Nu(h)r ein Brandstifter …

Vor gut einer Woche schwappte eine Empörung durch Deutschland, weil der Muslim Erhat Toka Anzeige gegen Dieter Nuhr erstattet hat und diesen einen „Hassprediger“ nannte (s. exemplarisch den Artikel auf Meedia dazu). Sowohl in sozialen Medien als auch auf allen anderen medialen Kanälen sprangen sofort Etliche Dieter Nuhr bei, so zum Beispiel hier im Stern. Doch ist es tatsächlich so, dass Nuhr ja nur ein paar Witze über den Islam gemacht und Toka somit überreagiert hat? O. k., die Formulierung „Hassprediger“ finde ich nun auch nicht so gelungen, ich würde Nuhr eher als Brandstifter bezeichnen – und die Folgen seiner unsäglichen Zündelei konnten wir gerade am letzten Wochenende nur zu deutlich beobachten.

Hier auf unterströmt habe ich mich ja auch schon mal Dieter Nuhr im Artikel Lanz und Wagenknecht am Rande erwähnt, und schon damals habe ich auf den Artikel Der Einflüsterer auf Der Freitag hingewiesen, aus dem ich eine kleine Passage zitieren möchte:

Dieter Nuhr ist gewissermaßen der Mario Barth für Besserverdienende. Politische Schärfe und Aufklärung im Kant’schen Sinne waren nie sein Ding; eher so etwas wie „gehobener Stammtisch“ – eine Mischung aus „fast Euch mal an die eigene Nase, bevor Ihr mit dem System unzufrieden seid“ und „so schlimm ist es doch gar nicht“. Vornehmlich trägt er all dies in zurückhaltend-säuselndem Ton und mit der Attitüde eines Westentaschenmephisto vor. Richtig politisch wird es nur, wenn es gegen „Linke“ oder „Ökos“ geht. Oder gegen den Islam. (Sein derzeit bevorzugtes Hassobjekt scheinen Vegetarier zu sein, wie der bekennende Fleisch-Esser nicht müde wird zu betonen.) Um in conclusio mit flüsterigem Charme an etwas zu appellieren, was der latente ‚Mittelschichts-Nazi‘ für gesunden Menschenverstand hält. Das scheint durchaus anzukommen. Aber ist es auch Kabarett?

Die letzte Frage möchte ich mit einem deutlichen Nein beantworte. Kabarett und Satire sollten meiner Auffassung nach eine humorvoll verpackte Kritik an den herrschenden Verhältnissen und den Eliten sein – und nicht noch auf diejenigen einprügeln, die sowieso schon wenig zu lachen haben und in der gesellschaftlichen Hierarchie weit unten stehen. Doch genau dies sind eben die bevorzugten Spottobjekte Dieter Nuhrs, womit er sich m. E. schon mal von richtigen Kabarettisten (Volker Pispers, Georg Schramm, dass Team von Die Anstalt, Erwin Pelzig usw.) deutlich unterscheidet. Mit seinen Scherzen bestätigt und befördert Nuhr Ressentiments, und das eben auch über den Stammtisch hinaus, da er ja vielfach fälschlicherweise das Etikett Satire oder sogar Kabarett angeheftet bekommt (so wie eben auch in dem oben im einleitenden Absatz verlinkten Stern-Kommentar). Das gefällt natürlich dem rechten Rand, was man beispielsweise an einem Kommentar von Islamhasser Henryk M. Broder auf welt.de zu der Causa Nuhr sieht (zur Ausrichtung von welt.de gibt es einen guten Artikel der Satireseite Der Postillon, in dem viel Wahrheit steckt), aber auch daran, wie Nuhr immer wieder positiv auf der rechtsextremen Seite Politically Incorrect (einfach mal den Wikipedia-Artikel dazu durchlesen) abgefeiert wird (hier zu sehen bei den Suchergebnissen auf der Seite). Und damit steht Nuhr in einer Reihe mit Gestalten wie Sarrazin und Pirincci, die auf ihre jeweils eigene Art Hass und Angst, vor allem gegen Fremde und Linke, unters Volk streuen.

Nur ein paar Tage später, nämlich am vergangenen Sonntag, dem 26. 10., fanden sich dann in Köln eine Menge Leute zusammen, die bestimmt allesamt auch herzhaft über Nuhr Späße lachen können: Unter dem Namen HoGeSa (Hooligans gegen Salafisten) marschierten über 4000 Rechtsradikale marodierend durch Köln (zwei kritische Artikel zu der Veranstaltung finden sich bei der Taz und Publikative.org). Natürlich waren die dort nicht unterwegs, weil Dieter Nuhr seine drittklassigen Späße macht, dafür waren das schon andere Kaliber, die sich dort zusammengefunden hatten, um ihren Fremdenhass und ihre Nazi-Ideologie auszuleben. Aber Typen wie Nuhr bereiten eben den Boden dafür, dass diese Gewaltorgie durchaus nicht wenig Zustimmung aus dem sogenannten (oder sich zumindest selbst so bezeichnenden) bürgerlichen Lager erfuhr. So war Tatjana Festerling von der AfD in Hamburg voll des Lobes für den Hooligan-Aufmarsch und bekam für ihre diesbezüglichen Äußerungen auf Facebook mehr als 20.000 Likes – das ist wahrlich nicht mehr die Dimension einer kleinen Randgruppe, sondern eben das Resultat davon, dass viele Deutsche mittlerweile – auch dank Nuhr – vollkommen undifferenziert einen Antiislamismus entwickelt  haben, der gar nicht mehr zwischen Salafisten und anderen Strömungen des Islam unterscheidet, sondern alle Moslems in einen Topf schmeißt. Das gipfelt dann darin, dass auf der Facebook-Präsenz von GfD – Gemeinsam für Deutschland (einer nach eigenen Aussagen patriotischen Gruppe) ein Bild aus dem FIlm Schindlers Liste gepostet wurde, auf dem zu sehen ist, wie ein KZ-Leiter von einem Turm mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf Häftlinge schießt, und das mit dem Text versehen wurde:

Na, dann mal Feuer frei. Aber heute sehe ich da unten andere. Denke da so an kleine Alis und Mehmets, Mustafas und das ganze Kopftuch Burkageschwader.

Gut, das Bild wurde dann relativ schnell wieder entfernt, allerdings zeigt so ein Vorgang, dass immerhin wieder Menschen auf die Idee kommen, etwas derart Menschenverachtendes in einem öffentlichen Raum von sich zu geben. Und auch die Kommentarspalten von Zeitungen, die über die Hooligan-Demo berichteten, waren genauso wie die sozialen Netzwerke voll von Äußerungen, die Sympathie für die rechten Hooligans ausdrückten oder eben plumpen Islamhass verbreiteten, wenngleich selten so krass wie in dem eben zitierten Beispiel. Konstantin Wecker beobachtete Ähnliches und beschreibt dies auf seiner Webseite. Und selbst wenn der Radiomoderator und Castingshow-Gewinner Martin Kesici nach seinem Facebook-Statement, in dem er seine Sympathie für die Nazi-Demonstration in Köln bekundet hat, von seinem Sender vorläufig freigestellt wurde (s. hier), so ist doch deutlich zu beobachten, dass rechte Positionen wieder gesellschaftsfähig geworden sind und auch von Menschen verbreitet und unterstützt werden, die sich selbst nicht als rechts bezeichnen würden (ich hab das selbst schon oft genug in letzter Zeit bei meinen Facebook-Kontakten erlebt).

Daran ist natürlich, wie gesagt, Dieter Nuhr nicht hauptsächlich oder gar allein schuld, und auch nicht Broder, Sarrazin, Pirincci, Lucke und wie die ganzen anderen Scharfmacher und Hetzer noch heißen mögen. Aber durch ihre bürgerliche Attitüde jenseits vom rechten Schmuddelimage (beispielsweise der NPD) liefern sie vielen Menschen das verbale Futter, nach dem diese sich sehnen: andere, auf die man herabschauen kann (was ich ja auch schon kürzlich in dem Artikel Das verrohte Bürgertum hier auf unterströmt ausführte). Und das ist gefährlich, denn es führt rechtsextremes Denken in die Mitte der Gesellschaft und macht die dazugehörigen Standpunkte gesellschaftsfähig. Kabarett und Satire sollten genau das Gegenteil bewirken von derartiger Brandstiftung, wie sie eben auch Dieter Nuhr immer wieder betreibt.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

3 thoughts to “Nu(h)r ein Brandstifter …”

  1. Als ich vorhin Fischers kleine Presseschau auf MEEDIA las, musste ich doch gleich an diesen mittlerweile vier Jahre alten Artikel denken.

    Nachdem sich Bundesrichter a. D. Thomas Fischer im ersten Teil seiner Kolumne auf lesenswerte Weise mit einem Artikel in der FAZ, der aufgrund von Dieselfahrverboten nun quasi den Untergang des Abendlandes herbeifabuliert, befasste, kam er im zweiten Teil auf Dieter Nuhr zu sprechen und dessen Sendung im Rahmen der „ARD-Themenwoche Gerechtigkeit“.

    Da nun ausgerechnet den erzneoliberalen Nuhr zu präsentieren, ist an sich ja schon mal mehr als fragwürdig. Und natürlich hat dieser Antikomiker mit rechtslastiger Anhängerschaft dann auch entsprechend auf niedrigstem Niveau vom Leder gezogen, sodass man sich ernsthaft fragen muss, was die ARD-Verantwortlichen eigentlich geritten hat, diesem Widerling nach wie vor so viel Sendezeit, und dann auch noch zu diesem Thema, einzuräumen.

    Dementsprechend pflückt Fischer diesen erbärmlichen Nuhr-Vortrag auch auf amüsante Weise auseinander. Sein Fazit stimmt dann im Endeffekt mit meinem obigen Artikel überein:

    Das Prinzip der Nuhrschen Komik ist dabei immer gleich: Von oben nach unten wird Verachtung durchgereicht. Das erreicht, bei Licht betrachtet, bestenfalls das Niveau eines Karnevalsabends im AfD-Ortsverein.

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