Politik als Mittel zur Selbstdarstellung

Manche Dinge lassen sich in ihrem zeitlichen Verlauf schwer beurteilen, da man selbst ja eine Entwicklung durchmacht (vom Kind zum Teenager zum Erwachsenen, wenn es gut läuft). Daher ist es gängig, dass „früher alles besser war“, obgleich vieles heute besser ist (aber eben sicher nicht alles und für jeden). Gerade in Sachen Politik habe ich mich in jungen Jahren weniger für die Personen als für die vertretene Meinung interessiert. Trotzdem spielten Sympathien und Aversionen sicher auch da schon eine Rolle.

Diese Woche lief ein achtminütiger Beitrag bei Frontal21 (ZDF) zum Thema „Russlanddeutsche – neue Heimat AfD“. Es geht um das „Einfangen von Wählerstimmen“ und wenig um die Vermittlung der eigenen, politischen Ziele. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Zuwanderer Stimmung gegen Zuwanderung machen und dabei (wie scheinbar so viele andere) sämtliche negativen Auswirkungen dieser Politik ausblenden? Ist es der hier mal geschilderte komplette Realitätsverlust? Oder geht es in dem oben verlinkten Beitrag vielleicht bei den Wählern nicht weniger um Selbstdarstellung, als bei den politischen Akteuren (fast aller Couleur)?

 

Die wählenden Darsteller

Eigentlich sollte es hier nur um die politischen Akteure gehen, aber immer mehr fällt mir auf, wie wenig das Wahlverhalten mit der politischen Einstellung zu tun hat. Wer eine SPD wählt, weil er sich eine sozialdemokratische Politik wünscht, der hat sich genauso wenig mit dem gelebten Parteiprogramm beschäftigt (Agenda 2010? Privatrente?) wie der verängstigte Mittelständer und AfD-Wähler mit deren gelebtem Parteiprogramm (Rente? Krankenversicherung? Meinungsfreiheit? Steuergerechtigkeit?). Auch für sogenannte Linke gibt es ja kaum etwas Schlimmeres, als nicht im Herdentrieb jeder noch so utopischen Idee hinterherzujagen, wenn der revolutionäre Mainstream und das persönliche Umfeld es verlangen (Unbegrenzte Zuwanderung?). So auch ich gelegentlich. ;)

 

Die zu wählenden Darsteller

Ein gerade hier auf unterströmt erschienener Beitrag beschreibt es mit der SPD: Die Erneuerung ist abgeschlossen, denn sie hat nie wirklich begonnen. Die Transformation der Politik zu einer Castingshow ist fast abgeschlossen: Die politischen Akteure wechseln ihre Meinung je nach Umfragewerte und Beliebtheit von Themen, sie beschäftigen die Jungen ihrer Partei mit der permanenten Befeuerung der (un)sozialen Medien, und der einzige politische Kampf ist der um einen Posten in einem der Ministerien. Es wird an allen Ufern nach (undifferenziertem) Zuspruch gefischt, und kaum jemand ist sich zu schade für eine wie auch immer geartete Koalition, solange ein persönlicher Vorteil daraus resultiert. Zu gern würde ich wissen, aus welchen egomanen Gründen Christian Lindner (FDP) die Koalitionsverhandlungen hingeschmissen hat – es war wohl kein Ministerposten in Aussicht gestellt worden.

Die politische Linie wird schon seit Langem von Konzernen und deren Lobbyisten vorgegeben, gerade in den verkrusteten Strukturen der Ministerien, wo die Politiker kaum mehr sind als Verkünder oder Pressesprecher. Auch sie leiden wahrscheinlich unter dem Dauerstress unserer modernen (Un-)Informationsgesellschaft und halten sich an jedem Halm fest, der ihnen gereicht wird. Und darauf zielt eben auch deshalb ihr Verhalten ab: ein möglichst effizienter und auffälliger Vorturner zu sein, um von einem Ministeramt ins nächste, von einer Talkshow zur nächsten, von einem Vorstandsposten in der freien Wirtschaft zum anderen zu gelangen. Getreu dem neoliberalen Kurs: „Was zählt, bin ich!“ Dabei ist eine eigene Meinung nicht mehr als ein störender Faktor.

 

Die Qual der Darstellung

Aus meiner Sicht laufen hier einige Entwicklungen zusammen, die diesen Umstand begünstigen: Zum einen ist das politische System in seiner derzeitigen Form darauf ausgelegt, dass auf ihrem Sachgebiet unerfahrene Minister durch die Ministerien gereicht werden. So können die bestehenden Strukturen in den Ministerien einen Großteil ihrer Arbeit unverändert weiterführen, wie es über die Jahre durch die massive Zuarbeit der Lobbyisten und Verbände etabliert wurde (es ist ja auch schön bequem Gutachten, Gesetze und Umfragewerte von anderen erheben und entwickeln zu lassen, während mach sich zu einem geselligen Essen mit verbalem Interessenaustausch im Vier Jahreszeiten trifft … schade, dass dies eher von Konzernen als vom Bürgertum arrangiert wird).

Dann haben wir da den anerzogenen Drang zur Selbstdarstellung, der beim politischen Establishment scheinbar nicht weniger ausgeprägt ist als bei Schauspielern, denen die Selbstdarstellung in vielen Fällen auch mehr am Herzen liegt als eine eigene Meinung mit Hang zur Selbstkritik und -reflexion. Es scheint also mittlerweile wichtiger, etwas Prominentes oder Provokatives zu „posten“, als eine Meinung über einen längeren Zeitraum zu erarbeiten und dann auch zu vertreten. Selbstoptimierung nicht im Sinne einer Entwicklung der Persönlichkeit, sondern im Sinne der Entwicklung eines Selbstbildes für die Öffentlichkeit. Tritt man einen Schritt zurück, wird die Kurzlebigkeit dieser Selbstdarstellung in Zeiten des Informationsüberflusses klar, aber diese Zeit scheint sich kaum einer nehmen zu wollen oder zu können.

 

Das wirft mich zurück auf mich selbst, denn ich schreibe mit an einem Blog und nehme damit auch bewusst Einfluss auf das Bild, was „die Öffentlichkeit“ von mir hat. Wenn ich nun einmal ausblende, dass ich keinen der (un)sozialen Medien folge (Facebook, Instagram, Twitter …) und auch keinerlei finanziellen Vorteil für mich zu erwarten habe (denn wir schalten ja nicht einmal Werbung hier auf unterströmt), dann bleibt noch, das soziale Umfeld zu beeindrucken … allerdings liest praktisch keiner meiner Bekannten, Verwandten und Freunde diesen Blog. Es wäre also aus meiner Sicht ein quasi revolutionärer (Rück-)Schritt, wenn politische Meinung auf der eigenen, selbst erarbeiteten und erdachten Meinung fußt anstatt auf der Aufmerksamkeit durch Dritte. Da war vielleicht früher einmal wirklich etwas besser …

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

One thought to “Politik als Mittel zur Selbstdarstellung”

  1. Manchmal hilft ein wenig mehr öffentliche Wahrnehmung, zumindest zur Unterhaltung und Bestätigung des eigenen verzerrten Weltbildes. Es sollte mehr Material zum realen Verhalten der politischen Interessenvertreter geben (siehe Berlusconi HIER und HIER). Vielleicht sind auf diese Weise auch die (un)sozialen Medien eine Hilfe bei der Rückbesinnung auf das eigene Tun.

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