Flucht auf die höhere Ebene

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Besuch der Hamburger Montagsdemo/Mahnwache ein interessantes Erlebnis: Da wurden Wortbeiträge dazu vorgebracht, dass die Bundesrepublik kein souveräner Staat sei und wie man ein neues Geldsystem implementieren müsse. Nach einer weiteren Ansprache, in der es über den Rechts-links-Vorwurf ging, dem diese Veranstaltungen häufig ausgesetzt sind (oder besser: waren, denn mittlerweile werden und wurden ja schon wieder genügend andere Säue durchs Dorf getrieben), verteilte dann der Redner zur Illustration seiner Analogie mit rechts- und linksdrehenden Joghurts zwei Paletten Müllermilch Froop an die Zuhörer. Moment mal: MÜLLER???

Bei dem Namen vergeht mir zumindest schlagartig der Appetit. Nicht nur, dass der BUND der Firma in einer Studie (zurzeit leider gerade nicht aufrufbar) schon Subventionsbetrug vorgeworfen hat und Herr Müller selbst nicht so gern Steuern zahlt (s. hier), so verwendet Müllermilch auch noch Monsanto-Produkte. So ergab sich nun die absurde Konstellation, dass eine halbe Stunde zuvor jemand Applaus für seinen Bericht vom March Against Monsanto bekam und dann von den gleichen Leute schön Joghurt von einer mit Monsanto kooperierenden Firma reingeschaufelt wurde.

Dies passt zu einem Verhaltensschema, das ich schon öfter beobachtet habe: der Flucht auf eine höhere Ebene. Hierbei gibt es vor allem zwei Formen:

1. „Ihr habt Probleme …“: der Verweis auf Dinge, die schlimmer/wichtiger/existenzieller sind.

Das hat jeder schon mal erlebt: Man bringt ein Thema zur Sprache oder engagiert sich für eine Sache, und dann bekommt man den Vorwurf zu hören, dass es doch andere Dinge gäbe, die wesentlich wichtiger sind (aktuell gerade oft bei der Diskussion über die Hamburger Seilbahn über die Elbe). Klar, dagegen ist erst mal nichts zu sagen, allerdings wird es immer irgendwas geben, was größere Dimensionen hat als ein gerade greifbares, konkretes Problem: Was sind schon regionalpolitische Befindlichkeiten im Vergleich zu bewaffneten Konflikten, wie derzeit in der Ukraine und im Gazastreifen zu erleben? Und was sind diese dann schon, wenn man ein globales Problem wie den Klimawandel betrachtet? Man kann nahezu überall noch was finde, was man quasi obendrauf packen kann. Das Resultat dabei ist allerdings selten, dass der Blick fürs Ganze geschärft wird, sondern eher, dass die Beschäftigung mit Dingen erlahmt, an denen der Einzelne vielleicht gerade etwas ändern könnte – und die vor allem genauso unsere Aufmerksamkeit benötigen. Wenn sich alle nur noch mit dem wichtigsten Problem der Welt (vorausgesetzt, dies könnte tatsächlich definiert werden) beschäftigen würden, wäre eine ziemlich Lähmung jedes Zusammenlebens zu beobachten.

2. Fokussierung auf Utopien oder Themen, an denen der Einzelne sowieso nichts ändern kann

Das klang ja eben in der Beschreibung der Szenerie der Montagsdemo schon an: Es wird ausgiebig theoretisiert (was ja nicht immer verkehrt sein muss), dabei bleibt man dann aber bei den Dingen hängen, die sich als so umfassend ergreifen, dass sie sich der eigenen Einflusssphäre entziehen. Deutschland ist kein souveräner Staat – ja, selbst wenn das so sein sollte (diese Diskussion möchte ich hier gerade nicht führen), dann kann ich da gerade nichts dran ändern, sondern sollte erst mal den Status quo hinnehmen, dass ich jetzt gerade in diesem Deutschland lebe. Genauso ist es mit einem neuen Geldsystem: Da stecken ja durchaus interessante Ansätze hinter diesen Überlegungen, allerdings wird so was nicht so einfach mal eben umzusetzen sein, und wenn ich Menschen auf einer Demo dann einen Vortrag darüber vor den Kopf knalle, werden die auch nicht wirklich was daran ändern (können) und in ihrem Bedürfnis, aktiv zu sein, unterstützt. Meine Erachtens dient das Beackern solcher Themenfelder oft auch der Legitimation für eigene Trägheit: Was soll ich denn was ändern, wenn ja sowieso das ganze System scheiße oder illegitim ist?

