Björn Höcke von der AfD hat mal wieder etwas rausgehauen in einem Podcast mit der rechtsradikalen Schweizer Weltwoche: Neben dem üblichen Faschistengeschwätz sorgte diesmal vor allem die Aussage für große mediale Aufregung, dass angeblich alle Westdeutschen gar keine richtigen Deutschen seien.
Das klingt nicht nur absurd, sondern ist es auch, wenn Höcke, der selbst in Westfalen geboren wurde und bis 2014 als Lehrer in Hessen arbeitete, seine Statement damit begründet, dass die Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von USA usurpiert worden sein sollen und somit eher „Deutsch sprechende Amerikaner“ (s. hier) seien. Ist ja nun nicht so, dass es nicht auch in Westdeutschland Rechtsradikale und sogar eine Menge Nazis in teilweise hohen administrativen Positionen gegeben hätte (man denke nur an Hans Globke als ein Beispiel von viel zu vielen). Und diese haben ihr ideologisches Erbe durchaus auch aufrechterhalten und weiterzugeben verstanden, was man daran sieht, dass in Polizei, Militär, Geheimdiensten und auch Justiz rechtsradikale Seilschaften nach wie vor verbreitet sind.
Und so wird Höcke dann auch als Reaktion auf seine Aussage Doppelmoral, fehlende Stringenz oder einfach nur mangelnde Logik vorgeworfen. Was ja alles nichts Neues ist, wenn AfDler sich zu Wort melden. Und was vor allem auch nie ein Problem für deren Wähler ist, denn diese sind mittlerweile so weitgehend entrationalisiert, dass sie alles gutheißen, was ein Blaubrauner äußert, selbst wenn das Gesagte offensichtlich nicht den Tatsachen entspricht oder sogar im Widerspruch zu vorher getätigten Aussagen steht.
Das dürfte auch Höcke klar sein, genauso wie er die Reaktionen auf seine Aussage wohl vorhersehen konnte. Also nichts weiter als „business as usual“? Nicht ganz, wie ich finde, denn ich meine, da noch einen weiteren Aspekt entdeckt zu haben.
In diesem Jahr finden in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt noch Landtagswahlen statt, und in beiden Ländern könnte die AfD stärkste Fraktion werden, in Sachsen-Anhalt scheint zuweilen sogar eine absolute Mehrheit möglich. Und da beide Bundesländer im Osten der Republik liegen, betreibt Höcke hier m. E. in erster Linie Wahlkampf in typischer Faschistenmanier.
Faschisten bieten nämlich nie tragfähige Lösungen an, sondern generieren Zustimmung immer darüber, dass Feindbilder geschaffen und „andere“ ausgegrenzt werden. Das können natürlich immer Menschen aus anderen Ländern, mit anderen Religion oder anderen sexuellen Präferenzen sein, und das kennt man ja auch schon zur Genüge vonseiten der AfD (sowie zunehmend auch von CDU/CSU). Die eigene Klientel soll sich so als etwas Besseres fühlen, allerdings ist das trügerisch, denn nur weil es jemand anderem schlechter geht, geht es mir selbst ja lange noch nicht besser. Auf diese Weise soll jedoch verschleiert werden, dass Faschisten den Menschen an sich gar nichts Gutes wollen, indem deren Blick stets auf „die anderen“ gelenkt wird, die eben weniger wert seien. Das findet natürlich auf einer reinen Gefühlsebene statt, denn mit tatsächlichen Verbesserungen hat das alles nichts zu tun. Aber AfD-Politiker sprechen ihre Fans ja ohnehin fast ausschließlich auf einer emotionalen Ebene an.
Auch hier findet sich also wieder das Muster der Entrationalisierung, welches sich darin zeigt, dass solche Feindbilder kritiklos und mit nahezu blindem Gehorsam angenommen werden.
Und so zielt Höcke m. E. darauf ab, die Wähler in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gegen „die Undeutschen im Westen“ aufzuwiegeln. Die werden dann natürlich schnell von vielen mit „den Altparteien“ gleichgesetzt, die haben ja schließlich auch jahrelang im Westen des Landes ihr Unwesen getrieben. Passend dazu, haben ja auch viele AfD-Jünger ein ziemliches Faible für die sogenannte Ostalgie, was beispielsweise dann deutlich wird, wenn man sich mal deren Social-Media-Profile anschaut.
Daher wäre es wohl auch sinnvoll, diesen Aspekt zu thematisieren und nicht nur auf den tatsächlichen Inhalt von Höckes Unfug abzustellen. Leider bleiben die meisten Medien und Kommentatoren jedoch genau dabei hängen – und spielen so (bei vielen vermutlich unbewusst) genau das Spiel mit, das Höcke beabsichtigt hat, indem sie dessen Aussagen weitere Verbreitung verschaffen.
Ich wäre also nicht sonderlich erstaunt, wenn auf dieses höckesche Motiv im Wahlkampf in den nächsten Wochen öfter mal Bezug genommen wird, wenn es darum geht, eine Die-oder-wir-Erzählung zu konstruieren. Schließlich könnte die AfD ja nur bei einer absoluten Mehrheit davon ausgehen, auch tatsächlich an die Regierung eines der beiden Länder zu kommen. Zwar hat sich die CDU den Blaubraunen in den letzten Jahren – und insbesondere während der Merz-Kanzlerschaft – zunehmend angenähert, aber so ganz drauf verlassen, dass die Union den Juniorpartner geben würde, kann man sich eben doch noch nicht.
Apropos Union: Die bereits angesprochene Entrationalisierung, die ja für die Möglichkeit einer derartigen Wählermanipulation ursächlich ist, wurde leider nicht nur von der AfD vorangetrieben, sondern auch von der CDU/CSU. Dort hat man sich ja mittlerweile auch darauf verlegt, dreiste Lügen zu verbreiten, und auch wenn diese knallhart widerlegt werden können (so beispielsweise die Aussagen von Generalsekretär Carsten Linnemann, dass die „Brandmauer“ eine Idee von links gewesen wäre, oder von Friedrich Merz auf dem Katholikentag, dass weder er noch sonst jemand aus seiner Partei die arbeitenden Menschen hierzulande als faul bezeichnet hätte), so ändert das nicht viel an den Zustimmungswerten zur CDU. Hier wird also mittlerweile mit der gleichen Taktik gearbeitet wie bei der AfD.
Was dann wiederum auch dazu führen könnte, dass nach den beiden Landtagswahlen dann doch schwarz-blaue (oder eher blau-schwarze) Koalitionen zustande kommen könnten, denn entrationalisierte Anhänger interessiert eben auch nicht, dass sie noch kurze Zeit zuvor in „echte Deutsche“ und „nicht echte Deutsche“ aufgeteilt wurden.

