Ein paar Gedanken zur Übersterblichkeit

In der Corona-Krise werden immer wieder Vergleiche zwischen verschiedenen Staaten angestellt: Wie viele Infizierte gibt es hier? Wie viele sind dort an Covid-19 gestorben? Auf die Problematik dieser Vergleiche wird dabei auch öfter hingewiesen, denn natürlich hängen die ermittelten Werte stark davon ab, wie viele Personen überhaupt getestet werden, ob nur Erkrankte getestet werden und ob auch Tests an Verstorbenen durchgeführt werden (was in Deutschland meines Wissens beispielsweise nicht der Fall ist) – das alles hat ja einen enormen Einfluss auf die Dunkelziffern, was Vergleiche dann wiederum recht schwierig macht. Einen Wert gibt es allerdings, der immer wieder als sehr objektiv dargestellt wird: die Übersterblichkeit. Doch wenn man sich das genauer anschaut, stellt man fest, dass es auch bei diesem Wert einige Unschärfen gibt.

Die Übersterblichkeit zeigt ja an, wie sich die tatsächliche Sterblichkeit zu einem erwarteten Wert, der auf den Zahlen und Erfahrungen vergangener Jahre basiert, verhält. Wenn also eine Übersterblichkeit nachgewiesen wird, bedeutet das, dass mehr Menschen im gleichen Zeitraum gestorben sind als in vergleichbaren Zeiträumen zuvor. So weit, so gut.

Dass nun aufgrund des Coronavirus viele Menschen gestorben sind, schlägt sich demzufolge auch in der Höhe der Übersterblichkeit nieder. Eine Naturkatastrophe oder ein Krieg würden sich ähnlich auswirken, da diese auch viele Todesopfer zur Folge hätten. Und so wird nun eben interpretiert, dass eine niedrigere Übersterblichkeit auch automatisch bedeutet, dass weniger Corona-Tote als in Ländern mit einer höheren Übersterblichkeit vorliegen müssen.

Und da wird es nun ein wenig unscharf, wie ich meine, denn das Coronavirus ist ja nun nicht die einzige Einflussgröße in den letzten Monaten gewesen, denn es gab ja auch noch die (mehr oder weniger – von Land zu Land unterschiedlich) einschneidenden Lockdown-Maßnahmen. Diese hängen zwar mit dem Virus zusammen, wirken sich allerdings komplett anders aus, ja, dürften m. E. sogar dazu geführt haben, dass es in einigen Bereichen weniger Tote gab als üblich.

Ein paar Beispiele:

Tote durch Luftverschmutzung

In Deutschland gibt es circa 80.000 Tote im Jahr durch schlechte Luft (s. hier). Während des Lockdowns hat sich nun in vielen Regionen die Luftqualität verbessert, da die Menschen weniger unterwegs waren und somit ein geringeres Verkehrsaufkommen bestand. Zudem haben viele produzierende Betriebe auch weniger Waren hergestellt (da eben weniger gekauft wurde), sodass sie weniger Emissionen verursachten. Kreuzfahrten und Flüge wurden auch runtergefahren, was ebenfalls zu einer Luftverbesserung führte.

Hier sollte man sich nun die Fragen stellen, wie viele Menschen nun in der Lockdown-Zeit weniger an durch Luftverschmutzung bedingten Krankheiten gestorben sind. Wenn das also sonst im Schnitt gut 6600 im Monat sind und sich dieser Wert nun halbiert hätte (einfach mal ins Blaue hinein geschätzt), dann wären das immerhin 3300 Menschen pro Monat, die unter normalen, Nicht-Lockdown-Verhältnissen gestorben wären. Also in diesem Fall ein Negativwert für die Übersterblichkeit.

Tote durch multiresistente Keime

Multiresistente Keime sind ein sehr großes Problem in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Zahlen, wie viele Menschen hieran jedes Jahr sterben, schwanken von Quelle zu Quelle, aber man kann wohl von einer fünfstelligen Zahl von Opfern ausgehen.

Ein Hauptgrund für die Verbreitung dieser Keime ist mangelhafte Hygiene, häufig aufgrund von zu wenig Pflegepersonal. Andere Länder, in denen weniger Patienten auf eine Pflegekraft kommen, kennen das Problem nämlich nicht oder zumindest nicht in dem Ausmaß, wie das in Deutschland der Fall ist. Nun sind ja im Zuge der Corona-Pandemie die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen massiv verstärkt worden, sodass ich mir vorstellen kann, dass auch die Ansteckung mit solchen multiresistenten Keimen deutlich zurückgegangen sein dürften. Was noch hinzukommt: Viele nicht lebensnotwendige Operationen wurden aufgeschoben, sodass generell weniger Patienten in den Krankenhäusern waren. Auch hier könnte sich also eine vierstellige Anzahl von Menschen pro Monat ergeben, die nun aufgrund der coronabedingten Ausnahmesituation noch am Leben sind – was auch wieder ein Negativwert für die Übersterblichkeit wäre.