 

Dies ist auch der entscheidende Kritikpunkt, den ich an diesen beiden Verhaltensweise zu kritisieren habe: Sie fördern die individuelle Passivität. Natürlich ist es wichtig, sich auch über Dinge einen Kopf zu machen, die über das eigene alltägliche Leben hinausgehen, und Utopien zu entwickeln ist ebenfalls eine großartige Sache. Wenn dies allerdings dazu führt, die Eigeninitiative bei einem selbst zu lähmen und einfach bequem so weiterzuwurschteln wie bisher, dann sind solche Gedankenspiele und Überlegungen kontraproduktiv. Das fängt beim eigenen Einkaufszettel an und hört beim Ausfüllen des Stimmzettels bei Wahlen auf, auch wenn man der Ansicht ist, dass das System der repräsentativen Parteiendemokratie durchaus auch diskussionswürdige Schwächen hat und Korruption sowie Lobbyismus massive Probleme sind. Eigeninitiative kann vielfältig sein, darüber haben wir ja hier bei unterströmt auch schon öfter was geschrieben, aber sie ist eben auch durchaus öfter mal mit mehr oder weniger kleinen Unbequemlichkeiten verbunden. Da ist es doch viel angenehmer, sich theoretische Gedanken zu machen über Dinge, die sich der eigenen Einflusssphäre komplett entziehen.

Dies ist übrigens meines Erachtens auch der Grund, warum (wie gerade in letzter Zeit zu beobachten) sich militärische Konflikte in ein paar tausend Kilometern Entfernung so ein großes Aufregungspotenzial in deutschen Medien und sozialen Netzwerken haben. Nicht falsch verstehen: Natürlich ist es wichtig, so was zu thematisieren und zu diskutieren, nur wenn ich dann immer wieder von offiziellen Stellen (wie Gauck und Co.) oder auch privaten Einzelpersonen mitbekomme, wie da mit einer Vehemenz gefordert wird, dass Menschen sich gegenseitig massakrieren sollen, dann passt das schon genau hierhin: Das ist ja auch schön weit weg, die blutigen Bilder dürften bei einigen sogar noch einen schönen Nervenkitzel hervorrufen, wenn man sie dann im Fernsehen sieht, und das Rausposaunen martialischen Hasses ist auch mit herrlich wenigen Konsequenzen für einen selbst verbunden, wenn man dies aus der warmen heimischen Radaktions- oder Wohnstube heraus macht. Auch hier gilt: Einfach mal bei sich selbst anfangen und nach den moralischen Kriterien, die man (notfalls mit Waffengewalt verteidigt oder erzwungen) von andren einfordert, leben, versuche, Dinge etwas besser zu machen – damit ist dann schon wesentlich mehr getan, aber auch das ist eben oft etwas weniger bequem.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

One thought to “Flucht auf die höhere Ebene”

  1. Dank der Online-Petitionen kann nun jeder von seinem Smartphone aus etwas „gegen den Krieg“ tun, anstatt sein Konsum- und Wahlverhalten zu überdenken … am besten vom „neuen und kostenlosen Mobiltelefon“ aus, dass einem jedes Jahr „geschenkt“ wird.

    Das erinnert mich gerade an „Löwenzahn“, könnt ihr Euch erinnern? Am Ende jeder Sendung hat der Peter Lustig darauf hingewiesen: „Abschalten!“ und raus mit Euch ;)

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