele Frauen werden von ihren Männern verprügelt, vergewaltigt, unterdrückt, kleingehalten oder psychisch fertiggemacht. Wenn man das berücksichtigt, dann löst sich Nuhrs vermeintlich ironische Kritik an der Benennung von struktureller Gewalt von Männern gegenüber Frauen komplett in Luft auf, denn dann reden wir nicht mehr von 300 bis 350 Fällen im Jahr, sondern laut der Website UN Woman Deutschland von erheblich mehr:

  • 132 Frauen wurden im Jahr 2024 durch ihren (Ex-)Partner getötet (2023: 155 Frauen). 308 Frauen wurden Opfer von (versuchtem) Mord oder Totschlag.

  • Weniger als alle 4 Minuten erlebte eine Frau Partnerschaftsgewalt: 2024 erlitten 135.713 Frauen Gewalt durch ihren Partner – ein Anstieg um 2,1 % im Vergleich zu 2023.

  • Unter den Tatverdächtigen sind Männer deutlich überrepräsentiert (77,7 %).

  • 4.634 Frauen erlebten sexualisierte Gewalt durch ihren (Ex-)Partner.

  • 12.912 Frauen wurden von ihrem (Ex-)Partner schwer oder gefährlich körperlich verletzt.

  • 38.496 Frauen zeigten ihren (Ex-)Partner wegen Bedrohungen, Stalking oder Nötigung an.

  • Jede zweite Frau in Deutschland hat schon psychische Gewalt und jede fünfte Frau bereits körperliche Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft erlebt.

Dabei muss man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch mal um einiges höher ist, denn aus Scham oder Angst werden viele Gewalttaten gegen Frauen, die von deren Partnern verübt werden, nicht gemeldet.

Aber so funktioniert die Welt von rechten Agitatoren eben: Nimm dir eine Zahl, die dir gerade in den Kram passt, blende alles andere aus und stell dann eine steile These auf, die dein Publikum hören möchte und mit Applaus quittiert.

Gut, von Nuhr ist man eben schon länger nur noch abgrundtief schlechte Possen gewohnt, deren Trittrichtung stets nach unten gerichtet ist: mal sind es Ausländer, mal Muslime, mal arme Menschen, mal Klimaaktivisten und nun eben Frauen.

Bezeichnend sind nun aber die Reaktionen auf die Kritik an Nuhrs miesem Scherzchen. Einen Kommentar von Beate Hausbichler im Standard, die deutliche Worte für die nuhrsche frauenfeindliche Geschmacklosigkeit fand, wollte Nuhr nicht mehr veröffentlicht wissen und verlangte dessen Löschung (s. hier). Und da wird es dann jetzt grotesk, denn schließlich wird Nuhr ja sonst nicht müde, auf eine angebliche „Cancel Culture“ hinzuweisen, die dazu führt, dass man ja nichts mehr sagen dürfe und keine Meinungsfreiheit mehr bestünde – gern vorgetragen vor einem Millionenpublikum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, was die Absurdität dieser Aussagen noch mal unterstreicht. Und genau dieser vermeintliche Bewahrer der freien Rede will dann einen Text löschen lassen, der ihn selbst kritisiert. Au weia, das nenne ich kognitive Dissonanz par excellence.

Doch nicht nur von seinem rechtslastigen Publikum bekommt Nuhr Fürsprache, sondern auch von der RBB-Intendantin Ulrike Demmer. Die meinte angesichts von 325 Beschwerden über besagte Nuhr-Sendung nur, dass das eben Satire sei, und die dürfe schon mal Sachen überspitzt darstellen. Das müsse man eben aushalten (s. hier).

Nun stellt sich mir die Frage, ob Nuhr tatsächlich Satire fabriziert (oder gar Kabarett, wie er seinen Mumpitz ja selbst vollmundig bezeichnet). Wenn ich nämlich mal bei Wikipedia schaue, was dort unter dem Begriff „Satire“ zu finden ist, dann steht da ziemlich am Anfang folgender Satz:

Üblicherweise ist Satire eine Kritik von unten (Bürgerempfinden) gegen oben (Repräsentanz der Macht), vorzugsweise in den Feldern Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur.

