Es gibt solche Tote und solche Tote, Teil 2

Vor ein paar Wochen schrieb ich ja schon mal einen Artikel mit dem Titel „Es gibt solche Tote und solche Tote“, und es scheint mir gerade angebracht, hierzu noch ein paar weitergehende Gedanken zu formulieren.

Zurzeit wird ja immer wieder sehr prominent darüber berichtet, wie viele Menschen gerade an Covid-19 verstorben sind. Auch wenn bei diesen Zahlen nicht unbedingt wissenschaftlich korrekt, um nicht zu sagen manipulativ vorgegangen wird (s. dazu die sehr lesenswerte Analyse von Christof Kuhbandner auf Telepolis), sodass die Werte stets ein Stück weit zu hoch sein dürften, ist das natürlich eine Zahl von Interesse, da das Thema Corona nach wie vor unser Leben bestimmt.

Allerdings frage ich mich dann doch, warum mit einer großen Selbstverständlichkeit eigentlich nie über andere Verstorbene berichtet wird. Dann wäre es nämlich sinnvoll, wenn die Nachrichtensendungen folgendermaßen beginnen würden:

„Guten Abend, meine Damen und Herren. In den letzte 24 Stunden sind 500 Menschen in Deutschland an Covid-19 verstroben. An Krebs starben im gleichen Zeitraum 634 Menschen (s. hier), der Luftverschmutzung fielen 340 Menschen zum Opfer (s. hier), 41 Menschen erlagen multiresistenten Keimen (s. hier), und acht Personen kamen bei Verkehrsunfällen ums Leben (s. hier).“

Nur wird das eben nicht gemacht …

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht mir dabei nun natürlich nicht darum, Covid-19 zu verharmlosen, sondern nur in Relation zu setzen und den Menschen zu zeigen: Schaut mal, es wird auch noch wegen anderer Sachen gestorben. Und dagegen könnten wir auch zu einem Großteil was machen, um die Opferzahlen zu verringern. Denn das wäre bei den aufgeführten Todesursachen sehr wohl möglich, nur wird da sogar noch vonseiten der Politik kontraproduktiv agiert. Klingt absurd, wo doch gerade unsere Regierung uns seit der Pandemie immer wieder versichert, wie wichtig ihr die Gesundheit der Menschen wäre? Werfen wir doch mal einen etwas genaueren Blick darauf:

Krebs

Krebs ist eine Erkrankung, die unterschiedliche Ursachen haben kann: genetische Vorbelastung beispielsweise, aber eben auch Umwelteinflüsse. Auch wenn von einer hundertprozentig stringenten Kausalität nur selten ausgegangen werden kann, so sind doch bestimmte Zusammenhänge klar: Hohe Radioaktivität verursacht Krebs und Rauchen begünstigt Lungenkrebs – das sind zwei Aussagen, mit denen man sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnt. Und dann gibt es eben auch noch Dinge wie Pestizide (Glyphosat als bekanntestes Beispiel), Umweltgifte, Feinstaub, Mikroplastik, die alle zumindest im nicht unbegründeten Verdacht stehen, Krebs zu verursachen oder zumindest zu begünstigen.

Da sollte man doch meinen, dass eine verantwortungsvolle Politik ein Interesse daran hätte, die Risikofaktoren für die Todesursache Nummer zwei in Deutschland (nach den Herz-Kreinslauf-Erkrankungen) zumindest deutlich zu minimieren. Na ja, ist leider nicht so, denn wirtschaftliche Interessen wiegen da dann eben deutlich schwerer. So darf nach wie vor Glyphosat verwendet werden, AKWs stehen auch noch rum und produzieren hochradioaktiven Müll, Mikroplastik wurde ebenfalls noch nicht verboten, genauso wie viele andere Stoffe (zum Beispiel Weichmacher in Plastik), die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein.

Na ja, und zum Feinstaub braucht man eigentlich nichts zu sagen, auch wenn der neben Krebs auch noch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegserkrankungen (Todesursache Nummer drei in Deutschland) verantwortlich ist. Aber da sind eben die Autoindustrie und die Energiekonzerne wichtiger als die Gesundheit der Menschen.

