Angst, Angst, Angst

Als ich vorhin beim Einkaufen war, sprang mir die Titelseite der BILD mit folgender Schlagzeile ins Auge: „Wir haben Angst vor der Rente – Millionen Deutschen droht Altersarmut“. Nun kann man natürlich sagen, dass die von der BILD ja richtige Blitzmerker sind, da genau dies ja von einigen schlauen Ökonomen (die leider, zumindest was die mediale Repräsentation angeht, in der Minderheit waren) bereits genau so prognostiziert wurde, als im Zuge der Agenda 2010 die Rentenprivatisierung eingeführt wurde. Allerdings wäre das wohl zu kurz gegriffen, denn hier offenbart sich m. E. eine ganz besonders schäbige Form der politischen Agitation, die garantiert nichts mit fehlendem Verständnis zu tun hat, sondern voll beabsichtigt sein dürfte.

Gerade die BILD als Organ für neoliberale Propaganda (eine der wichtigsten Agitationsfunktionen dieses Schmierblattes neben der für das Teile-und-herrsche-Prinzip notwendigen Hetze und Aufwiegelung) beklagt nun also die Folgen der Politik, die von ihr selbst immer als notwendig und richtig beschrieben wurde. Das ist nun natürlich schon reichlich verlogen, aber passt dann auch wieder ins Schema der BILD: Den Menschen soll Angst gemacht werden, da diese dann gefügiger, weniger widerspenstig und somit auch leichter zu regieren sind.

BILD schlachtet Katastrophen, Unfälle und Verbrechen ja immer schon über Gebühr aus. Und genau das führt eben dazu, dass die Menschen das Gefühl einer ständigen Bedrohung bekommen und ängstlicher werden. Tja, und verängstigte Menschen reagieren oftmals nicht besonders rational – was in unserer Natur so angelegt ist: Wer bei einer realen Bedrohung, die Angst auslöst, erst mal sinniert und nachdenkt, wird dann eben beispielsweise vom Bären gefressen, während der instinktiv Flüchtende überlebt.

Welche Auswirkungen diese Verängstigung auf Menschen hat, habe ich neulich in dem schon etwas älteren Film von Michael Moore „Bowling For Columbine“ (2002) gesehen: Moore ging der Frage nach, warum sich die US-Amerikaner in erschreckend großer Zahl gegenseitig erschießen, während das bei den in ähnlichen Dimensionen bewaffneten Kanadiern nicht der Fall ist. Seine nachvollziehbare Erkenntnis: In den US-Medien wird den Menschen andauernd Angst gemacht, teilweise vor überhaupt nicht bestehenden Bedrohungen (angeblichen Killerbienen aus Südamerika beispielsweise), in Kanada fehlt diese Panikkomponente in Nachrichtensendungen und Zeitungen fast vollständig.

Angst ist hier also ein Herrschaftsmittel, um eine politische Agenda durchzusetzen bzw. den Widerspruch dagegen möglichst klein zu halten. Wer Angst hat, ist beispielsweise bereit, Einschränkungen der eigenen Freiheit hinzunehmen im Zuge von Sicherheitsmaßnahmen, die eigentlich gar nicht notwendig wären, aber den Herrschenden umfassende Kontrollmöglichkeiten in die Hand geben. Wer Angst hat, reflektiert weniger und ist besser mit einfachen Parolen zu überzeugen. Wer Angst hat, handelt oft gegen seine eigenen Interessen.

Und da sind wir dann wieder bei der BILD und deren Angstmache: Deren Auswirkungen dürften den Machern dieses Blattes nämlich absolut bewusst sein und insofern auch ganz gezielt eingesetzt werden. Achtet mal darauf, wie oft die BILD irgendwelche Aufmacher prominent präsentiert, die lediglich lokale Verbrechen zum Inhalt haben und somit die meisten Menschen überhaupt nicht betreffen – aber eben dann in ihrer Häufung ein Gefühl vermitteln, dass das Verbrechen ja überall lauert.

Die Kriminalitätsstatistiken zeigen auf, dass in Deutschland immer weniger schwere Verbrechen begangen werden, dennoch fühlen sich immer mehr Menschen bedroht und haben Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden. Oder nehmen wir mal die Angst vor islamistischem Terror. Wie viele Anschläge gab es da nun in den letzten Jahren in Deutschland? Genau, einen einzigen, nämlich den vom Breitscheidplatz, und da hat ja allem Anschein nach der Verfassungsschutz ganz gewaltig seine Finger mit im Spiel gehabt, sodass Anis Amri locker im Vorfeld hätte daran gehindert werden können, mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt zu fahren (s. dazu hier, vor allem die ergänzenden Kommentare und die dort verlinkten weiterführenden Artikel). Dennoch haben viele Deutsche Angst vor islamistischem Terror und nehmen dafür in Kauf, dass der Sicherheitsapparat und die anlasslose Überwachung der Bevölkerung immer weiter ausgebaut werden, sodass dies langsam, aber sicher zunehmend totalitäre Züge annimmt.

