Konsum-Junkies

Vor einigen Monaten beschrieb ich hier auf unterströmt ja schon mal das Zeitgeistphänomen Konsumhektik, also das immer stärker werdenden Bedürfnis der Menschen, dauernd und möglichst schnell zu konsumieren. Dieser Artikel bezog sich vor allem auf die Quantität unseres Konsums, nun möchte ich auf die Qualität ein wenig näher eingehen, denn wenn man diese betrachtet, dann kommt man zu dem Schluss, dass die meisten von uns nicht wirklich autonom sind in ihrem Konsumverhalten, sondern sich vielmehr wie dressierte kleine Süchtige verhalten, die ständig mit Neuem angefüttert werden wollen, um bloß weiter als möglichst geistloser Konsument zu funktionieren.

Dass bei uns keineswegs, wie immer selbstverständlich angenommen, die Nachfrage das Angebot bestimmt, sondern es vielmehr genau umgekehrt ist, habe ich ja vor etwa eineinhalb Jahren schon einmal in einem Artikel dargestellt. Nun nimmt dies allerdings zunehmend deutlichere und teilweise absurdere Ausmaße an, und die meisten Menschen lassen sich vollkommen unkritisch treiben, wobei Ihnen die Folgen und Auswirkungen ihres Konsumverhaltens reichlich egal zu sein scheinen.

Ein paar Beispiele hierfür:

Coffee to go

Bevor es an jeder Ecke Kaffee zum Mitnehmen gab, hatte ich zumindest nicht den Eindruck, dass viele Menschen so was unbedingt hätten haben wollen. In rein monetärer Sicht gibt der Erfolg den Coffee-to-go-Verkäufern natürlich schon recht, allerdings ist das auch ein sehr gutes Beispiel für vollkommene Gedankenlosigkeit, denn dafür muss man sich nur mal diesen etwa fünfminütigen Beitrag der BR-Sendung quer anschauen, in dem aufgezeigt wird, welche Unmengen von Müll allein in Deutschland durch Coffee to go verursacht werden: 2,8 Milliarden (!!!) Becher im Jahr! Und wofür? Kaffee zum Mitnehmen ist nun nichts, was unbedingt lebenswichtig ist, denn der für passionierte Kaffeetrinker schon ein gutes Stück Lebensqualität bedeutende Trunk kann ja nun auch in anderer Form als aus einem Papp-Plastik-Becher beim Rumlaufen genossen werden. Es geht also um reine Zeitersparnis und teilweise auch Bequemlichkeit, wenn man zum Beispiel seinen Kaffee lieber irgendwo draußen als im Kaffee trinken möchte. Und dafür wird dann in Kauf genommen, Energie in großem Maße für die Herstellung dieser Becher zu verschleudern und einen Riesenberg an Abfall zu produzieren. Darüber macht sich allerdings kaum jemand, der seinen Coffee to go kauft, Gedanken, wie es scheint.

Smartphones

Zu Smartphones hab ich ja neulich schon mal einen ausführlichen Artikel geschrieben, aber dennoch soll hier kurz darauf verwiesen werden. Die Dinger sind schließlich komplett aus dem Nichts aufgetaucht und konnten sich innerhalb von wenigen Jahren einen Platz im Alltag vieler Menschen erobern, dass sie als unentbehrlich angesehen werden. Hier wurde ein Bedürfnis künstlich erzeugt und verbreitet, nämlich überall und immer ins Internet gehen zu können, was vorher vielleicht nur bei ein paar Nerds vorhanden war – und die meisten springen komplett darauf an. Dazu kommt: Es muss oft das neuste Smartphone sein, die Dinger werden also ersetzt, obwohl sie noch prima funktionieren – perfekt für die Hersteller, wenn der Benutzer sich ein neues Gerät nicht kauft, weil sein altes kaputt ist, sondern weil ihm gesagt wird, dass er sich ein neues zu kaufen hat. Die negativen Auswirkungen auf Intellekt und Sozialverhalten genauso wie die diversen problematischen Umstände bei der Herstellung der Smartphones habe ich ja im oben verlinkten Artikel schon hinreichend beschrieben, und auch hier ist es wie beim Coffee to go: Den meisten ist das schlichtweg egal. Konsumgier schlägt Verstand.

