Die Erde war mal eine Scheibe

Gern machen wir uns heute über die abergläubischen Leute im Mittelalter lustig und verurteilen deren Hexenverbrennungen und die heiligen Kriege. Erst war die Erde eine Scheibe, dann kreiste die Sonne um die Erde, und die Sterne waren Löcher im Himmelszelt, durch die das göttliche Licht strahlte. Die Menschen glaubten nicht an Viren und Bakterien (weil diese nicht für sie sichtbar waren), und der Aderlass war das Allheilmittel für jede unbekannte oder nicht zu diagnostizierende Krankheit.

Heute ist das natürlich alles völlig anders! Wir sind dank Internet jederzeit und überall bestens informiert, und alle Rätsel unserer Tage liegen weit außerhalb unseres Sonnensystems, wenn es überhaupt noch etwas „Wichtiges“ zu wissen gibt. Im Prinzip läuft das Wichtigste ja auch noch auf einem unserer 247 Fernsehsender, sodass man eigentlich nicht einmal die Schule benötigt. Und diese martialischen Kriege um Macht und religiöse Anschauungen liegen in ferner Vergangenheit. Oder?

Was der Menschen allein zu leisten vermag

Geht so. Ich denke man hätte den meisten Menschen im Mittelalter leicht den Gebrauch eines Smartphones erklären können, und auch das Mikroskop hat die Einsicht in schwer zu verstehende Dinge erheblich erleichtert. Es sind also eher die Werkzeuge, die nur einige wenige Menschen entwickelt haben, die uns als Menschheit ein trügerisches Gefühl der Überlegenheit unseren Vorfahren gegenüber geben. Das Wissen um diese Erfindungen ist bei den meisten Menschen nicht wirklich ausgeprägter als der Aberglaube im Mittelalter. Oder kannst Du ein Smartphone herstellen? Also das komplette Paket: Metalle und Kunststoffe gewinnen und verarbeiten, diese mit seltenen Erden, Silizium und Edelmetallen zu winzigen Chips und Schaltkreisen verarbeiten, eine entsprechende Software programmieren und am Ende noch Satelliten in die Erdumlaufbahn schicken, um die Verbindungen global zu vernetzen?

Klar, auch früher wurden Pyramiden gebaut, die ein Einzelner nicht hätte bauen können. Allerdings ist das wesentlich weniger „Hexenwerk“, als heute den Menschen die Funktionsweise eines Smartphones oder sonstigen Computers zu vermitteln. Ohne die 0,0002 % Wissenschaftler würde der Rest der Menschheit noch immer Jäger und Sammler sein und in einstöckigen Hütten oder Höhlen hausen (was kann ich selbst reproduzieren?). Es ist bei den meisten Menschen in Bezug auf aktuelle Technik mehr eine Frage des Glaubens als eine Frage des Wissens, würde ich meinen.

Und bleiben wir gleich beim Glauben

Was früher der göttliche Willen, ist heute die Diktatur des sogenannten „freien Marktes“. Wir glauben an die längst überholte Theorie von „Angebot und Nachfrage“, akzeptieren das Diktat international agierender Konzerne, und mit Freude laufen viele von uns mit deren Logos umher. Ob Nike, Apple, Mercedes oder Louis Vuitton: Wir zahlen gern ein Extra für diese Marken, tragen deren Logo freiwillig als „lebende Werbefläche“ umher (halten uns deshalb selbst für wertvoller oder „cooler“) und lassen uns dann, nach gezahlter Rechnung, auch noch richtig in Sachen Steuern von den Konzernen über den virtuellen Tisch ziehen.

Dabei kann man hier in unserer westlichen Welt dann schön mit dem Finger auf die Länder der Dritten Welt zeigen und deren kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten oder Afrika mit einem überheblichen Kopfschütteln verurteilen („Die sind ja wie die Wilden im Mittelalter!“). Nur geht es auch da in den seltensten Fällen wirklich um religiöse Auseinandersetzungen, wie uns die Mainstream-Medien auch gern mal erklären. Der Nahe Osten zerbricht an Stellvertreterkriegen, wo ausschließlich die wirtschaftlichen Interessen um Öl und Gas ausgefochten werden und teuer erkaufte Waffensysteme zum Einsatz kommen (und Europa liefert auch brav Waffen und hält die Klappe, wenn die Weltmächte sich dort auch im Namen von Großkonzernen austoben). Die Freiheit am Hindukusch verteidigen – ich kann nicht so viel saufen, wie ich kotzen muss. Und was der Aderlass von damals war, ist das Antibiotikum in der gegenwärtigen Medizin.