Verkehrstote

Jedes Jahr sterben in Deutschland über 3000 Menschen im Straßenverkehr. Wenn ich mir nun anschaue, wie leer die Straßen wochenlang in der Zeit des Lockdowns waren, dann kann ich mir gut vorstellen, dass auch wesentlich weniger Menschen durch Verkehrsunfälle umgekommen sein könnten, als dies unter „normalen“ Bedingungen der Fall gewesen wäre. Noch ein Negativwert für die Übersterblichkeit.

 

Das sind jetzt nur drei Beispiel, die mir recht zügig eingefallen sind und die zeigen, dass so ein Lockdown eben auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit und damit auch auf eine niedrigere Übersterblichkeit haben kann. Und da gibt es ja noch zahlreiche weitere Faktoren, die aus der Ausnahmesituation der letzten Wochen resultieren und Einfluss auf die Gesundheit von Menschen haben, und das im positiven wie im negativen Sinn: Viele arbeiteten weniger, was das Risiko von stressbedingten Erkrankungen und Arbeitsunfällen reduziert haben dürfte, dafür schätze ich mal, dass, einhergehend mit Existenzängsten aufgrund von gesunkenem oder wegfallendem Einkommen, Depressionserkrankungen an Häufigkeit zugenommen haben könnten. Wobei: soziophobe Depressionen könnten dann auch wieder weniger aufgetreten sein in Lockdown-Zeiten. Ist also alles nicht so ganz einfach …

Vergleich mit Schweden

Da Schweden sich für einen komplett anderen Weg im Umgang mit der Corona-Pandemie entschlossen hat, wird hier immer wieder gern der Vergleich der Übersterblichkeit bemüht. Wenn ich mir nun die oben genannten Beispiele vornehme, dann sehe ich aber einige gravierende Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland: Als weniger verstädtertes Land dürfte Schweden deutlich weniger Menschen haben, die aufgrund von Luftverschmutzung sterben, multiresistente Keime sind im schwedischen Gesundheitssystem kein Thema, und auch die Verkehrsdichte ist in dem eher ländlich strukturierten Schweden bei Weitem nicht so hoch wie in Deutschland, sodass die Zahl der Verkehrstoten dort auch deutlich niedriger ist als bei uns.

Die oben geschilderten „positiven“ Effekte auf die Sterblichkeit aufgrund der Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung dürften somit in Schweden deutlich weniger zum Tragen kommen als in Deutschland. Was einen Vergleich der Übersterblichkeit in beiden Ländern schon mal unpräzise macht.

Ich hab da jetzt auch keine genauen Zahlen für diese einzelnen Bereiche parat, und die sind so ohne Weiteres auch nicht mal eben im Internet zu finde, allerdings frage ich mich schon, warum generell noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Einflussfaktoren auf die Übersterblichkeit zumindest zu erwägen. Das wäre doch eigentlich eine Aufgabe von Journalisten. Oder ist die „Schere im Kopf“ da mittlerweile schon so verankert, dass man sich lieber nicht damit beschäftigen möchte, einen solchen zurzeit oft offiziell bemühten Begriff zu hinterfragen, da man sonst ja mit Schwurbelkumpanen à la Ken Jebsen in einen Topf geschmissen werden könnte? Das wäre dann allerdings ausgesprochen bedenklich – und würde zudem bestätigen, was ich neulich schon mal in einem Artikel über die Verbreiter von abstrusen Verschwörungsmythen und deren Nützlichkeit für die Diskreditierung von kritischen Stimmen schrieb.

Fazit

Solange nicht die Vorgehensweise bei den Tests vereinheitlicht wurde und Faktoren berücksichtigt werden, welche die Sterblichkeit aufgrund von Lockdown-Maßnahmen und anderen Änderungen der Lebensumstände im Zuge der Pandemiebekämpfung verändern, kann es keinen aussagekräftigen Vergleich zwischen unterschiedlichen Ländern geben bezüglich des Erfolges der Corona-Eindämmungsstrategie.

Allerdings ist die Erzählung, wie super die Bundesregierung das nun in der Corona-Krise alles gemacht hat, natürlich auch zu schön (und bedient zugleich noch den leider immer noch weit verbreiteten deutschen Chauvinismus, alles besser zu können als andere), als dass sie vielleicht durch solche Überlegungen gestört werden könnte …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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