12 statt 2

In Industrieländern liegen die CO2-Emissionen bei etwa 12 Tonnen pro Kopf im Jahr, in Entwicklungsländern liegt dieser Wert nur bei etwa 1 bis 2 Tonnen pro Kopf und Jahr (diese und weiterführende Zahlen zum Klimawandel finden sich hier). Dieser Wert zeigt nicht nur an, wie viel wir zum Klimawandel beitragen, sondern ist auch ein Indikator dafür, wie viele Ressourcen wir für unseren Alltag in Anspruch nehmen. Der sogenannte Earth Overshoot Day, also der Tag, an dem die Menschen die Ressourcen, die sich erneuern würden, aufs Jahr gerechnet verbraucht haben, wird 2016 am 8. August sein – Tendenz stetig nach vorn rückend. Klingt alles erst mal vielleicht ein bisschen abstrakt, hat aber ganz konkrete Auswirkungen auf unser Leben, die Politik, die dies erforderlich macht, und damit auch auf unser Selbstverständnis als Weltbürger.

Eine Sache sollte uns dabei recht schnell klar sein: Wenn die sogenannten Entwicklungsländer auch auf unser Wohlstandslevel und damit auf unseren CO2-Ausstoß kommen würden, dann sähe es recht schnell sehr düster aus, und der Earth Overshoot Day wäre vermutlich bereit Anfang Januar – vom 2-Grad-Ziel bei der Begrenzung des Klimawandels, dass dann nicht mal ansatzweise mehr erreichbar sein dürfte, ganz zu schweigen. Wenn wir also nicht den Planten Erde, für den wir bisher ja immer noch keinen Ersatz gefunden haben, nicht vollkommen abrockern und unbewohnbar machen (was der weiteren Entwicklung unserer Spezis sehr abträglich sein dürfte), dann haben wir genau zwei Möglichkeiten: Entweder wir Industrieländer reduzieren unsere eigenen CO2-Emissionen und unseren Ressourcenverbrauch massiv oder wir müssen zusehen, dass die ärmeren Länder nicht dahinkommen, wo wir bereits sind.

Erstere Variante klingt erst mal recht selbstverständlich und auch logisch, doch muss man sich dabei vor Augen halten, was das tatsächlich bedeuten würde. Nur mal ein paar Beispiele, die mir gerade recht spontan einfallen, wie recht kurzfristig (denn allzu viel Zeit haben wir dafür blöderweise nicht mehr) unser CO2-Ausstoß gesenkt werden könnte. Zunächst nehme ich jetzt mal vor allem Dinge, die nicht nur viel Energie verbrauchen und CO2 produzieren, sondern die auch nicht wirklich lebensnotwendig sind, da sie eher der Unterhaltung und der Bequemlichkeit dienen.

Und da müsste einiges massiv eingeschränkt oder sogar komplett untersagt werden, wie zum Beispiel private Flugreisen (vielleicht für eine Übergangszeit erst mal ein Hin- und Rückflug pro Person pro Jahr),  Kreuzfahrtreisen (diese Schiffe sind richtig fiese Dreckschleudern), Großveranstaltungen mit hohem CO2-Ausstoß (Motorsport, Paraden mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor), genauso wie To-go-Produkte, Plastiktüten und (Plastik-)Verpackungen, wo dies möglich ist, zur Reduzierung des Verpackungsmülls.

Des Weiteren wäre ein Verbot der Neuzulassung von überdimensionierten und übermotorisierten Fahrzeugen (SUVs, Sportwagen usw.) sinnvoll, da diese nicht dem Transport von A nach B dienen, sondern eben dem reinen Spaßfahren. Mehr als 100 PS braucht wohl kaum ein Pkw, um dennoch flott unterwegs zu sein, oder?

Wichtig wäre zudem auch eine Reduzierung des Fleischkonsums, z. B. durch drastische Verteuerung von Fleischprodukten, aber auch durch Veggiedays, wie sie ja vor einiger Zeit schon mal von den Grünen vorgeschlagen (und dann gleich in der Presse niedergemacht) wurden. Gerade die Massentierhaltung für die industrielle Fleischproduktion ist ein erheblicher Faktor, der nicht nur über den CO2-, sondern auch den Methan-Ausstoß den Klimawandel beschleunigt. Und mittlerweile gibt es ja auch genug leckere vegetarische Produkte, sodass niemand hungern müsste, sondern eben nur der „Bock auf Fleisch“ ein Stück weit runtergeschraubt werden müsste.

Wo wir gerade beim Essen sind: Auch eine Verteuerung von nicht regionalen Produkten erscheint mir unabdingbar: Ein unterdurchschnittlicher Wein aus Chile kostet dann eben das Vielfache eines guten Weins aus Deutschland, weil Letzterer nicht um die halbe Welt gekarrt werden muss. Erdbeeren gibt es dann eben nur im Sommer und nicht da ganze Jahr über, das bringt dann sogar ein wenig Abwechslung in den Speiseplan, wenn man sich vorwiegend regional-saisonal ernährt.

