Soft Skills oder Geschmacklosigkeit: Social-Bee

„Was für eine neoliberale, ausbeuterische Dreckskampagne ist das nun wieder?“, war wohl meine erste Reaktion. Da werden auf Plakaten und dem Internetauftritt employ-refugees.de geflüchtete Menschen als besonders belastbare Ware für den Arbeitsmarkt angepriesen! Die sogenannten „Soft Skills“ (gemeint sind damit persönliche soziale und methodische Kompetenzen fernab der beruflichen Qualifikation) werden bei Social-Bee als positive Eigenschaften am Arbeitsmarkt hervorgetan. Aber in welchen Jobs sind Fähigkeiten gefragt wie tagelanges Hungern oder sich mit 85 Menschen auf einem Schlauchboot über das Mittelmeer zu quälen? Oder mehrtägige Verhöre? Für welchen Markt möchte ich diese Menschen attraktiv machen, wenn nicht für den Niedriglohnbereich? Wäre ein Eintreten für die Anerkennung von absolvierten Ausbildungen und bereits gesammelter Berufserfahrung nicht eine würdigere und nachhaltigere Maßnahme, anstatt Mensch wie Vieh anzupreisen? Und verrät der Name „Bee“ nicht auch gleich, dass die Flüchtlinge (anstatt eben anzukommen und ihre Traumata aufzuarbeiten) wie die fleißigen Bienchen ihre Arbeit schweigend und rastlos erledigen werden? Ich warte noch auf den Preis pro Kilo, um die Ware angemessen zu bewerben.

So strahlt dann auch der Operations Manager von Foodora: Mehrere Arbeitswillige konnte Social Bee auf diese Weise zum Beispiel an den Essenlieferservice Foodora vermitteln. Wenn ich lese, dass von 47 Flüchtlingen elf das Programm „erfolgreich durchlaufen“ haben, dann sehe ich also einen Großteil des Erfolgs in der Vermittlung an einen Essenslieferanten (der weder eine langfristige Perspektive noch eine nachhaltige Ausbildung voraussetzt, es sei denn, die Teilnehmer wurden ins Controlling oder ins Management integriert, was ich irgendwie bezweifle).

Generell ist die gezielte Förderung und Weiterbildung von Flüchtlingen für eine gelungene Integration nicht nur ein ehrenhaftes Engagement, sondern unentbehrliche Voraussetzung. Das ist die Aufgabe des Bundes und seiner Einrichtungen. Ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen kann nicht das soziale Engagement vor die betriebswirtschaftlichen Interessen stellen (es sei denn, es ist auf staatliche Hilfen angewiesen, so wie unsere Banken, wenn sie sich mal wieder verzockt haben). Um dem Ganzen noch etwas Positives abzugewinnen, wie heißt es so schön: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“

Das Thema wird auch auf der Facebook-Seite des Unternehmens sehr polarisierend kommentiert. Dort kann man auch ohne eigenes Facebook-Profil mal durch die Kommentare stöbern und sich selbst ein „Bild vom Meinungsbild“ machen und vielleicht auch noch weitestgehend unberücksichtigte Standpunkte erfahren.

Hier noch ein Link auf einen passenden TV-Beitrag im SWR aus diesem noch frischen Jahr: planetwissen vom 8. 1. 2018 zum Thema „Die Ware Mensch – von Ausbeutung und moderner Sklaverein“ (58 Minuten).

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