Viele sprechen von der Spaltung der Gesellschaft, doch leider betreiben es ebenso viele selbst. Das Prinzip ist eigentlich immer das gleiche: Wer nicht wie ich denkt, der denkt falsch. Das fängt aus meiner Sicht schon bei der Formulierung eines Themas an. Ich bin für Tierwohl anstatt gegen Tierqualen und für eine nachhaltige Wirtschaft anstatt gegen Konsumwahn. Anstatt also den Schuldfinger auf andere zu richten, könnte man in vielen Fällen für einen positiven Aspekt plädieren, um andere Menschen nicht in die Verteidigungshaltung zu drängen. Das Wort „gegen“ erzeugt schon Druck, und der wiederum erzeugt Gegendruck zurück auf mich selbst. Und unter Druck entstehen zwar Diamanten, aber selten ein angenehmes soziales Klima.
Und das gilt leider auch für vermeintlich soziale Einstellungen, wenn man sich das mal ergebnisoffen anschaut und nicht nur die Verpackung liest. Wie soll eine ablehnende und vorverurteilende Einstellung wie „Mit Rechten kann man nicht reden!“ dazu beitragen, dass man sich einander wieder nähert? Wie soll ein undifferenziertes „Ausländer raus!“ zwischen den spaltenden Bloßstellungen der BILD und dem netten Altenpfleger oder der Altenpflegerin aus Syrien unterscheiden? Welche SUV-Fahrerin oder welcher SUV-Fahrer wird sich einen ökologischeren Kleinwagen kaufen, weil sie oder er wüst beschimpft wird oder ihr oder sein Fahrzeug mutwillig beschädigt wird, egal ob der SUV Ausdruck seines oder ihres vermeintlichen Reichtums sein soll, eine „Penisverlängerung“, ein Schutzraum für verunsicherte Autofahrerinnen und Autofahrer oder tatsächlich ein Nutzfahrzeug, weil es sich um eine Försterin oder einen Förster handelt?
Viele Menschen benötigen ein Gegenüber, um sich selbst zu definieren. In Hamburg ist man entweder Ost- oder West-Hamburger*in, St.-Pauli- oder HSV-Fan oder Rad- oder Autofahrer*in (auch ein Wechsel ist bei diesem Sinnbild kein Problem, geschimpft wird immer über „die anderen“). Dank der (un)sozialen Medien und des alten (und überholten?) Spruchs, dass es keine „negative publicity“ gibt (siehe z. B. „Ragebait“), agieren Politikerinnen und Politiker mittlerweile kaum verantwortungsvoller als die oben genannte BILD (die ich nicht als „Zeitung“ bezeichnen möchte, hat für mich mehr was vom „MAD-Magazin“).
Und jetzt kommst Du! Wogegen bist Du denn? Welcher Bevölkerungsgruppe ist aus Deiner Sicht „nicht mehr zu helfen“ (weil Du weder die Zeit, Lust oder Toleranz hast, Dich damit differenziert auseinanderzusetzen oder weil auch Du ein Gegenüber benötigst, um Dich als „die Guten“ zu definieren)? Bei mir sind es z. B. die Anzugträger*innen, die sich in vermeintlich seriösen Fummel werfen, um ihren neoliberalen und egomanen Müll in Form von Krieg, Zerstörung und Ausbeutung in die Welt zu tragen. Die Selbstdarsteller*innen, für die Toleranz nichts anderes ist, also das man die Zuschaustellung ihres Konsums (Klamotten, Piercings, Tattoos, …) gefälligst nicht nur zu akzeptieren, sondern gefälligst gutzuheißen hat (über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten). Wenn sich jemand primär über seine Oberfläche/sein Aussehen definieren möchte, stört das doch eigentlich höchstens mein ästhetisches Empfinden?! Und wobei bitte sehr soll mir diese Einstellung gegenüber Anzugträger*innen und Selbstdarsteller*innen genau helfen? Auf jeden Fall nicht dabei, dass ich mich definiere, und erst recht nicht dabei, dass ich in einer besseren (von mir selbst zusammengedachten) Welt lebe.
Ich denke ja sogar, dass das eine Stärke (wenn nicht sogar die Superkraft) „der Rechten“ ist: Du wirst erst einmal akzeptiert, wenn Du genauso viel Angst vor der Überfremdung hast wie ich. Du gehörst einfach dazu, denn zusammen ist man gleich etwas weniger überfremdet, denn man hat ja gleichgesinnte Personen um sich. Das Gegenteil passierte in den letzten Jahren bei den Linken: Es wird sich darüber gestritten, wie viele Geschlechter es gibt (und entsprechend wie viele WCs), ob Umweltschutz und Tierwohl vor Persönlichkeitsrechten und Multikulturalismus kommen sollten und ob Russland nun „gut oder böse“ ist. (Vielleicht sollte man eine vielfältige Bevölkerung, eine andere Wirtschaftsordnung und einen kriegerisches Staatsoberhaupt nicht undifferenziert in einen Topf werfen?) Spaltung von oder bei Linken, absolut keine Seltenheit.
Ich fasele mir hier schon wieder einen zurecht, stehle Dir Deine Zeit und bade mich in meiner Meinung, als wenn das irgendetwas ändern würde (außer mein eigenes Wohlbefinden, dass ich ja so eine vernünftige Person bin mit so vernünftigen Ansichten). Wir sind alle Würmer, wir sind alle Ergebnis unserer Sozialisation, wir sind alle Menschen! Einzigartig und doch eins. Und auch wenn ich den Menschen ebenso in die Reihe der Säugetiere einreihe wie den Affen, den Hund oder die Robbe, so wünsche ich mir doch ein gepflegtes Miteinander anstatt eines spaltenden Gegeneinander … für uns alle. Amen ;)