Mit „von unten gegen oben“ ist ja schon mal so gar nichts bei Nuhr, der stets nur verbal auf Menschen eindrischt, die keine große Lobby haben. Wie auch an seinem Ekelscherz mit den Femiziden zu sehen ist. Die Frauen, die Gewalt von ihren Männern erfahren, sind hier wohl eindeutig in der schwächeren Position, und die bekommen dann von Nuhr noch mal schön einen mit.

Also nix mit Satire – und mit Kabarett schon mal erst recht nicht, dass da ja noch mal eindeutiger in Richtung Herrschaftskritik angelegt ist. Insofern ist die Verteidigung von Ulrike Demmer schon mal reichlich schwachbrüstig, weil sie sich nur auf den Allgemeinplatz „Satire darf alles“ kapriziert, ohne überhaupt mal den Begriff „Satire“ mit Inhalt zu füllen. Na ja, irgendwie kein Wunder, dass so eine Intendanz dann so einen Schrott wie Nuhrs Hetzparade im Öffentlich-Rechtlichen zu verantworten hat.

Am lächerlichsten wird es dann allerdings, wenn man Nuhrs eigene Aussage dazu liest (s. hier)

Vorwürfe, er habe sich in einer Sendung über Frauenmorde lustig gemacht, wies Nuhr später zurück. »Kein Witz über Femizide, nirgends. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich nicht tun«, schrieb er in einem Facebook-Beitrag. »Der Vorwurf ist lächerlich. Interneterregung wird zur Volksmeinung umgedeutet. So ist es üblich in diesen Tagen.«

Mehr Realitätsverweigerung geht dann ja nun echt nicht mehr, aber auch das passt eben zu einer Type wie Nuhr, der einfach das macht, was man in rechten Kreisen immer tut, wenn man mit unangenehmen Dingen konfrontiert wird: einfach abstreiten. Kennt man von der AfD ja auch zur Genüge, und egal, wie lächerlich das auch sein mag, der verblödete Anhang der Blaubraunen schluckt das ja auch immer wieder. Und Nuhr geht wohl davon aus, dass seine Fans ebensolche Simpel sind. Womit er dann ausnahmsweise sogar mal recht haben könnte …

Aber damit noch nicht genug: Wenn sich jemand wie Nuhr, der seine Scherze allzu oft aus BILD-Schlagzeilen und künstlich erzeugter Erregung über Gendern, queere Menschen und andere Themen, die vor allem von Rechten problematisiert werden, generiert, dann über „Interneterregung“ echauffiert, wird es extrem peinlich. Und dann auch noch die „Volksmeinung“! Gerade Leute wie Nuhr (oder auch seine Brüder im Geiste, zum Beispiel Jan Fleischhauer, Ulf Poschardt, Julian Reichelt, Vince Ebert usw.) haben es sich ja zum Geschäftsmodell gemacht, solche künstlich aufgebauschte Erregung weiter zu triggern und sich dann selbst als „die Normalen“ darzustellen, quasi die Stimme der Mehrheit. Was ziemlich das Gleiche wie eine Volksmeinung ist, finde ich.

Ist Dieter Nuhr eventuell schon reichlich tüdelig mit seinen 65 Jahren? Oder lügt er sich die Welt einfach so hemmungslos zurecht, weil er weiß, dass seine Fans ihm das eh nicht krumm nehmen? Oder ist das so was wie ein Kinderlügen, also „Ich war das nicht!“ zu rufen, selbst wenn man gerade noch den Löffel mit Nutella im Mund hat? Wie auch immer, Nuhr hat mal wieder gezeigt, dass jemand wie er keine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben sollte, denn in seiner Person vereint sich so ziemlich alles, was heute im öffentlichen Diskurs so dermaßen verkehrt läuft.

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar