„Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes!“ Diese triviale, aber dennoch oft zutreffende Aussage ist die Basis des Verständnisses dafür, warum im Kapitalismus, zumal in seiner neoliberal radikalisierten Form, kein wirklicher Klimaschutz möglich ist. Ja, der ist sogar noch nicht mal gewünscht, denn der Klimawandel mit den damit einhergehenden Schäden ist sogar bis zu einem gewissen Maße systemerhaltend.
Klingt jetzt vielleicht erst mal ein bisschen schräg, aber wird verständlich, wenn man sich die Funktionsweise des Kapitalismus anschaut. Der führt nämlich, wie Thomas Piketty in seinem Buch „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“ empirisch belegt hat, dazu, dass die Rendite der Kapitalbesitzer langfristig immer stärker steigt als das Wachstum der Produktivwirtschaft (s. hier).
Das bedeutet nichts anderes, als dass die Einnahmen durch Aktien, Mieten, Investments und andere leistungslose Formen in einem höheren Maße wachsen als die Teile der Wirtschaft, die tatsächlich etwas Produktives leisten, also Industrie, Landwirtschaft, Dienstleistungen usw. Was wiederum die Notwendigkeit ergibt, dass denjenigen, die tatsächlich etwas schaffen, ein immer größerer Teil ihres erarbeiteten Lohns vorenthalten werden muss. Schließlich ist sonst die stetig größer werdende Renditeerwartung nicht zu erfüllen.
Das ist natürlich ein ziemlicher systemimmanenter Sprengstoff, denn irgendwann haut das einfach nicht mehr hin, dass der arbeitenden Bevölkerung immer weniger bleibt und den Rentiers und anderen Vermögenden immer mehr zugeschustert wird. So eine Wirtschaft wird früher oder später kollabieren – es sei denn, dass die Produktivwirtschaft zumindest kurzfristig deutlich „angekurbelt“ wird, damit deren Wachstumsraten die der Rendite eine Zeit lang übersteigen.
Und genau diese Art von Reset gab es im letzten Jahrhundert zweimal: in Form des Ersten und Zweiten Weltkriegs.
Die damit einhergehenden Zerstörungen führten nämlich dazu, dass danach (vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg) extrem viel wieder in der Produktivwirtschaft geschafft werden konnte – und musste. Schließlich sollte ja alles wiederaufgebaut werden, und das hat dann auch tatsächlich so funktioniert. In Deutschland wurde das als „Wirtschaftswunder“ bekannt, was allerdings weniger ein Wunder, sondern eben vor allem dem Umstand geschuldet war, dass mit sehr viel Geld (teilweise auch aus anderen Ländern, vor allem aus den USA, Stichwort Marshallplan) Schäden beseitigt wurden. Und das hatte natürlich positive Folgen für die Produktivwirtschaft, denn es musste viel gebaut, instand gesetzt und erneuert werden. Daraus entstand dann wieder der Synergieeffekt, dass diejenigen, die produktiv arbeiteten, nun auch Geld zur Verfügung hatten, um ihrerseits nicht nur Verluste aus den Kriegsjahren wieder auszugleichen, sondern zudem neue Dinge zu erwerben.
Und schon wuchs für ein paar Jahre die Produktivwirtschaft stärker als die Rendite. So konnte dann das Auseinanderklaffen dieser beiden Entwicklungslinien ein wenig ausgebremst werden, bevor das Wirtschaftssystem implodiert wäre aufgrund des immer größeren Kapitalabzugs aus der realen Wirtschaft, einhergehend mit der zunehmenden Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten bei gleichzeitig stetig ins Absurde wachsenden Individualvermögen.
Und genau an so einem Punkt sind wir jetzt gerade wieder. Der Armutsbericht weist jedes Jahr eine größere Zahl von Armen und Armutsgefährdeten aus, gleichzeitig wachsen die Vermögen und hohen Einkommen immer schneller an. Das, was uns zurzeit als „Wirtschaftskrise“ verkauft wird, betrifft in seiner Krisenhaftigkeit also in erster Linie den Normalbürger, während die Vermögenden sich an einem Anwachsen ihres Reichtums erfreuen (s. hier). Und da diese Riesenvermögen bedient werden müssen (denn Geld arbeitet nicht, das machen schon reale Menschen), weil damit auch wieder Renditeerwartungen verbunden sind, befinden wir uns in einem Teufelskreislauf.
So ein Reset in Form eines großen globalen Krieges wäre nun allerdings reichlich riskant, da dabei die Gefahr bestünde, die gesamte Menschheit und damit auch die Vermögenden selbst auszulöschen. Und die „lokalen“ Konflikte befeuern zwar die Umsätze der Rüstungsindustrie, aber das reicht noch lange nicht aus, um die Produktivwirtschaft hinreichend zu stärken. Zudem ziehen die sich oft in die Länge oder resultieren in Folgekonflikten, sodass ein Wiederaufbau erst mal nicht stattfinden kann.
Aber zum Glück für die Vermögenden gibt es ja noch die Klimakrise. Die richtet zwar auch zunehmend größere Schäden an, aber das scheint denen irgendwie noch kontrollierbarer zu sein als ein globaler Krieg – oder zumindest hoffen sie, sich irgendwohin zurückziehen zu können, um dort dann die schlimmsten Folgen aussitzen zu können (s. hier). Denn wie immer gilt auch hier: Eine Krise trifft vor allem erst mal die armen Menschen, die sich nicht individuell davor schützen können. Und dann sind als Nächstes diejenigen aus der sogenannten Mittelschicht dran, die sich bei den zu erwartenden Verwerfungen aufgrund der Klimakrise auch schon bald als ausgesprochen vulnerabel erweisen dürften.
Die Verwüstungen im Ahrtal vor einigen Jahren haben beispielsweise geschätzt über 40 Milliarden Euro gekostet (s. hier). Und da gilt dann wieder: Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. Nämlich nicht mehr die öffentliche Hand oder die Steuerzahler, die für einen Löwenanteil dessen aufkommen durften, sondern diejenigen, die dann dort aufgeräumt haben, Häuser instand gesetzt oder neu errichtet habe usw. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) freut sich über so etwas, dann dieser Heilige Gral der Kapitalismus-Apologeten misst nämlich nur die Quantität von Ausgaben und Einnahmen, nicht deren Qualität (s. hier).
Und das, was da im Ahrtal geschah, ist nun keine einmalige Sache, dafür braucht es mittlerweile nicht mal mehr derartige Riesenkatastrophen, sondern es reicht auch schon das aus, was künftig für uns normal sein wird: der diesjährige Hitzesommer beispielsweise. Dieser hat nämlich laut einer Studie von Greenpeace etwa 36 Milliarden Euro (oder noch mehr) an Kosten verursacht (s. hier): aufgeplatzter Asphalt auf Autobahnen, verbogene Schienen der Bahn, Ernteausfälle der Landwirte, niedrigere Produktivität wegen der Hitze bei Arbeitenden, gesundheitliche Probleme aufgrund der hohen Temperaturen, um die sich medizinisch gekümmert werden muss – und natürlich die vielen Tausend Toten, die man allerdings so gar nicht in Geldbeträgen bewerten kann und sollte, wie ich finde.
Und auch hier gilt wieder: Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. Und die daraus resultierenden Haushaltslöcher werden gestopft, indem wo gespart wird? Genau, bei den ärmeren Menschen, indem der Sozialstaat und das Gesundheitssystem demontiert werden. Aber immerhin wird so die Produktivitätswirtschaft noch mal ein bisschen weiter befeuert – und natürlich auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Aber diesen Preis sind diejenigen, die an diesem Wirtschaftssystem festhalten, wohl nur zu gern bereit zu bezahlen. Was auch kein Wunder ist, wenn man sieht, dass diese Leute ebenfalls in Kauf nehmen, dass unsere Biosphäre (zumindest in großen Teilen) zerstört wird.
Insofern ist ein Festhalten am Kapitalismus, vor allem in seiner immer radikaleren Form im Sinne der Neoliberalen oder gar Libertären (wie beispielsweise Argentiniens Präsident Javier Milei), nicht damit vereinbar, tatsächlich effektiven Klimaschutz voranzubringen. Das würde innerhalb dieses Wirtschaftssystems wohl erst dann funktionieren, wenn es etwas anderes mit einer ähnlichen Destruktivität geben würde, dessen Zerstörungen dann aufgearbeitet werden müssten mit öffentlichen Geldern, die in die Produktivwirtschaft flössen (und natürlich in die Taschen von Vermögenden). Und das ist nun wahrlich keine allzu schöne Aussicht, oder?