Heribert Prantl hat diese Art der Politik in seinem 2009 erschienenen ausgesprochen lesenswerten Buch „Der Terrorist als Gesetzgeber“ (s. meiner unterströmt-Rezension dazu) bereits recht genau beschrieben – er dürfte das jedoch kaum als Handlungsanleitung verstanden haben.

Zurück noch mal zur BILD-Schlagzeile der Rente, denn hieran wird nun ein besonders perfider Aspekt dieses von den Neoliberalen schamlos genutzten Herrschaftsinstruments sichtbar: Da werden also erst politische Maßnahmen propagiert und agitativ unterstützt, die absehbar zu sozialen Verwerfungen, in diesem Fall zu weitreichender Altersarmut, führen, und dann werden die Auswirkungen dieser Maßnahmen genutzt, um den Menschen noch weiter Angst zu machen – die in diesem Fall sogar komplett berechtigt ist.

Ist das nicht der Gipfel der Widerwärtigkeit und Schäbigkeit?

Und leider werden ja BILD und deren Onlineangebot nach wie vor von viel zu vielen Menschen gelesen, und auch andere Medien beziehen sich immer wieder darauf, nennen BILD als Quelle oder schreiben sogar davon ab.

An so einem Beispiel wird für mich deutlich, wie umfassend und selbstverständlich die Manipulation, Indoktrinierung, Verängstigung und Verblödung der Menschen mittlerweile ganz offen betrieben wird vonseiten der Marktradikalen. Anstand? Fehlanzeige!

Da stellt sich mir dann schon die Frage, ob man so einer geballten Unanständigkeit überhaupt noch mit Anstand begegnen, geschweige denn etwas dagegen machen kann.

Abschließend das nach wie vor aktuelle schon ältere Zitat von Max Goldt zur BILD, das man sich gar nicht oft genug vor Augen halten kann:

„Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 thoughts to “Angst, Angst, Angst”

  1. Die Bildzeitung ist ein Phänomen der Massengesellschaft. Ich musste hier, bei deinen Zeilen, an Le Bon, Freud, Hobbes, Habermas und ganz besonders, im Falle Bild, an Hannah Arendt denken. Man hätte es wissen können, man hätte längst handeln können, man hat aber das eigene Denken leider den Mechanismen der Marktgesellschaft geopfert, einer „gesunden Oberflächlichkeit“, wie ein ehemaliger Vorgesetzter sich dafür sogar auf die eigene Schulter klopfte.

  2. Es ist oft schwer, denn ich empfinde es genauso: Wie soll man „zu solchen Leuten“ freudlich sein? Wie kann man Menschen, die Niedertracht und Hass säen nicht verurteilen und vielleicht sogar richten? Warum sollte man dieses Treiben tolerieren und nicht unterbinden?
    Aus meiner Sicht muss ich da (leider) schreiben: Weil es die derzeitige Entwicklung des Menschen widerspiegelt. Genau wie die Redakteure dieser und anderer Schmierblätter, sind wir das Ergebnis unserer Sozialisation. Auch dort werden Existenzängste geschürt und das eigene Wirken verharmlost, genau wie auch bei allen anderen Menschen: Konsumenten, Demonstranten, Urlauber und Soldaten. Kaum einer ist bewusst und absichtlich ein egoistisches Arschloch!
    Und daraus folgt die teilweise bittere Erkenntnis für mich selbst: Nur Liebe und das Vorleben (für mich) richtiger Werte wird es der verängstlichen, egoistischen Menschheit ermöglichen ihr eigenes Handeln anders ein zu ordnen und vielleicht so den eigenen Horizont zu erweitern. Hass und Anfeindung wird kaum einen Redakteur oder Hetzer dazu bringen sein beschränktes Weltbild zu ändern, denn ich bestätige es damit ja: Ich bin gegen Dich, so kannst Du auch gegen mich sein. Das erinnert an den Hundehalter, der seinen Hund anschreit, dass er nicht bellen möge (und der Hund denkt sich: Wenn Herrchen/Frauchen auch laut ist, dann mache ich wohl alles richtig).
    Mein Fazit schließt Deine Meinung über die BILD ein, die ein inakzeptabler Auswurf unseres Zeitgeistes ist und dessen Konsum ich für mich ausschließe und anderen davon auch ohne Anfeindung abrate. Und wenn ich der „Starke Mann“ wäre, würde meine derzeitige Persönlichkeitsentwicklung wahrscheinlich dazu führen so ein Blatt zu verbieten. Die Meinungsfreiheit erlaubt dies aber und ich bin derzeit nicht in der Lage dies immer und durchgehend gut zu finden. Ziemlich undemokratisch von mir …

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