Schließlich wäre da noch die Mode: Kleidung sollte nicht nur regional produziert werden, sondern auch möglichst langlebig sein. Kurzfristige Modetrends sind als schädlich zu benennen, weil dadurch enorm viel Kleidung produziert wird, die nur wenig getragen wird, aber natürlich trotzdem Ressourcen bei der Produktion verbraucht. Dann gibt es halt nicht jedes Jahr ein neues Outfit, sondern die Klamotten werden so lange getragen, bis sie kaputt sind.

Fazit: Wir müssen regionaler, nachhaltiger und vor allem weniger konsumieren. Blöderweise entspricht das nicht unserem Lebensstil und dem Zeitgeist, den ich schon mal vor einiger Zeit in einem Artikel hier auf unterströmt beschrieben habe. Insofern möchte ich fast wetten, dass allein schon bei der Vorstellung, dass diese Maßnahmen so umgesetzt würden, nicht nur Politiker und Medien das Klagelied der auf diese Weise verloren gehenden Arbeitsplätze und des rückläufigen Wachstums anstimmen würden, sondern dass auch die meisten Privatpersonen keine Lust hätten, sich in ihrer Spaßkultur so einschränken zu lassen.

Und dabei müsste dann natürlich zusätzlich auch bei der Alltagsgestaltung, die nicht nur mit Freizeit, Spaß und Genuss zu tun hat, etwas geändert werden. So wäre der Individualverkehr stark einzuschränken, wobei hier natürlich gleichzeitig noch den Mobilitätsanforderungen entsprochen werden müsste, indem dann parallel der ÖPNV oder andere, alternative Verkehrskonzepte ausgebaut werden sollten. Generell wäre es auch sinnvoll, die Alltagsmobilität zu verringern, indem beispielsweise die Menschen wieder vermehrt dort arbeiten, wo sie auch wohnen. Spätestens jetzt dürfte klar werden, dass dies massive Eingriffe in unsere Art zu leben bedeuten würde und dass vieles davon nicht im Rahmen des Neoliberalismus umzusetzen sein dürfte, da eben nicht der Markt, sondern eine regelnde öffentliche Hand vonnöten wäre, um derartige Prozesse zu initiieren.

Erneuerbare Energien so schnell wie möglich auszubauen, um auf fossile Brennstoffe verzichten zu können, und in der Wirtschaft vor allem Prinzipien wie der Sharing Economy oder Cradle to Cradle zentrale Bedeutung zukommen zu lassen wären weitere wichtige Eckpunkte, um tatsächlich unseren Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß zu reduzieren. Leider agiert unsere Politik gerade genau gegenteilig, indem beispielsweise der Ausbau der erneuerbaren Energien ausgebremst wird, um den vier großen Stromkonzernen gefällig zu sein. Letztlich müssten wir uns wohl auch von der „heiligen Kuh“ des Wachstumsdenkens verabschieden und Ideen der Degrowth-Bewegung umsetzen. Wenn man sich überlegt, wie sehr das Wachtumsmantra stetig wiederholt und somit auch in den Köpfen der Menschen verankert wurde, dann wird klar, dass das keine ganz leicht Aufgabe wäre …

Kann sich irgendjemand vorstellen, dass Politik, Wirtschaft, Medien und auch die meisten der Bürger derartige Umstrukturierungen befürworten würden? Ich hätte da so meine Zweifel …

Also bleibt nur die zweite Variante: Die Entwicklungsländer dürfen nicht dahinkommen, wo wir jetzt sind. Und da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, genau darauf hinzuwirken.

Zum einen über Handelsverträge und -abkommen, die dafür sorgen, dass in den ärmeren Ländern die traditionellen wirtschaftlichen Strukturen den Bach runtergehen. Viele Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas werden ja heute schon als reine Rohstoffquellen für unsere Industrie gesehen, indem z. B. durch Land Grabbing dafür gesorgt wird, dass vor allem Konzerne aus Industriestaaten Bodenschätze und Landwirtschaft gewinnbringend nutzen können und nicht die einheimischen Bauern. Super Sache, wer nichts zu fressen hat, kommt auch nicht auf dumme Gedanken, Konsumgüter haben zu wollen, die womöglich noch Strom benötigen. Praktischerweise kann man dann auch noch Rohstoffe von Regimes beziehen, die nicht nur ihre Bevölkerung in Minen und ähnlichen Abbaugebieten wie Sklaven halten, sondern die auch noch mit den so erzielten Gewinnen (Bürger-)Kriege führen – was eben meistens auch nicht gerade zu regionaler Wohlstandsmehrung führt. Na ja, und dann kann man solchen Despoten natürlich auch gleich noch ein paar Waffen verkaufen, die das Ganze noch ein bisschen mehr – im wahrsten Sinne des Wortes – befeuern.