Krebs wird man (zumindest nach heutigem Forschungsstand) nicht aus der Welt schaffen können, allerdings könnten die Erkrankungsrisiken durch politische Entscheidungen schon deutlich verringert werden.

Nur wird das eben nicht gemacht …

Luftverschmutzung

Dazu hab ich ja bereits im oben bereits verlinkten Artikel von Anfang November schon einiges geschrieben (und auch die mittlerweile übliche tägliche Meldung von Opferzahlen in den Nachrichtensendungen dort vorausgenommen – nur dass ich eben Tote wegen schlechter Luft und nicht wegen Covid-19 meinte).

Und noch eindeutiger als beim Krebs gehen die aufgrund von Luftverschmutzung Verstorbenen aufs Konto der Regierungspolitik: Wir haben nach wie vor Kohlekrafwerke und verfeuern selbst die richtig fies schmutzige Braunkohle im ganz großen Stil, die Autos werden immer größer und sind damit deutlich spritfressender als nötig, und selbst wenn die Autoindustrie bei ihren Angaben hierzu bescheißt, passiert nichts. Eine Verkehrswende weg vom motorisierten Individualverkehr ist nicht in Sicht, sondern es werden stattdessen immer noch mehr Autobahnen gebaut, teilweise mitten durch intakte Waldgebiete (wie gerade in Hessen im Dannenröder Forst), Kreuzfahrten boomen, anstatt dass die verboten werden, Flugbenzin wird nach wie vor subventioniert, und die Energiewende wurde in den letzten Jahren massiv ausgebremst und politisch torpediert.

Die Zahl derjenigen, die aufgrund von schlechter Luft verstorben sind, hätte in den letzten Jahren durch mutige und vorwärtsgewandte politische Entscheidungen durchaus deutlich verkleinert werden können, und das wäre auch mit geringeren Grundrechtseinschränkungen möglich gewesen, als wir sie zurzeit im Zuge der Corona-Pandemie erleben.

Nur wird das eben nicht gemacht …

Multiresistente Keime

Die sogenannten Krankenhauskeime haben sich in den letzten Jahren massiv verbreitet in Deutschland, während man diese in anderen Ländern wie beispielsweise Schweden oder den Niederlanden so gut wie gar nicht kennt. Was vor allem daran liegt, dass es dort wesentlich weniger Patienten auf jede Pflegekraft kommen. Klar, je mehr die Pflegekräfte zu tun haben, desto weniger Zeit bleibt für solche wichtigen Sachen wie Hygienemaßnahmen.

Und die Überlastung des deutschen Pflegepersonals ist ja nun nicht erst seit Corona bekannt (und wurde vonseiten der Politik sträflich ignoriert, womit wir wieder bei deren Verantwortung für diese Todesursache sind).

Aber in privatisierten Krankenhäusern und auf Rendite getrimmten Altenpflegeeinrichtungen (alles auf politischen Entscheidungen basierend) sind nun mal die Profite wichtiger als die Patienten oder die Angestellten.

Ein weiterer Grund für die Ausbreitung dieser Keime: die industrialisierte Massentierhaltung. Dort werden nämlich wie blöde Antibiotika verabreicht, da die Tiere unter krank machenden Bedingungen gehalten werden. Teilweise kommen da sogar in den Mastbetrieben Reserveantibiotika zum Einsatz, die eigentlich dafür gedacht sind, beim Menschen verwendet zu werden, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken, da die Bakterien Resistenzen dagegen entwickelt haben. Damit sollte man also eher sehr vorsichtig umgehen und es nicht zur Profitsteigerung einer zudem auf Tierleid basierenden und schon lange pervertierten Industrie verwenden.

Massentierhaltung könnte man also verbieten und Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wieder in die öffentlich Hand überführen, zudem noch die Arbeitsbedingungen für die dort Beschäftigten verbessern, wenn man der weiteren Ausbreitung von multiresistenten Keimen entgegenwirken möchte.

