Es gibt solche Tote und solche Tote

400.000 Tote in Europa. Was für eine Zahl! Nein, das sind nicht die bisher an Covid-19 Verstorbenen, bei denen dürfte man ungefähr „nur“ bei der Hälfte liegen (s. hier). Was auch schon schlimm genug ist – davon mal abgesehen. Aber bei den 400.000 Toten in Europa handelt es sich um Menschen, die aufgrund von Luftverschmutzung gestorben sind. Pro Jahr. Warum hört man davon eigentlich so gut wie nichts?

Was wäre also los, wenn nun jeden Tag berichtet würde, wie viele Menschen auf Intensivstationen lägen oder gestorben sind aufgrund von Luftverschmutzung? Das sind ja immerhin Angaben, die wir zurzeit auf allen Kanälen präsentiert bekommen, wenn es um Covid-19-Patienten geht.

Damit will ich nun keinesfalls die Gefahr durch die aktuelle Corona-Pandemie herunterspielen. Wenn jedoch die Wahrscheinlichkeit, an schlechter Luft zu sterben, in Europa zurzeit etwa doppelt so hoch ist wie die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, dann sollte so was doch schon mal eine Meldung wert sein, finde ich.

Und dabei möchte ich jetzt die durchaus perfide Tatsache, dass Luftverschmutzung offensichtlich zu schweren Covid-19-Verläufen beiträgt (s. hier), sogar noch mal außen vor lassen.

Doch es geht nicht nur um die öffentliche Wahrnehmung, sondern auch um die Frage: Warum wird wegen der einen Toten massiv Demokratieabbau betrieben, werden Existenzen gefährdet und Grundrechte eingeschränkt, während die anderen einfach so hingenommen werden?

Kleiner Einwurf zwischendurch, um dem potenziellen Vorwurf, hier nun Bodycount betreiben zu wollen, entgegenzuwirken: Wenn es um den Vergleich von Maßnahmen zur Vermeidung von Todesopfern geht, dann spielt deren Anzahl natürlich schon eine Rolle, wenn man das in Relation setzen möchte. Hier soll – und das muss man ja zurzeit immer wieder betonen – keine Verharmlosung oder Relativierung der aktuellen Corona-Pandemie stattfinden, sondern einfach nur der Frage nachgegangen werden, warum zur Vermeidung der einen Todesopfer ziemlich großer Aufwand betrieben wird, während die anderen noch nicht einmal besonders präsent in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Warum ist das also so?

Nun, ich schätze mal deswegen: Die an Luftverschmutzung Gestorbenen sind Opfer unseres Wirtschaftssystems, die also quasi auf dem heiligen Altar des Markes dargeboten werden. Denn schließlich ist ja die Regierungspolitik nicht nur nicht bemüht, die Luftverschmutzung zu reduzieren und damit diese Totenzahlen zu senken, sondern sie unterstützt und protegiert auch extra noch die Industriezweige, die dafür verantwortlich sind: die Autoindustrie, Luftlinien, Kohlekraftwerke …

Bei Luftverschmutzung ist der Zusammenhang zu politischem (Nicht-)Handeln also offensichtlicher als bei der Corona-Pandemie, auch weil das Thema Luftverschmutzung medial präsenter ist (beispielsweise dank der DUH) als das Artensterben (was eine der zentralen Ursachen für die aktuelle und wohl für zukünftige Pandemien ist, s. dazu hier). Die Ursache für Corona kann somit besser extrernalisiert werden, man kann dann ausschließlich mit Maßnahmen operieren zur Symptombekämpfung, während bei der Luftverschmutzung eben gleich Forderungen im Raum stünden, an die Ursachen ranzugehen. Und das will man politisch nicht, zumindest nicht vonseiten der Regierungsparteien (und auch der neoliberalen Oppositionsparteien).

Dabei ist es ja keine ganz neue Erkenntnis, dass schlechte Luft ungesund ist, man hätte also schon seit vielen Jahren hier etwas dagegen machen können. Hat man aber nicht, und das ganz bewusst, sodass es politisch nicht gern gesehen würde, wenn man die desaströsen Auswirkungen dieses Unterlassens nun auch noch in knallharten Zahlen den Menschen vor Augen führen würde. Zum Beispiel jeden Abend in der Tagesschau: „Heute sind wieder 1100 Menschen in Europa aufgrund der Luftverschmutzung gestorben. Bleiben Sie aufgrund der Wetterlage in diesen und jenen Regionen also besser im Haus.“ Da wäre was los …

Oder andersrum formuliert: Es scheint politisch so gewollt oder zumindest akzeptabel zu sein, dass Hunderttausende Menschen jedes Jahr in Europa sterben, weil man keine wirklich durchgreifenden Änderungen in der Verkehrs-, Energie- und Wirtschaftspolitik umsetzen möchte. Diese würden nämlich die Geschäftsmodelle der Konzerne gefährden, die allzu gern Politikern von Regierungsparteien während oder nach ihrer Abgeordnetentätigkeit lukrative Posten, beispielsweise als Berater oder in Aufsichtsräten, offerieren.

Interessanterweise wird dann immer wieder gern von einer sogenannten Ökodiktatur gesprochen, wenn mal jemand einschneidende Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität (was meistens auch dem Klima sehr zugutekäme) fordert. Und zwar genau von denjenigen, die nun tatsächlich auf wenig demokratische Weise Grundrechte beschneiden, wenn es um Covid-19 geht (s. dazu hier), bzw. diese Maßnahmen vehement verteidigen.

Das nenne ich zumindest mal Doppelmoral par excellence. Wie glaubwürdig ist also eine Politik, die vorgibt, mit teils drakonischen (und oft auch recht willkürlichen) Maßnahmen Menschenleben retten zu wollen, wenn diese Politik andererseits seit Jahren für den Tod von wesentlich mehr Menschen verantwortlich ist? Warum sind die an Covid-19 Erkrankten es also wert, gerettet zu werden, während man die wegen der Luftverschmutzung Erkrankten verrecken lässt?

Die Antwort liegt dabei im Grunde auf der Hand: Es geht bei diesen ganzen Maßnahmen nicht um die Menschen und den Schutz von deren Gesundheit (s. auch hier), sondern in beiden Fällen um knallharte politische Interessen im Sinne der eigenen neoliberalen Agenda. Denn das ist der gemeinsame Nenner: Sowohl von den Corona-Maßnahmen als auch von der Luftverschmutzung profitieren letztlich die gleichen (zumeist sehr vermögenden) Menschen und Konzerne.

Wenn hinter zwei sich auf den ersten Blick widersprechenden Aspekten eines Handelns eine gemeinsame Motivation zu entdecken ist, dann scheint es wohl diese zu sein, die den hauptsächlichen Handlungsimpuls ausmacht. Und so folgt scheinbar Widersprüchliches dann auf einmal einem stringenten Muster, nämlich der neoliberalen Agenda der Umverteilung von öffentlichen Geldern hin zu privaten Vermögen.

Dass dabei Menschen auf der Strecken bleiben, verarmen und sogar sterben, wird nicht nur hingenommen, sondern sogar bewusst einkalkuliert.

Der Neoliberalismus und seine Protagonisten demaskieren sich immer mehr. Doch solange die Bevölkerung erfolgreich in Angst versetzt wird, bemerken das nur relativ wenige.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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