Auch die Entwicklungshilfe wird so gestaltet, dass sie eher ein paar korrupten Eliten dient als dem Aufbau von Infrastruktur, die der Bevölkerung zugutekommt. Wenn diese dann beschließt, sich auf den Weg zu uns zu machen, da wir ihnen die Lebensgrundlagen versaut haben, dann sehen wir zu, dass möglichst viele von denen auf dem Weg hierher verrecken, zudem machen wir noch ein paar Deals mit Despoten, dass diese ihr Volk an der Flucht hindern, indem wir ihnen Geld und Know-how dafür zur Verfügung stellen (s. dazu diesen Bericht der ARD-Magazins Monitor).

Klingt zynisch? Gewiss, aber das ist die Politik, die unsere Regierung in unserem Namen betreibt – und die wir anscheinend gern in Kauf nehmen, damit nicht die zuvor geschilderten für uns unbequemen Änderungen unseres Lebensstils notwendig werden.

„12 statt 2“ kann man also als gängiges Prinzip unserer Wirtschafts-, Sicherheits-, Entwicklungshilfe- und auch Geopolitik bezeichnen. Wir verteidigen unsere 12 mit allen Mitteln, und diese sind nun einmal nicht besonders schön in ihren Auswirkungen. Nur weil wir andere mit (politischer und tatsächlicher) Gewalt daran hindern, ein besseres Leben zu führen, ist unser Wohlstand überhaupt noch möglich.

Das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn es mal wieder heißt, dass alle Welt ja angeblich auf Kosten von Deutschland leben würde …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

5 thoughts to “12 statt 2”

  1. Und die Waffen werden nicht nur verkauft, wir setzen sie auch gleich noch selbst ein, indem wir Tornados ins Kriegsgebiet der US-amerikanischen Streitkräfte schicken (um „gestochen scharfe Luftbilder“ zu machen, die natürlich nicht *zwinkerzwinker* für die strategische Planung des Kriegseinsatzes genutzt werden). Mal abgesehen von den Ressourcenkriegen gegen die Länder des Nahen Ostens, die durch unseren täglichen Ölkonsum am Laufen gehalten werden.

    Und neben der fehlgeleiteten Entwicklungshilfe werden dann auch brav Kredite zu mörderischen Zinsen mit noch mörderischeren Einsparungsprogrammen vergeben. Da macht man dann aus einem Industrieland ein Schwellenland, spart auch CO2.

  2. Es wird gerade immer offensichtlicher, wie unser eigener Wohlstand eben auch mit eindeutiger militärischer Gewalt verteidigt werden soll: Ein Spiegel-Artikel berichtet von den Plänen der EU-Kommission, Gelder, die eigentlich für Entwicklungshilfe gedacht sind, dazu zu benutzen, um das Militär in Krisenstaaten zu unterstützen, damit dies uns die Flüchtlinge besser vom Hals hält. Das ist zwar juristisch mehr als bedenklich, aber darum wird sich dann noch irgendwie gekümmert. Pervers …

  3. Wenn es nicht mit freiwilligem Konsumverzicht geht, weil der mündige Bürger eben nicht so mündig ist, dass er über seine eigenen kurzfristigen Bedürfnisse hinausdenkt, dann müssen eben ein paar Verbote her. Klingt erst mal recht ruppig, ergibt aber Sinn, wenn man sich einen Artikel von Sebastian Dalkowski in der Zeit zum Thema Konsumverhalten durchliest.

    Dabei erkennt er die gleich Notwendigkeit, dass unser Konsumverhalten sich ändern muss, wenn wir nicht zuerst weiter haufenweise Menschen im globalen Süden dafür draufgehen lassen und letztlich auch unsere eigene Lebensgrundlage zerstören wollen.

  4. In einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik benennen Markus Wissen und Ulrich Brand das im obigen Artikel geschilderte Verhalten recht deutlich als „imperiale Lebensweise“: Unerwünschtes und Ressourcenversorgung werden in ein Außen externalisiert, um den eigenen Lebensstandard aufrechterhalten zu können.

    Dabei ergeben sich natürlich immer größere Verwerfungen, da zunehmend mehr Staaten (China, Indien, Brasilien …), die vor einigen Jahren noch zum Außen für die Industriestaaten zählten, nun selbst externalisieren, sodass die verbleibenden Staaten immer weniger werden und mit immer mehr Externalisierungsansprüchen konfrontiert werden.

    Wissen und Brand zeigen deutlich auf, wie sehr diese Lebensweise im Kapitalismus impliziert ist und wie inadäquat zurzeit darauf in den meisten Industrieländern reagiert wird, sodass sich nicht nur Gefahren für die globale Umwelt, sondern auch für die Demokratie ergeben.

    Leider nur als Bezahlartikel, aber die zwei Euro sind gut investiert und lohnen sich in jedem Fall!

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