Personalchefs sind unzufrieden mit Uni-Absolventen

So titelte gestern ein Artikel auf Spiegel Online. „Ach was?!“, möchte man entgegnen, denn das ist nun, wenn man sich ein wenig in den letzten Jahren mit Bildungspolitik beschäftigt hat, eben auch nicht gerade überraschend. Laut einer Erhebung des Ifo-Instituts seien vor allem die Betriebe, in denen überwiegend Absolventen von Bachelor- und Master-Studiengängen beschäftigt sind, zunehmend unzufrieden mit deren Kompetenzen: Die Berufseinsteiger seinen „unselbstständig, könnten keine Probleme lösen und hätten eine schlechte Allgemeinbildung“.

Dabei wurde doch das Bildungssystem extra nach den Wünschen „der Wirtschaft“ umgebaut, indem deren Wünsche in Form des Bologna-Prozesses berücksichtigt wurden. Was bei diesem betriebswirtschaftlich gedachten Mumpitz jedoch nicht berücksichtigt wurde, ist, dass man eben den Erwerb von umfassenden Kompetenzen nicht in einer Excel-Tabelle protokollieren und entsprechend umsetzen kann.

Man muss sich ja auch nur mal vor Augen halten, wie heute die Bildungskarriere eines Bachelor-Absolventen aussieht: Nach oftmals nur noch zwölf Jahren Schule, in denen durch die zeitliche G8-Verdichtung schon einiges an kognitiven und sozialenKompetenzen nicht mehr vermittelt werden können, geht es dann an die dank Bologna verschulte Universität. Um das Abi zu schaffen, müssen fast alle Schüler heutzutage pauken wie blöde und Nachhilfeunterricht bekommen, an der Uni geht’s dann genauso weiter. Zivildienst oder Bundeswehr gibt es nicht mehr, sodass immer jüngere Studenten auf eine zunehmend auf Unselbstständigkeit ausgelegte Hochschulkultur treffen. Ist jetzt nicht so richtig schwer, drauf zu kommen, wieso die Uni-Absolventen dann weniger Hand zur Selbstständigkeit haben als früher, oder?

Wer letztlich immer nur versucht, sich selbst zu optimieren im Hinblick auf eine berufliche Karriere und Verwertbarkeit, der wird halt schnell zum Fachidioten. Und diese ehrgeizige Lebensplanung geht ja schon früh los, oftmals im Kindergartenalter, wenn vermeintlich wohlmeinende Eltern ihre Sprösslinge von einem Sprachkurs zum nächsten Musikunterricht karren, und das möglichst in der gesamten kindlichen Freizeit.

Die Idiotie, die diesem Bildungssystem zugrunde liegt, wird ja auch schon daran ersichtlich, dass PISA das Nonplusultra bei der Bewertung schulischer Qualität ist. Wieder einmal wird versucht (wie eben in der Betriebswirtschaft üblich), Dinge mit Zahlen zu erfassen und zu vermessen (hier noch mal der Hinweis auf das exzellente Gespräch von Richard David Precht mit Harald Lesch zur Begrenztheit des Vermessungswahns), die eben nicht quantitativer, sondern qualitativer Natur sind. Und dann wird munter drauflos verglichen, sodass vollkommen sinnbefreite Vergleiche von Staaten angestellt werden, die von ihrer ganzen gesellschaftlichen Struktur (und damit auch von der Struktur ihres Bildungswesens) einfach nicht vergleichbar sind. Aber Hauptsache, man kann das dann in ein schönes Ranking packen. China ist in diesem Ranking dann übrigens regelmäßig ganz vorn mit dabei – ich möchte in jedem Fall nicht mit Schülern tauschen, die im chinesischen Bildungsapparat ohne Rücksicht auf Verluste gedrillt werden – die zahlreichen Suizide von Schülern in China sprechen schließlich auch eine deutliche Sprache. Treffend wurde dieser Irrsinn vor ein paar Jahren in dem Film „Alphabet“ dargestellt (hier ein Trailer dazu, es lohnt sich, sich die DVD zu besorgen).

Wir sehen also, wie „die Wirtschaft“ mit ihrem eindimensionalen Denken mal wieder nichts auf die Reihe kriegt: Nicht nur dass die Kinder darunter leiden, die in einem zunehmend deformierten Bildungssystem getriezt werden, nun ist es sogar auch noch so, dass nicht einmal die Resultate erzielt werden, die man sich vonseiten der Unternehmen erhoffte, nämlich möglichst gut verwertbare Humanressourcen zu erhalten. Wenn man hingegen an den sozialen Kompetenzen sowie an einer Ausbildung zum kritischen Denken und mündigen Handeln spart, wo es nur geht, dann mag das in einer Excel-Tabelle noch irgendwie Sinn ergeben – das Resultat in der Realität sieht dann nur blöderweise komplett anders aus.

Im radikalisierten Kapitalismus muss sich eben alles der Profitmaximierung unterordnen, und dabei bleiben dann entscheidende Qualitäten auf der Strecke – die umfassende Ökonomisierung aller Lebensbereiche funktioniert nun mal in der Praxis nicht. Dass dies dann ausgerechnet von denen beklagt wird, die die Entwicklung in diese Richtung forciert haben, ist ein schlechter Scherz mit reichlich schalem Beigeschmack – der zudem auf Kosten einer ganzen Generation geht.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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