Eklat auf der Frankfurter Buchmesse

Auf der Frankfurter Buchmesse kam es zu turbulenten Szene, als der rechte Antaios-Verlag auf einer Bühne neurechte Ikonen wie Bernd Höcke (AfD), Akif Pirincci sowie Martin Sellner und Mario Müller von der Identitären Bewegung präsentierte. Es gab Gegendemonstranten, die lautstark dazwischenriefen, es kam zu Tumulten und Rangeleien, schließlich musste die Veranstaltung abgebrochen werden – was für unwürdige Zustände für einen Ort wie eine Buchmesse!

Über den Hergang des Geschehens gibt es unterschiedliche Berichte, die vor allem von der individuellen Sichtweise der Berichtenden geprägt sind (dies wird in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben). Es lag also eine sehr unübersichtliche Situation vor, in der zudem viele Meldungen spontan per Social Media über Twitter und Co. rausgingen, die dann teilweise weitergetragen wurden, obwohl sie nicht korrekt waren – was einen in so einem aufgeheizten Durcheinander allerdings auch nicht verwundern sollte.

Im Vorfeld dieser Veranstaltung gab es wohl schon Sachbeschädigungen am Stand vom Antaios-Verlag, allerdings wurde bei einer Veranstaltung der rechten Zeitschrift Junge Freiheit am vergangenen Freitag der Verleger des Musikverlags Trikont Achim Berger nach einem Zwischenruf von einem rechten Zuschauer ins Gesicht geschlagen und dabei nicht unerheblich verletzt (wie ein Artikel der Frankfurter Neuen Presse berichtet). Zudem beklagt Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung, die einen Stand in unmittelbarer Nähe zu dem vom Antaios-Verlag hatte, in einem Interview mit der taz:

Unsere Kollegen am Stand wurden angepöbelt, beschimpft und geschubst. Es war zum Teil körperlich bedrohlich.

Auf der Facebook-Seite der Amadeu Antonio Stiftung findet sich Folgender Bericht von der Messe:

Ein erstes Fazit der Frankfurter Buchmesse: Hinter uns liegen fünf belastende Tage in aufgeheizter Stimmung. Es hat sich gezeigt, was passiert, wenn man der Neuen Rechten einen Raum bietet – sie versuchen ihn mit allen Mitteln zu besetzen. Mehrfach drängten sich Vertreter_innen in laufende Interviews, um das Wort zu ergreifen. Sie inszenierten sich permanent als Opfer einer vermeintlichen Einschränkung der Meinungsfreiheit. Sie selbst nahmen sich das Recht heraus, Veranstaltungen zu stören und unseren Stand zu belagern. Regten sich dann aber ausgiebig auf, als es Proteste gegen ihre Lesungen gab. Nachdem am Samstag Abend eine Lesung des Verlags Antaios nach Handgreiflichkeiten abgebrochen wurde, riss die Neue Rechte erneut das Mikro an sich und feierte sich als Sieger – die Selbstinszenierung fand ihren Höhepunkt. Am nächsten Tag versuchten zwei Vertreter_innen des Verlags uns für die Gegenproteste verantwortlich zu machen und sponnen sich wieder ihr Weltbild zurecht. Nicht zuletzt muss betont werden: Es kam auf dieser Buchmesse wiederholt zu Vorfällen rechter Gewalt. Im Umfeld der Neuen Rechten versammelten sich in Frankfurt nicht nur Vertreter_innen der Identitären Bewegung, sondern auch der Kameradschaftsszene und einschlägig bekannte Neonazis. Für diese Szene wurde die Buchmesse zum Event. Wir haben wiederholt gehört, dass sich Menschen auf dieser Buchmesse nicht mehr sicher gefühlt haben. Es wurden Pressevertreter_innen angegriffen. Und auch wir haben über mehrere Tage eine deutliche Bedrohungssituation erlebt. Wir halten an unserer Meinung fest: gerade eine Buchmesse muss der Ort sein, wo kontroverse Meinungen ihren Platz haben sollen. Aber es ist eine Sache, rechte Verlage ausstellen zu lassen. Wenn eine Buchmesse jedoch zum Tummelplatz von Rechtsextremen wird, die sich hier unantastbar fühlen und den Raum besetzen, ist mehr als nur Empörung geboten.

Und auch der Bericht, den die Journalistin Kathrin Weßling als Augenzeugin auf ihrer Facebook-Seite veröffentlich hat, geht in eine ähnliche Richtung:

Heute auf der FBM Gewalt von rechts gegen völlig friedliche Demonstranten – die Polizei unternahm nix, führte die Demonstranten nur ab, keine Konsequenzen für Rechte.

Ich wurde beschimpft und beleidigt von Rechten aus dem Nichts, sie liefen hinter mir her, beobachteten, was ich schrieb, waren extrem aggressiv.

Gegendemonstranten wurden als psychisch krank bezeichnet von Pirinççi. Demonstranten wurden angegriffen von Rechten und dann abgeschottet von der Polizei.

