Situationen, die bestimmt jeder schon mal erlebt hat: Man ist verabredet, beispielsweise um 15 Uhr, und dann bekommt man um 14.50 Uhr eine Nachricht: „Sorry, ich schaff das nicht, ich komme eine Stunde später.“ Oder sogar: „Das wird bei mir heute nichts, ich schaff das nicht.“ Wenn man dann schon vor Ort oder auf dem Weg ist, dann ist das ausgesprochen ärgerlich.
Ich kenne das aus meiner Jugend (1980er-Jahre) noch komplett anders: Wenn man damals verabredet war, sah man zu, pünktlich dort zu sein. Klar, die Menschen waren ja auch nicht dauernd erreichbar, und wenn man sich dann irgendwo getroffen hat, wo kein Festnetz vorhanden war, dann wollte man seine Verabredung nicht einfach versetzen oder lange warten lassen. Das hat sich heutzutage natürlich geändert, denn heute sind Menschen eben immer und überall erreichbar über ihre Handys. Und man kann das eigene Gewissen ja auch beruhigen, wenn man eben schnell eine Nachricht schickt, dass man später oder gar nicht mehr kommt.
Die Ursache dafür ist also vor allem eine technische, wobei ich den Eindruck habe, dass sich auch – parallel dazu oder eventuell sogar befördert durch die technische Entwicklung – die Einstellung vieler Menschen zur Verbindlichkeit geändert hat.
Oft bekomme ich nämlich auch noch mal Bescheid gesagt vor einer festen Verabredung, die von meiner Seite aus steht, dass diese dann auch tatsächlich stattfindet. Wäre ja im Grunde gar nicht nötig, scheint aber einige Menschen doch hinreichend zu beruhigen, sich dann noch mal vorher zu vergewissern, dass das, was im Kalender steht, auch immer noch gültig ist von allen Seiten.
Und dann gibt es ja auch noch andere Arten von Verbindlichkeit, die heutzutage massiv gelitten haben, wie ich immer wieder erlebe. Wenn man vor 20 Jahren jemandem etwas auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, dann konnte man eigentlich davon ausgehen, dass sich derjenige, wenn er die Nachricht abgehört hat, auch melden würde. Heute passiert es mir immer wieder, dass ich Nachrichten auf Mailboxen hinterlasse und dann kein Rückruf erfolgt, auch wenn der explizit erbeten wurde.
Noch schlimmer ist das bei E-Mails. Das scheint für viele überhaupt kein verbindliches Medium mehr zu sein, sodass Anfragen darüber einfach komplett ignoriert werden.
Ich habe gerade ein Veranstaltungsmagazin für meine Heimatstadt Rendsburg erstellt, das über den Einzelhandel und Gastro vertrieben wird, kostenfrei für die Leser ist und sich durch Werbung finanzieren soll. Da musste ich dann leider feststellen, dass Rückmeldungen zu bestimmt 90 % nicht stattfinden – egal, ob ich nun persönlich vor Ort war, angerufen habe, eine E-Mail schickte, das Kontaktformular einer Website nutzte oder mich über Social Media gemeldet habe. Und dabei ist es auch egal, was ich von den Kontaktierten wollte, also ob ich die wegen einer Anzeige anfragte, wegen Terminen von deren Veranstaltungen oder wegen möglicher Kooperationen.
Man nennt dieses Verhalten auch Ghosting – schon bezeichnend, dass es bereits ein eigenes Wort dafür gibt. Ich finde, dass das ein Aspekt der Anti-Verbindlichkeit ist, die sich eben auch darin zeigt, Anfragen einfach zu ignorieren.
Woran kann das liegen? Ein Faktor, der dazu beiträgt, könnte m. E. die starke Zunahme von Messenger-Kommunikation sein. Dabei sieht man ja in der Regel, ob jemand anderes die eigene Nachricht schon gelesen hat oder nicht. Bei Nachrichten auf der Mailbox oder E-Mails besteht diese Kontrollfunktion nicht, da kann man erst mal drüber hinwegsehen und dann später behaupten, man habe das gar nicht mitbekommen. Zudem: Wenn man dann sich erst mal sagt: „Das schau ich mir später noch mal an!“, dann kann es gut passieren, dass man zwischenzeitlich so viel anderen Input hat, dass man schlichtweg vergisst, dass da noch eine andere Nachricht war, auf die man eigentlich antworten wollte.
Natürlich hat auch die Menge der Nachrichten und Informationen, die man bekommt, massiv zugenommen, sodass vieles vielleicht auch einfach untergeht. Andererseits: Ich kriege als Freiberufler seit 2002 auch eine Menge Mails oder andere Anfragen, und ich hab die jedes Mal beantwortet. Selbst wenn es irgendwas war wie: „Machen Sie auch Übersetzungen?“ Und ich dann denke: „Nein, ich bin Lektor, dass ich Übersetzungen machen würde, steht auch nicht auf meiner Website …“ Trotzdem kann ich ja mal eben schnell auf so eine Anfrage freundlich antworten, das dauert ja ohnehin nur ein paar Sekunden.
Aber das ist mittlerweile wohl vielen schon zu viel …
Insofern sehe ich das Ganze ein Stück weit als nicht nur technisches Phänomen, sondern auch als etwas, was dem zunehmend egozentrischen Zeitgeist entspricht. Oder eben auch ein kleines Zeichen der seit Jahren ausufernden Verrohung unserer Gesellschaft ist. Denn ein Desinteresse an den Anliegen anderer Menschen so offensichtlich an den Tag zu legen, ist ja nun auch nicht eben etwas, was man als solidarisch oder gar altruistisch bezeichnen kann.
Denn nichts anderes bedeutet es ja, wenn man anderen Menschen sehr kurzfristig absagt oder auf ihre Nachrichten einfach nicht reagiert: „Du bist mir egal!“
Und genau diese Aussage, die man übermittelt, wenn man Anti-Verbindlichkeit ausübt, sollte man vielleicht mit im Hinterkopf haben und sich überlegen: „Will ich denn wirklich, dass ich so rüberkomme …?“