Ist die Erde noch immer eine Scheibe?

Ich kann es zwar selbst kaum glauben, aber weltweit glauben Tausende, wenn nicht Millionen Menschen wieder daran, dass die Erde eine Scheibe ist (die sogenannten „flat earthers“). Das ist auch nicht völlig unverständlich, denn im Prinzip ist unser Verständnis der astronomischen Zusammenhänge noch dermaßen in den Kinderschuhen, dass auch hier mehr Glauben als Wissen dominiert. Auch wenn sich eine Theorie über einen Urknall mittlerweile etabliert hat, so gibt es kein Modell, das unser derzeit beobachtetes Universum auch nur annähernd schlüssig erklärt. Da wird, genau wie im Mittelalter, einfach die „dunkle Materie“ durch Indizienbeweise dazugerechnet (im Mittelalter war es der „Äther“, das „muss es einfach geben“).

Und so weit muss man gar nicht in die Ferne schweifen, um kurz ein skizziertes Schulwissen tiefer zu hinterfragen und so auf eine Fülle an ungeklärten Fragen zu vermeintlichem Basiswissen zu stoßen. Das fängt beim Licht an: Was genau sind Quanten und warum agieren sie mal wie Teilchen und mal wie Wellen (klar, man nennt es einfach Energiepakete, und fertig ist die „Erklärung“)? Oder wie kann ein magnetisches Feld im Vakuum existieren (was genau richtet sich da aus, was wir „Feld“ nennen)? Ähnlich verhält es sich mit der Gravitation und anderen Wechselwirkungen (z. B. Quantenverschränkung). Die Liste ist lang, und wenn man genau hinsieht, dann hat fast jede Erklärung irgendwo im Detail ein offenes Ende.

Und nun?

Der Aberglaube von heute wird vielleicht die Zukunft von morgen sein. Berichte über Wunderheilung allein durch eine geistige Haltung, unerklärbare Erscheinungen von fliegenden Untertassen bis hin zu leuchtenden Wesen, die wir unserem jetzigen Glaubens- und Kenntnisstand nach am ehesten Engel nennen würden, Kinder, die Sprachen und sonstige Details aus vorherigen Leben oder einer sonst wie gearteten Verbindung in die Vergangenheit kennen, und nicht zu erklärende Fernwahrnehmungen („Remote viewing“) von Ereignissen in unüberwindlicher Entfernung. Auch dazu gibt es Thesen und Meinungen, mehr sind viele wissenschaftliche Erklärungen unserer Natur und Umwelt auch heute noch nicht, doch wir halten uns und unsere „aufgeklärte Weltanschauung“ für des Rätsels Lösung. Lächerlich!

Und nun? Nichts und nun. Wir bilden uns halt etwas auf unsere moderne Welt ein, obgleich sie nicht weniger krank ist als im Mittelalter … vielleicht sogar noch viel kränker. Ich bin sicher, in weiteren 500 oder 1.000 Jahren werden die Menschen, sofern es noch welche geben wird, genauso amüsiert und verwundert auf unsere heutige Weltsicht schauen. Sie werden über unsere (blinde) marktkonforme Demokratie herzlich lachen, das heute praktizierte Schaulaufen mit Konzernlogos und Marken vielleicht sogar für erdachten Aberglauben halten und sich selbst wieder einmal für vollkommen aufgeklärt und allwissend ansehen.

Wir sollten aufgeschlossen und neugierig bleiben, die Dinge hinterfragen und in Frage stellen, das Meer an unnötigen Informationen nicht weiter unserem eigenen Leben und direktem Umfeld vorziehen. Es ist einfach, sich über andere zu stellen und das eigene Handeln und Denken als fortschrittlich und aufgeschlossen zu titulieren, vor allem wenn es auf unserer Informationsblase aus gefilterten und privatwirtschaftlich gesteuerten Medien beruht. Nur wenn wir unsere eigenen Handlungen und deren Auswirkungen erkennen, können wir unsere Zukunft gestalten, und zwar nach „unseren“ Wünschen und Bedürfnissen (ich schreibe vom „wir“, nicht vom „ich“), nicht nach den Wünschen derer, die die Fäden im Internet und den Medien ziehen aus eigenem kurzfristigem und von Profit geleitetem Interesse.

Und dann sitzt da in Hunderten von Jahren jemand auf dem Mars, eingeklinkt im stellaren Netzwerk, und sendet seine Gedanken über die eigene lachhafte Unwissenheit und Überheblichkeit und die der gegenwärtigen Menschheitsgeschichte in Form eines Threads … und so weiter.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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