Nur wird das eben nicht gemacht …

Verkehrstote

Das ist nun ein im Verhältnis zu den anderen Todesursachen relativ kleiner „Posten“, und auch wenn die Zahlen in den letzten Jahren wieder etwas gesunken sind, so sterben doch jedes Jahr etwa 4000 Menschen in Deutschland aufgrund von Verkehrsunfällen.

Einige davon sind sicherlich nicht oder nur schwer vermeidbar, denn wo viele Menschen unterwegs sind, geschehen auch Fehler, die dann unter Umständen tödliche Konsequenzen haben können. Allerdings ist die deutsche Politik schon seit Jahrzehnten ein Dienstleister der Autoindustrie, und die zeichnet sich vor allem durch hochmotorisierte große Fahrzeuge aus.

Denn auch die Zahl der Verkehrsopfer ließe such durch politische Maßnahmen reduzieren. Zum Beispiel durch ein Tempolimit auf Autobahnen. Oder durch autofreie Innenstädte. Oder durch bessere Angebote öffentlicher Verkehrsmittel (denn die meisten Verkehrstoten gehen auf das Konto vom Auto). Und das käme dann auch noch der Umwelt, dem Klima und zudem der Luftqualität (siehen oben) zugute.

Nur wird das eben nicht gemacht …

 

Jetzt könnte ich noch weitere Dinge anführen, an denen Menschen erkranken und sterben und die politisch nicht angegangen werden, da sich die Politik hier lieber von Lobbyisten anleiten lässt als im Interesse der Bevölkerung zu handeln. Diabetes zum Beispiel (siehe dazu die hervorragende arte-Dokumentation „Dick, dicker, fettes Geld“) oder auch Alkoholmissbrauch oder Tabakkonsum.

Der Unterschied zu Covid-19 ist nun nicht nur, dass wir die Zahl der Corona-Toten ständig präsentiert bekommen, sondern dass dagegen auch reichlich Maßnahmen ergriffen werden, bis hin zu massiven Grundrechtseinschränungen, gegen die anderen Todesursachen hingegen nicht, sondern die werden sogar noch, wie eben aufgezeigt, forciert.

Was dazukommt: Die aktuellen Maßnahmen gegen Covid-19 sind ja nun auch alles andere als zielführend. Man hätte sich ja nun mehr als ein halbes Jahr lang ein Konzept überlegen können, weil es eben nicht überraschend ist, dass eine Atemwegserkrankung im Herbst wieder stärker auftreten wird (Leute sind überwiegend drinnen, es ist kälter usw. – nicht umsonst treten andere durch Corona-Viren verursachte Infekte ja auch vorwiegend im Herbst und Winter auf). Man hätte beispielsweise Entlüftungsanlagen in Schulen installieren und mehr öffentliche Verkehrsmittel bereitstellen können. Oder Einkaufen in Supermärkten anders regeln können, zum Beispiel derart, dass nur eine Person pro Haushalt und nicht die ganze Familie inklusive kleiner Kinder (oft genug ohne Schutzmasken) in vollgestopfte Supermärkten geht – und für Alleinerziehende, die ihre kleinen Kinder nicht allein zu Hause lassen können, hätte man Einkaufshilfen organisieren können.

Auch dass hier in Rendburg (wo ich wohne) ein Corona-Hotspot gerade eine Flüchtlingsunterkunft ist, spricht nicht für ein durchdachtes konzeptionelles Handeln der Politik, denn das derartige Unterkünfte aufgrund der räumlichen Enge bestens dazu geeignet sind, dass sich das Virus dort verbreiten kann, wurde ja schon zu Beginn der Pandemie kritisch angemerkt. Geschehen ist dennoch nichts – genauso wie bei den Schlachthöfen, wo ja auch wenig überraschend haufenweise Angestellte an Covid-19 erkrankt sind vor einigen Monaten.