Die Polizei verweigerte mir den Zutritt nach Auflösung der Demo zum Gelände (meine Sachen und Begleitung waren noch drinnen) trotz Hinweis auf meine Pressetätigkeit und Ausstellerausweis. Begründung: Ich hätte bei den Demonstranten gestanden, man habe mich „gesehen“.

Was ich heute erlebt und gesehen habe, hat mich sehr traurig und wütend gemacht. Rechte werden von der Polizei geschützt, Demonstranten mundtot gemacht, eingeschüchtert, bedroht.

Ich habe alles live gestreamt, aber gelöscht, weil zu viele Gegendemonstranten zu erkennen sind und das im Hinblick auf rechte Gewalt / Vergeltung ein zu großes Risiko darstellt. Falls jemand Beweismaterial braucht: ich habe alle Videos gesichert. Einfach melden.

FUCK AFD.

Angesichts solcher Vorfälle und typisch rechten Einschüchterungsverhaltens war die Atmosphäre natürlich schon mal reichlich aufgeheizt. Dass sich dann allerdings diejenigen, die gegen die Rechtsaußenparade des Antaios-Verlags demonstrierten, dazu hinreißen ließen, mit Geschrei und Getöse diese Veranstaltung zu stören, mag auf den ersten Blick zwar verständlich erscheinen, nährt aber letztlich nur den Opfermythos, den sich die Rechten so wieder ans Revers heften konnten, wie ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung feststellt.

Wobei sich dann natürlich auch die Frage stellt, wie man den Protest sonst hätte gestalten sollen – und darauf habe ich, ehrlich gesagt, gerade auch keine Antwort …

So haben vor allem die Rechten die Veranstaltung in ihrem Sinne choreografieren können, wie ein Artikel in der Frankfurter Rundschau beschreibt. Und selbstverständlich fühlen sich diese nun auch als „Sieger“ und komplett im Recht – was für ein Desaster für den Veranstalter der Frankfurter Buchmesse.

Dieser muss sich vor allem meiner Ansicht nach einige Vorwürfe gefallen lassen. Schließlich war es doch klar, dass es auf einer Veranstaltung wie der Buchmesse zu Protesten und demzufolge auch zu Tumulten kommen würde, wenn man derartige Rechtsaußenverlage einlädt und ihnen eine Bühne bietet, um mit illustren Gästen ihre Menschenverachtung zelebrieren zu können. Und es hätte auch klar sein müssen, dass man denen so auch eine tolle Gelegenheit bietet, um weiter an ihrem Opfermythos zu spinnen, dass sie eben keiner lieb hat und die Linken alle so bös zu ihnen sind – das übliche rechte Waschlappengejammer halt, was dann ja auch prompt im Übermaß zu vernehmen war.

Darüber hinaus hätte auch noch klar sein müssen, dass Rechtsextreme einen Hang zur Gewalt haben, sodass die Eskalation nichts Überraschendes ist. Zumal man ja auch wissen kann, dass Rechte Gewalt mittlerweile ziemlich hemmungslos ausüben, da sie hinterher in großen Massen soziale Medien und Kommentarspalten fluten, um zu verbreiten, dass das ja alles gar nicht wahr sei, das mit der Gewalt, also eben Lügenpresse und so …

Und daher frage ich mich gerade also vor allem: Sind die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse nun so hemmungslos naiv gewesen oder haben sie diese skandalträchtige Eskalation einkalkuliert? Immerhin hat ihre Messe so ja nun ordentlich Publicity bekommen …

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass die Gegendemonstranten nahezu überall als „Linke“ bezeichnet werden, sodass hier die Sprache und die Erzählung der Rechten übernommen wird. Sollte es nicht vielmehr normal sein, gegen rechtes Gedankengut und dessen öffentliche Präsentation zu sein und sich auch entsprechend zu positionieren? Alle Parteien distanzieren sich (noch) von der AfD, aber wenn es dann gegen die Verbreitung von deren Gedankengut geht, dann sind das immer nur „Linke“, die sich dort artikulieren? Auf diese Weise können sich viele Medienrezipienten in die Zuschauerrolle zurückziehen: Das sind ja Linke, die Rabatz machen, was hat das mit mir zu tun? Würde man bei den Gegendemonstranten beispielsweise von Verfechtern von Demokratie und Rechtsstaat sprechen, dann wäre das nicht ganz so einfach …

Und so geht es immer weiter voran in die Zwickmühle: Grenzt man Rechte und Rechtsextreme konsequent aus, dann hilft man ihnen, ihre Opferlegende weiterzuspinnen, sucht man in irgendeiner Form den Dialog mit ihnen, dann diktieren sie dessen Richtung augenblicklich mit ihrem kruden und primitiven Diskursverhalten, was im Zweifel eben auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Dass von Parteien und Medien der sogenannten Mitte in den letzten Jahren rechtsextreme Positionen wieder salonfähig gemacht wurden (s. dazu hier), war von Anfang an ein Spiel mit dem Feuer – nun wird langsam, aber sicher immer deutlicher, wie gefährlich das Ganze ist und wie schwierig es sein wird, das Kind wieder aus dem Brunnen herauszubekommen …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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