Ice Bucket Challenge

In den letzten Wochen war es in den sozialen Medien ja kaum möglich, der sogenannten Ice Bucket Challenge aus dem Weg zu gehen. (Wer nicht weiß, was das ist: Einfach mal googeln – oder besser benefinden -, um sich ein Bild zu verschaffen, da gibt es haufenweise Hinweise, Links Artikel usw.) Und eigentlich klingt das ja auch nach einer guten Sache, denn im Rahmen dessen wird ja immerhin für die ALS-Gesellschaft gespendet, die sich um Forschung zur Heilung und Linderung der wirklich schlimmen Amotryphen Lateralsklerose kümmert. Viel Prominenz und auch massig Subprominenz nahm daran teil, schüttete sich einen Eimer mit Eiswürfeln über den Kopf und spendete im Zuge dessen dann zum Teil (eigentlich hieß es bei dieser Challenge: entweder spenden an die ALS-Gesellschaft oder aber eine Eisdusche) auch etwas.

Ich persönlich habe diese Challenge nur sehr am Rande mitbekommen und kaum beachtet, da mich solche Events und Videos von mehr oder weniger relevanten Promis nicht so wirklich interessieren. Eher zufällig wurde ich dann via Facebook auf eine Verlautbarung der Ärzte gegen Tierversuche aufmerksam, in der beschrieben wurde, warum es nicht so richtig cool ist, gerade die ALS-Gesellschaft mit Spenden zu überschütten (zum jetzigen Zeitpunkt laut Webseite der ALS-Gesellschaft 94,3 Mio. $): Gerade in der ALS-Forschung würden nämlich extrem viele unsinnige und vor allem grausame Tierversuche durchgeführt, so die Organisation. Dann stieß ich (auch via Facebook) auf einen Link zu einer Seite, die ich bis dahin überhaupt nicht kannte und insofern auch nicht gut im Hinblick auf ihre Seriosität beurteilen kann. Sollten die dort aufgeführten Zahlen zur ALS-Gesellschaft hingegen stimmen, würde das auch aus einem anderen als dem Tierversuchsaspekt ein alles andere als ein gutes Licht auf diese Organisation werfen.

Dies brachte mich dazu, mal ein wenig mehr über diese Challenge nachzudenken, die so eine große Welle in den sozialen und herkömmlichen Medien schlägt.

Anscheinend braucht es mittlerweile immer eine Riesengaudi, ein Spaßevent o. Ä., um die Menschen mal dazu zu bringen, etwas zu spenden. Das Nachteilige an solchen Eventspenden: Kaum einer informiert sich darüber, an wen er denn da nun genau spendet, und wie man sieht, wäre dies bei der ALS-Gesellschaft wohl durchaus mal angebracht gewesen. Zudem hat sich die ganze Nummer dann auch ziemlich verselbständigt, denn irgendwann ging es vielen gar nicht mehr ums Spenden, sondern nur noch darum, ein lustiges Video online stellen zu können, bei dem man im Rahmen dieser Challenge posiert. So geriet auch der karitative Zweck immer mehr in den Hintergrund, es wurden Mitmachaufforderungen ausgesprochen mit dem Ziel: „Entweder du kübelst dir Eis über den Kopf oder du gibst mit eine Flasche Sekt (hier kann auch einen Döner o. Ä. eingesetzt werden, war alles beispielsweise auf Facebook zu beobachten) aus!“ Kann ja nun auch jeder so machen, wenn er Lust drauf hat, nur dass eine solche Aktion dann vom Ziel, Spenden einzusammeln, dahin mutiert, andere Menschen dazu zu bringen, einem selbst was zu schenken, finde ich schon reichlich daneben (aber leider auch nicht untypisch für den momentanen Zeitgeist).

Dazu kommt der soziale Druck, der aufgebaut wird: Jeder Teilnehmer an dieser Challenge nominiert nach Art des Schneeballprinzips drei weitere Personen, die nun auch dabei mitmachen sollen. Wer das nicht möchte, wird dann schnell als Spalter, Spielverderber u. Ä. tituliert – unabhängig davon, warum er oder sie nun nicht spenden möchte oder auch kann (gibt ja durchaus Menschen, die selbst kaum mit ihrem Geld hinkommen und sich nun durch diese Situation in einer unangenehmen Zwangslage sehen).

Tja, und dann wird bei dem ganzen Spaß auch noch reichlich Trinkwasser verschwendet. Das mag nun erst mal etwas kleinlich klingen, aber dann muss man sich nur mal das Geschäftsgebaren von Nestlé (nur mal als Beispiel) vor Augen führen, was Trinkwasser in Flaschen angeht und wo die das teilweise herbekommen. Zudem sollte man zumindest im Hinterkopf haben, dass Firmen aus EU-Staaten und den USA massiv dafür sorgen, dass in vielen Ländern Afrikas, Südamerikas und Asiens das Trinkwasser nicht mehr genießbar ist oder das Grundwasser immer weiter absinkt – Stichworte Rohstoffausbeutung, monokulturelle Landwirtschaft usw. Klar wird niemand eine Tüte Crushed Ice nach Afrika fliegen, nur wenn man das Zeug hier so verplempert, dann wird bestimmt auch nicht unbedingt ein Bewusstsein dafür geschärft, dass wir unseren Anteil daran haben, das anderswo die Leute kein sauberes Trinkwasser haben.

Und wenn dann das Challenge-Event vorbei ist, dann dürften die meisten einfach so weitermachen wie bisher, und das Gewissen wurde durch eine eventuelle Spende ja auch trefflich beruhigt. Wie viel sinnvoller wäre es doch, wenn man sich eine Non-Profit-Organisation raussucht, die etwas in den eigenen Augen Sinnvolles macht, sich dann über diese informiert und ihr schließlich, wenn einem nichts Negatives aufgefallen ist, eine regelmäßige Spende zukommen lässt. Aber das ist natürlich nicht so spektakulär, als wenn man bei einem Spaßevent mitmacht, denn dann gehört man ja dazu und kann ein lustiges Video posten. Bitte nicht missverstehen: Nicht jeder, der nun bei dieser Ice Bucket Challenge mitgemacht hat, tickt so, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es für einen Großteil genau so zutrifft.

Druckansicht

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar