Der Deutsche und seine Plauze

In den letzten Wochen und Monaten konnte ich ein Phänomen zunehmend beobachten: Die Deutschen regen sich gern mal vehement auf, allerdings stets vor allem, wenn es ihre eigenen Belange betrifft. Alles, was sie nicht direkt damit zusammenbringen, interessiert die meisten schlichtweg nicht besonders, aber wehe, es geht um die eigene Plauze, dann wird der Deutsche richtig giftig. Eine Verhaltensweise, die m. E. schon ein gutes Stück weit aus der neoliberalen Indoktrination der letzten Jahrzehnte resultiert – die aber nichtsdestotrotz reichlich schäbig und ekelhaft daherkommt.

Ein paar Beispiele, die mir so über den Weg gelaufen sind:

Da waren beispielsweise vor einigen Monaten die RWE-Mitarbeiter, die sich vor dem Haus von Antje Grothus, die Mitglied in der Kohlekommission ist, recht rüde aufgeführt haben (s. hier). Klar, die arbeiten in der Braunkohleindustrie, und deren Arbeitsplätzen soll es nun ja eventuell an den Kragen gehen. „Endlich!“, wie man dazu als einigermaßen intelligenter Mensch nur ausrufen kann, denn Braunkohle ist ja nun wirklich der letzte Dreck. Aber diese RWE-Leute (inkl. Betriebsrat) scheinen keine Kinder zu haben und auf die Umwelt zu scheißen, wenn sie sich so vehement nun für den Erhalt einer vollkommen veralteten und schädlichen Form der Energieerzeugung einsetzen. Es geht eben um den eigenen Arbeitsplatz – also um die eigene Plauze.

Dann habe ich Rentner erlebt, die sich über hohe Spritpreise aufregen, die sie sich mit ihrer kleinen Rente nicht mehr leisten können. Damit machen sie sich zum Fürsprecher genau der gleichen neoliberalen Wachstumswirtschaft, die dafür gesorgt hat, dass ihre Renten so niedrig sind. Aber Zusammenhänge zu erkennen ist da zu viel verlangt, lieber wird gezetert, dass der Sprit zu teuer ist – denn die Benzinpreise betreffen ja die eigene Plauze.

Und letztlich haben sich die Proteste der Gelbwesten in Frankreich ja auch an einer Erhöhung der Steuer auf Benzin entzündet. Es scheint sich also um kein rein deutsches Phänomen zu handeln, aber das wäre in einer globalisierten Welt auch verwunderlich. Allerdings finde ich es sinnvoll, zunächst mal vor der eigenen Türe mit dem Kehren anzufangen …

Wo wir gerade beim Auto sind: Die Deutsche Umwelthilfe ist ja mittlerweile eines der liebsten Feindbilder vieler Deutscher (wie Heinz hier in einem Artikel treffend beschrieben hat), da diese nun tatsächlich Gerichtsurteile zum Fahrverbot für Diesel-Pkw erstritten hat. Dass durch schlechte Luft jährlich Tausende Menschen sterben und die Autohersteller im ganz großen Stil betrogen haben – geschenkt! Wer nun nicht mehr mit seinem Diesel überall hinfahren darf, der blendet solche Tatsachen aus – und denkt vor allem an die eigene Plauze.

Auch bei der Diskussion um das Silvestergeknalle, was von immer mehr Menschen (u. a. auch von der ach so bösen Deutschen Umwelthilfe) kritisiert wird, kann man Ähnliches beobachten. Diese Böllerei produziert Müll und Feinstaub ohne Ende, Abertausende von Wild- und Heimtieren sterben aufgrund von Panikreaktionen, Polizei und Feuerwehr sind im Dauereinsatz wegen brennender Buden, zahlreiche Menschen werden zum Teil erheblich deswegen verletzt, und vielen geht das einfach nur extrem auf den Sack. Alles egal aus Sicht derjenigen, die vehement für das Recht zu Knallen eintreten, denn die schädlichen Folgen sind ihnen nicht so wichtig wie der eigene Spaß – also die eigene Plauze.