SUVs

Eine weitere Sache, die erst seit einigen Jahren größere Verbreitung findet, sind SUVs. Eigentlich sollte man meinen, dass ein gewisser gesellschaftlicher Konsens besteht, Energie zu sparen und möglichst schonend mit Ressourcen umzugehen, denn da war doch schließlich so was Unangenehmes wie der Klimawandel, oder? Und in einigen Bereichen klappt das ja auch, wenn energiesparende Elektrogeräte gekauft und wiederaufladbare Akkus statt Batterien verwendet werden oder zu einem Ökostrom-Anbieter gewechselt wird. Und dann tauchen da auf einmal überall diese klobigen Pseudo-Geländewagen auf, die zwei Tonnen oder mehr wiegen und entsprechend nicht nur bei der Herstellung viele Ressourcen verbrauchen, sondern auch ihrem Gewicht entsprechend viel Sprit fressen. Eigentlich hinreichend absurd, solche Kisten zu fahren, oder? Und doch sind SUVs ein großer Erfolg und werden mittlerweile von nahezu jedem Autohersteller angeboten. Man sitzt ja so schön hoch und hat einen tollen Überblick, und absurderweise scheinen diese klumpen Fahrzeuge auch für viele ästhetisch ansprechend zu sein. Auch hier macht der Konsument brav Männchen vor den Marketingstrategen und spurt so, wie er soll – ebenfalls ohne sich Gedanken über die Schädlichkeit seines wenig nachhaltigen Konsums zu machen.

Und so könnte man noch einige weitere Produkte aufzählen, die uns in den letzten Jahren intensiviert vorgesetzt wurden und deren gesamtgesellschaftlicher Nutzen (spätestens in die globalen Betrachtung) eher fragwürdig ist, z. B. Kaffeekapseln, gebleichte Vintage-Jeans  oder Energy-Drinks. Aber ich denke mal, es ist schon an diesen drei Beispielen klar geworden, worauf ich hinauswill.

Alles muss sich ändern

Darüber hinaus ist noch ein weiteres Phänomen zu beobachten: Es scheint kaum mehr möglich zu sein, einen Zustand für sich selbst als passend und ausreichend zu erkennen und diesen dann beibehalten zu wollen, da ständig Neuerungen und weitere Konsummöglichkeiten auf einen einprasseln und dazu verführen sollen, doch Dinge zu ändern durch weiteren Konsum, die man bei einem innehaltenden Nachdenken vielleicht gar nicht ändern möchte. Einen Artikel, der die Konsequenzen hiervon sehr gut darstellt, habe ich vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Darin beschreibt ein Musikliebhaber, wie ihm seine Liebe zur Musik abhandengekommen ist durch die Digitalisierung seiner Musiksammlung: Früher, als noch Vinyl sein Hauptmedium war, kannte er alle seine Musik, nahm Mixtapes für Freunde auf und sah Musik als etwas sehr Wichtiges an. Da er jeden Medienwechsel mitgemacht hat, ist er nun bei Streaming-Dienste wie Spotify angelangt – und hat die Liebe zur Musik verloren, da diese etwas Beiläufiges, Beliebiges für ihn bekommen hat.

Als ich diesen Bericht las, war ich froh, dass ich für mich meine idealen Musikmedien gefunden habe, nämlich Vinyl und CD (der iPod ist nur für unterwegs). Dass ich die Tapes irgendwann mal aussortieren und ersetzen konnte, stört mich nicht wirklich. Die waren zwar damals super und vor allem günstig, als ich als Schüler oder Student wenig Geld hatte, aber sowohl in der Bedienung als auch vom Sound her waren die schon eher immer ein Kompromiss. Nun hoffe ich, dass ich auch zukünftig weiterhin Abspielgeräte für meine Medien bekomme und diese nicht irgendwann wegen Unrentabilität eingestellt werden …

Die Sache mit der Verantwortung …

Doch zurück zu den schädlichen Folgen von Produkten. Bei einer weiteren technischen Erneuerung der letzten Jahre wurde mir neulich klar, dass selbst Dinge, die erst mal nach einer guten Sache klingen, schnell korrumpiert werden, wenn Menschen auf unverantwortliche Weise damit Geld verdienen wollen: Es gibt mittlerweile Designer, die Bauteile für Waffen entwickeln, die man auf 3-D-Druckern ausdrucken kann. Für mich hört der Spaß da dann auf, denn eigentlich finde ich es durchaus sinnvoll, dass man sich bei uns nicht einfach so Waffen kaufen kann. Wenn sich nun jeder Hans und Franz seine Waffe quasi aus dem Internet runterladen und dann zu Hause zusammenbasteln kann, dann wird die Unverantwortlichkeit von Herstellern von Konsumgütern schon reichlich auf die Spitze getrieben, oder?

Aber Verantwortung wird halt der kapitalistischen Logik untergeordnet, dass nur derjenige für das System sinnvoll ist, der gerade entweder produziert oder konsumiert. Und als Konsumenten werden wir tatsächlich alle auch gebraucht, als Produzenten mittlerweile oftmals nur noch in dem Sinne, dass die Tätigkeit einem zumindest die Mittel bereitstellen muss, damit man wenigstens noch Billigramsch aus dem Discounter konsumieren kann und über permanentes Onlinesein Inhalte konsumiert und seine Daten preisgibt.