Wenn man dann noch bedenkt, dass das „Krisenmangement“ durch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von Anfang an nicht dazu geeignet war, eine Ausbreitung der Pandemie im Land möglichst zu verhindern oder kleinzuhalten (s. hier), dann stellt sich eigentlich nur noch die Frage, ob das wirklich nur Dummheit und Fahrlässigkeit oder nicht eventuell sogar mutwillige Absicht war (was ich vermute), um diese Pandemie sozusagen als „Glücksfall“ zu nutzen, mit dessen Hilfe die eigene Agenda prima vorangebracht werden kann.

Und dann wird auch klar, warum die Covid-19-Toten so präsent sind und die anderen Toten einfach unter den Tisch fallen. Denn sonst könnte man ja auch Maßnahmen zur Reduzierung dieser Opferzahlen einfordern. Und es wird auch klar, warum die bisherigen Maßnahmen so wenig erfolgreich waren, denn andere Länder haben die Pandemie ja durchaus besser in den Griff bekommen, Vietnam zum Beispiel (s. hier) oder auch Neuseeland.

Der Infektionloge Jeremy Farrar hat dazu in einem Interview auf Zeit Online etwas Interessantes gesagt:

Ob ein Land es schafft, hängt, wie gesagt, auch davon ab, was es in den Jahren vor der Pandemie gemacht hat. Entscheidend sind dabei nicht nur Investitionen in Infrastruktur und das Gesundheitssystem. Es geht auch um das Vertrauen der Gesellschaft in die Botschaften und diejenigen, die diese Botschaften in einer Gesundheitskrise überbringen. Die Premierministerin von Neuseeland wurde schon vor der Krise enorm respektiert und sie hat während der Krise hervorragend gehandelt. In Norwegen gibt es einen sehr starken sozialen Zusammenhalt. Ob es Vertrauen zwischen Regierung und Regierten gibt, macht einen großen Unterschied.

Das Heruterwirtschaften des Gesundheitswesens hab ich ja oben schon in Bezug auf die multiresistenten Keime angesprochen, und das fällt uns nun schon ziemlich auf die Füße (wenngleich nicht so schlimm wie in anderen Ländern, in denen im Zuge der Finanzkrise von 2008 auch auf Betreiben des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble im Zuge der verordneten „Sparmaßnahmen“ die Gesundheitsinfrastruktur noch deutlich mehr ramponiert wurde).

Und wie sieht es mit dem Vertrauen in die Regierung aus?

Nun, dass viele Bürger einer Regierung nicht vertrauen, in welcher der Verkehrsminister folgenlos Hunderte von Millionen Euro öffentlicher Gelder verschleudert und dabei noch das Parlament anlügt, der Finanzminister mit Cum-Ex-Verbrechern kungelt, die Landwirtschaftsministerin Werbung für Nestlé macht und die Interessen der Lebensmittelindustrie stets höher bewertet als die von Verbrauchern und Tieren und die Kanzlerin selbst für das fragwürdige Unternehmen Wirecard in China Lobbyismus betreibt (und diesbezüglich dann auch noch das Parlament anlügt), ist nun kein Wunder, oder? Und die Liste der wenig vertrauensbildenden Maßnahmen von Regierungspolitikern könnte ja noch reichlich fortgesetzt werden.

Die neoliberale Politik schaffte also in den letzten Jahrzehnten einen Rahmen, der den (im Sinne der Bürger) erfolgreichen Umgang mit einer Pandemie erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Und statt dennoch zu versuchen, den Schaden für die Allgemeinheit so gering wie möglich zu halten, habe ich den Eindruck, dass vor allem Ängste geschürt werden sollen, denn das Regieren durch Angst ist ja ein leider oft erfolgreiches politisches Konzept. Dazu gehört dann auch die Fixierung auf Opferzahlen, zumal auf solche Opfer, die nur wenige mit dem eigenen politischen Handeln in Verbindung bringen.

Es würde mich nicht wundern, wenn bei dieser „Erfolgsgeschichte“ im Sinne der neoliberalen Politiker und ihrer Klientel nicht schon nach einer „Fortsetzung“ gesucht wird …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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