Gleiches kann man erleben, wenn zu hoher Fleischkonsum (z. B. in Form eines solchen Memes) oder das Gebaren von Konzernen wie Amazon kritisch thematisiert werden. Klar, Klimawandel und massives Tierleid in der industriellen Landwirtschaft sind nicht so toll, und Unternehmen, die ihre Steuern nicht bezahlen und ihre Angestellten mies behandeln, sind das irgendwie auch nicht, aber deswegen auf das tägliche Stück Fleisch oder die Bequemlichkeit von Amazon verzichten? Auch da werden umfassendere Überlegungen von dem Gedanken an die eigene Plauze recht schnell beiseitegefegt.

Eine gute Zusammenfassung dieses Verhaltens habe ich neulich in Form eines Memes auf Facebook gesehen:

 

Letztlich ist diese Denkweise ein Resultat der mittlerweile jahrzehntelangen neoliberalen Indoktrination: Ignoranz, Egoismus und Denkfaulheit wurden den Menschen quasi anerzogen über Medien (nicht von ungefähr war eines der ersten Projekt der Helmut-Kohl-Regierung in den 80er-Jahren die Wegbereitung für das Privatfernsehen mittels öffentlicher Gelder) und ein zunehmend demoliertes Bildungssystem. Solidarität? Fehlanzeige! Was zählt: ich, ich und noch mal ich. Also vor allem die eigene Plauze.

Deswegen sind Veränderungen auch so schwer zu bewerkstelligen, denn sie würden oft genug die eigene Plauze betreffen, ein Weitermachen hingegen stört nicht beim hemmungslosen Konsum: Der Spaßverderber, der auffordert, weniger und nachhaltiger zu konsumieren, der von Verzicht spricht, tangiert die eigene Lebenswirklichkeit (vermeintlich, zumindest aber kurzfristig) mehr als derjenige, der die Konsumäffchen dressiert und ihnen weiteres Futter gibt.

Und wenn dann doch mal Probleme unübersehbar werden, wie beispielsweise der Klimawandel, dann wird lieber mit dem Finger auf andere gezeigt: der Amazon-Käufer auf den Fleischesser, der Fleischesser, auf den SUV-Fahrer, der SUV-Fahrer auf den Kreuzfahrer, der Kreuzfahrer auf den Vielflieger und so weiter, und so fort. Hauptsache, man nimmt die eigene Plauze aus der Schusslinie.

Letztlich lässt sich damit auch der überall zunehmende Nationalismus erklären (denn das ist, wie schon gesagt, kein rein deutsches Thema, schließlich ist Neoliberalismus ja international): Die eigene Plauze kann nämlich wunderbar auch ein bisschen verlängert, ausgeweitet werden. Beim Thema Fußball konnte man das schon lange beobachten, da wurden Menschen auf einmal engagiert und echauffierten sich, die sonst weder den Arsch hoch- noch die Klappe aufbekommen haben. Nicht böswillig falsch verstehen: Nicht jeder Fußballfan ist ein gedankenloser Typ, der zum Nationalismus neigt, aber das Prinzip, was dahintersteckt, ist eben das Gleiche: Identitätsstiftung über Vereins- bzw. Nationalfarben. Nicht mehr nur meine Plauze, sondern unsere – und immer gegen die anderen. Vor allem wenn man den Eindruck bekommt, diese könnten einem etwas wegnehmen.

So lässt sich auch das seit Jahren immer groteskere Wahlverhalten erklären, dass also Menschen Parteien wählen, die gegen ihre eigenen Interessen handeln. Deren politisches Agieren wird nämlich gar nicht in Zusammenhang gebracht mit den Sachen, die einen stören. Die zunehmenden Inhaltslosigkeit politischer Wahlkämpfe ist ein beredtes Zeugnis davon. Und solange Fleisch, Bier und Sprit noch bezahlbar sind, ist für die meisten Deutschen ohnehin die Welt in Ordnung. Glotze an, Klappe zu.

Ich frage mich dabei: Haben diese Menschen keine Kinder und ist ihnen das Schicksal kommender Generationen komplett egal? Doch selbst die eigenen Kinder sind schon außerhalb der eigenen Plauzenzone. Denn die Plauze will vor allem kurzfristig vollgestopft werden, da interessiert nicht, was in ein paar Jahren so los ist.

Das liest sich jetzt alles ein wenig böse? Das ist auch so beabsichtigt, denn letztlich führt dieses Verhalten zum wohl größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte: der Zerstörung unserer Biosphäre. Und weshalb, wenn nicht deswegen, sollte man sich nicht mal zumindest ein wenig echauffieren?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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