Konsum als eigentlich wichtiger Einflussfaktor

Der Konsum wurde den Konsumenten in den letzten Jahren zunehmend aus der Hand genommen, der mündige, autonome Käufer wurde weitgehend abgelöst durch eine Art Schlafwandler, der nimmt, was ihm vorgesetzt wird (und was er sich gerade noch leisten kann). Dabei ist Konsum in einer kapitalistischen Wirtschaft ein Instrument, um ordentlich Einfluss ausüben zu können: Unternehmen, die gegen soziale oder ökologische Standards verstoßen, können durch die Konsumenten abgestraft werden, genauso wie Firmen, die minderwertige Waren herstellen. Dieses Machtinstrument war natürlich auch den Produzenten schon lange bewusst, und da gerade große transnationale Konzerne gern mal ein Verhalten an den Tag legen, was eigentlich vom Konsumenten sanktioniert werden müsste, haben die Marketingabteilungen alles drangesetzt, die Ware von etwaigen ethischen Gesichtspunkten zu entkoppeln. Dies gelingt am einfachsten, wenn man sich Konsum-Junkies heranzieht – was leider in weiten Teilen schon sehr gut funktioniert hat.

Die Folge davon ist: Wir steuern nicht mehr über unseren Konsum, sondern werden darüber gesteuert. Dabei geben wir einen guten Teil der Autonomie unseres Handelns auf – netter Nebeneffekt für die Politik: Die Hörigkeit der Untertanen steigt im gleichen Maße, wie deren Handlungsautonomie abnimmt.

Weg mit der Autonomie!

Und so ist es dann auch möglich, dass Volk mit Belustigungen ruhigzustellen, was ja schon die alten Römer mit ihrem Brot-und-Spiele-Prinzip wussten. Das können wir ja alle beobachten bei den zahlreichen Events, die immer mehr aufgeblasen und medial inszeniert werden. „Waffenlieferungen in Krisengebiete? Also wirklich, das ist doch das Letzte, da müsste man doch … oh, Dschungelcamp fängt an …“

Eine weitere Ausprägung der Autonomiereduktion: Viele Menschen setzen immer mehr Vertrauen in die Verlässlichkeit von Sachen, für die sie Geld ausgegeben haben, als in die eigene Achtsamkeit. Ein paar Beispiele: Der Fahrradfahrer, der mit einem Fahrradhelm auf dem Kopf bei Rot einfach so über die Ampel fährt, ohne sich um den restlichen Verkehr (der unter Umständen deutlich stärker als er selbst ist) zu kümmern. Oder der Autofahrer, der sich über seine zahlreichen Assistenzsysteme im Auto freut, aber dann beim Fahren lieber aufs Smartphone glotzt, als die Straße im Blick hat.

Konsum macht nicht glücklich

Wenn nun alles Menschen wenigstens als Konsum-Junkies glücklich wären, dann würden die negativen Folgen ja deutlich leichter hinzunehmen sein. Doch leider ist genau das Gegenteil der Fall, wie nicht nur ein schon öfter hier auf unterströmt verlinkter, aber immer wieder sehenswerter Vortrag von Prof. Gerald Hüther zeigt. Auch Tim Jackson, Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität Surrey in England, behauptet in seinen Büchern oder auch in einem Interview mit der Berner Zeitung: „Wer weniger konsumiert, hat mehr Spaß!“

Es könnte also nicht nur für die Umwelt oder Menschen in anderen Ländern, die in Fabrikhöllen oder sklavenähnlichen Verhältnissen für uns schuften, sinnvoll sein, sich seine Konsumautonomie zurückzuerobern, sondern auch für einen selbst. Das ist bei der dauernden Präsenz von Werbung und unserem auf Statussymbole und Angeberei fixierten Zeitgeist nicht ganz einfach, aber ein paar Fragen, die man sich stellen kann, bevor man etwas kauft, können dabei sehr hilfreich sein:

  • Brauche ich das wirklich?
  • Macht es mich glücklicher, das zu besitzen?
  • Habe ich noch nichts Adäquates, was dessen Funktion erfüllt?

Wenn man diese Fragen mit Nein beantwortet und somit zum Kauf tendiert, sollte man sich noch eine letzte Frage stellen:

  • Weiß ich, wie das hergestellt wurde und wieder entsorgt wird, und ist das für mich o. k. – oder will ich das lieber gar nicht wissen?

Dogmatismus ist dabei natürlich nicht angesagt und auch wenig zielführend, aber ein wenig mehr Achtsamkeit und Bewusstheit kann schon sehr dabei helfen, sich vom Konsum-Junkie wieder in den mündigen Konsumenten zurückzuverwandeln. Und den braucht es heute mehr denn je.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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