Smartphones, die digitalisierte Form der Großstadt

Ein Smartphone ist ein nützliches Werkzeug für viele Dinge: Es zeigt uns unsere Position und den Weg zu einem Ziel, hilft bei der Organisation von Terminen und anderen Informationen, und man kann sogar damit telefonieren! Was es aus meiner Sicht nicht sein kann: sozial. Auch wenn die Vernetzung die Welt kleiner macht (Informationen aus jedem Winkel der Welt können fast in Echtzeit abgerufen werden), so verlieren viele den Bezug zum direkten Umfeld. Die Werkzeuge hierfür sind unterschiedlich:

  • Abschottung durch permanente Musikzufuhr (Walkman)
  • Dauerkonsum von Filmen, Videos oder Bildern (YouTube, Instagram …)
  • Spiele, Rätsel und Denksport (Sudoku)
  • Orientierung (Smartphone statt fragen)
  • Informationsbeschaffung während eines persönlichen Gespräches

Gerade der letzte Punkt ist eine der unsozialsten Gesten, die es früher so nicht gab. Klar, auch früher saßen viele in der Bahn und lasen ihre Zeitung oder ein Buch. Dass ich aber mitten in einer Unterhaltung mein Smartphone herausziehe, um zu recherchieren, wie dieser Schauspieler oder Film hieß, jenes die Hauptstadt von irgendeinem Land ist oder Angelina Jolie das x-te Kind adoptiert hat, das ist erst mit dem Smartphone und dem Internet aufgekommen. Gerade in meinem Umfeld merken die Leute es selbst nicht, wie häufig sie das Smartphone für solche Belanglosigkeiten zücken.

Die sogenannten „sozialen Medien“ fehlen in der Aufstellung oben komplett, da diese mit dem Leben in einer Großstadt korrespondieren und Kern dieses Beitrags sind. Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen, welches seit seiner frühsten Geschichte in Gruppen lebt (natürlich gibt es sogenannte Einzelgänger, die aber auch selten ohne die Zuarbeit anderer existieren). Ich habe also ein überschaubares Umfeld, mit dem ich Ressourcen und kulturelle Handlungen teile. Die Pervertierung dieser Lebensweise begann vor vielen Jahrhunderten mit den Großstädten: Ich kenne meine Nachbarn nicht mehr persönlich, und Menschen werden zu Objekten, die eine Funktion erfüllen (der Verkäufer, die Polizistin oder die Obdachlosen).

Diese Entwicklung hat in meinen Augen jetzt ein Äquivalent durch das Smartphone erhalten: Man hat Kontakt zu Menschen, muss sich aber nicht mit diesen auseinandersetzen, und die Kontakte sind größtenteils unverbindlich und austauschbar (selektiertes Beantworten und Nichtbeantworten von Posts, Tweets und Nachrichten, Ignorieren und Sperren von Benutzern, „Freunde“ durch ausgewählte Filter suchen etc.).

Wir finden Mittel und Wege, mit dem unsäglichen Zustand umzugehen, aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, als würden wir vom Smartphone oder vom unkontrollierbaren Funktionieren der Großstadt gelenkt. Die Kontrolle ist abgegeben, und im besten Fall schützt uns das Smartphone vor all dem Geschehen, indem es uns selbst zu einem Teil dieses unkontrollierbaren Systems macht. Das abstrakte Bild unserer unpersönlichen Umwelt bildet sich auf einem 5-Zoll-Display für uns ab und bringt die daraus resultierende Anonymität auf den Punkt.

Deshalb kollidiert die derzeitige Realität mit meinem Sozialempfinden und dem Anspruch, Menschen als Menschen wahrzunehmen und zu behandeln, und bringt mich so schnell an meine persönlichen sozialen Grenzen. Ich kann dem unstillbaren Nachschub an Vernetzung und Information nicht mehr Herr werden, weder in der Großstadt noch mit den Möglichkeiten des Smartphones. Klar, kann ich mir die Rosinen rauspicken, und der Rest ist eben Objekt und wird funktional aus meinem Leben ausgeblendet. Aber genau das ist es ja, was mir daran so zu schaffen macht: Ab wie vielen Menschen höre ich auf, sie als Mitmenschen wahrzunehmen (siehe „Aus Mensch wird Masse“)? Und welche Auswirkungen hat es auf meine eigene Entwicklung, wenn ich mir unter all diesen „Objekten“ einfach einen anderen Partner oder Freund suchen kann, wenn es mal anstrengend oder kompliziert wird? Konfliktlos, kritiklos, seelenlos? Wie viel Aufmerksamkeit bekommt eine mürrische Verkäuferin, wenn Sie nur ein Objekt ist anstatt eines Mitmenschen? Kurz: Wie viele Menschen sind gut für den Menschen?

Sicherlich variieren die Qualität und Quantität bei jedem von uns, wie viele wirklich soziale Kontakte man hat und wie intensiv und stabil diese sind. Ich befürchte aber, dass der Trend zu immer größeren Städten (Landflucht) und immer mehr Smartphones (auch in wirtschaftlich schwachen Regionen dieser Erde) anhält und so auch der Teil der Menschheit dem unsozialen Verhalten ausgesetzt wird, der bisher noch in intakten Sozialsystemen lebt. Ich möchte die Zeit nicht um Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückdrehen: Es sind nicht die Großstadt oder das Smartphone, die dies mit uns machen, sondern unser unreflektierter und konsumorientierter Umgang damit.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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