Deutschland, ein Land lauter kleiner Machiavellis?

Gute Menschen und schlechte Menschen, nichts mehr dazwischen, jeder sucht sich aus, was ihm passt, teilt den anderen einer Gruppe zu, seiner eigenen, den Guten, oder eben der anderen Gruppe, den Schlechten. Teile und herrsche ist nicht mehr nur den Mächtigen vorbehalten, hat längst Einzug bei uns gefunden, hat die Grautöne vertrieben, alles auf Schwarz und Weiß geschaltet.

Ein Gastbeitrag von Heinz Peglau

Waren es einst die ALG-II-Empfänger, abwertend, bewusst abwertend als Hartzer diffamiert, sind es seit einiger Zeit die Flüchtlinge, insbesondere die jungen männlichen Flüchtlinge, auf die man meint eindreschen zu können, sie in eine Schublade zu schieben, sie zu den Schlechten zu zählen. Beispiele für Fehlverhalten findet man in jeder Gruppe, man muss nur warten können und dies dann medial aufbauschen lassen. Der Zeitgeist tut den Rest.

Nun sind die Türken dazugekommen, die Gut-Türken und die Schlecht-Türken, wie Cem Özdemir, der große „Moralphilosoph“ der Grünen, deutlich gemacht hat, als er den Schlecht-Türken nun gänzlich abspricht, noch hinter der Demokratie zu stehen. Oder nehmen wir die vielen anderen Moralapostel der etablierten Parteien, die ähnliches krudes Zeug nun wieder von sich geben, ihr Gift für die Gesellschaft bereitwillig absondern. Gut ist ein Türke nämlich nur, wenn er gegen Erdogan gestimmt hatte. Schlecht ist er immer, wenn er für diesen gestimmt hatte, denn mit der Stimme für Erdogan hat er ja auch gegen Deutschland gestimmt. Dass 50 % der Türken gar nicht gewählt haben, die es hätten tun können, egal, das interessiert hier nicht. Man hat seinen Büttel gefunden, man kann draufhauen, es lenkt so schön vom eigenen Versagen ab, stabilisiert ein System, welches man ja um Gottes willen nicht zu ändern bereit ist, von dem man ja so schön profitiert – nicht wahr, Cem Özdemir?

Manchmal, heute wieder, frage ich mich: Warum tue ich mir das alles noch an? Warum suche ich mir nicht auch eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft, auf die ich draufhauen kann, an der ich meine Wut auslassen kann? Warum denke ich nicht auch in Schwarz und Weiß, wo Schwarz-weiß-Denken, Populismus halt, derzeit Hochkonjunktur hat, auch bei denen, die sich am meisten über Populismus aufregen derzeit, selbst aber nichts anderes als Populisten sind, wie Özdemir gerade wieder oder die vielen Patriarchen der SPD-Basis, der SPD-Führung, männliche und weibliche, die an ihrem Dogma festhalten, es populistisch wider alle Vernunft und Wissenschaft immer weiter verteidigen? Wann werde ich endlich vernünftig und sehe ein, dass das doch wohl nicht mehr zu ändern sein wird, was ich hier seit Jahren beklage, dass man gegen Populisten nicht mit Vernunft ankommt? Ich scheine nicht anders zu können, vernünftig scheine ich in dieser Frage nicht zu sein, wie auch hier wieder deutlich wird. Also weiter …

Um das deutlich zu sagen, bevor ich weiterschreibe, weil ich nämlich nicht in eine Schublade gehöre, von der ich gerade höre, dass sie nun aufgemacht wird: Ich freue mich nicht über Erdogans Ergebnis, ganz im Gegenteil sind mir dieser Mann und seine islamistische Partei ein Gräuel, hätte ich ihn lieber heute als morgen im politischen Nirwana. Aber so einfach, wie es sich die Populisten hier machen, auch die der etablierten Parteien, will ich es mir nicht machen. Es hat Gründe warum die autoritären Systeme wieder aufkommen, warum sie Oberwasser haben in der Türkei, in Russland, in den USA, in Ungarn, in Polen, warum Populisten in Österreich und nun in Italien regieren, sich selbst im liberalen Skandinavien zunehmend die Rechtspopulisten breitmachen können, lange schon auch dort die liberale Demokratie vor sich hertreiben.

Es liegt nämlich am „Teile und herrsche“ derer, die sich jetzt meinen, wieder über einen Teil der Bevölkerung zu erheben.

Es liegt an den viel zu vielen Özdemirs in unserer Gesellschaft, die man in allen Parteien finden kann, von links bis rechts.

Es liegt an ihrer Unfähigkeit, Gesellschaft zu denken und zu gestalten, weil sie lange schon Gesellschaft mit ökonomischem Output verwechseln, spätestens seit Schröder die SPD geistig und moralisch gewendet hatte und Fischer dies mit seinen Grünen getan hatte.

Welche Dummheit, welche Ignoranz, welcher Kleingeist, den wir dem Neoliberalismus zu verdanken haben, weil im Neoliberalismus nicht der Beste, die Beste die Führung übernimmt, sondern der Angepassteste, die Angepassteste, wie Merkel zeigt, diese Frau ohne Vision, ohne eigene Ideen, wie die vielen kleinen ehemaligen Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, Parteisoldaten und Parteisoldatinnen zeigen, die derzeit als Spitzenpolitiker oder Spitzenpolitikerinnen gehandelt werden.

Spitze sind sie nur in einem: in ihrer Anpassungsfähigkeit. Da macht ihnen niemand etwas vor, das haben sie begriffen, und dafür, nur noch dafür, zolle ich ihnen auch Respekt. Ich hätte nie gedacht, dass der Intellekt der spießbürgerlichen Anpassungsfähigkeit so unterlegen sein könnte, das Aristoteles so recht behalten könnte, eine zunehmend verdummte Mehrheit die klügere Minderheit so unterdrücken könnte wie derzeit.

Es ist also kein Wunder, dass mir die unangepasste Sahra Wagenknecht immer näher rückt, besser gesagt ich ihr immer näher rücke. Angepasst ist sie bestimmt nicht, im Gegenteil sogar. Eine Intellektuelle eben, nicht nur schön, sondern auch mit Köpfchen, was andere längst vermissen lassen, die derzeit dieses Land führen und vor sich hertreiben, es sich unter den Nagel gerissen haben.

Shit happens, könnte man meinen, aber dieser Shit hier stinkt zum Himmel, verwest das Land und Europa und schlimmer noch die Menschen, die hier leben und lieben wollen, die aber immer mehr zum Hass angehalten werden, gerade durch die, die in Gut und Schlecht einteilen, sich ebenso populistisch gebären wie die, die sie Populisten nennen.

Zukunft, mir graust vor dir!

Aber um die Eingangsfrage noch zu beantworten: Ja, ein eindeutiges Ja. Nichts ist mehr tabu, um die eigene Weltsicht durchzusetzen, niemand wird geschont, wenn es nur den eigenen Interessen gilt, jedermann wird instrumentalisiert, um sich zu profilieren. Der Bauch hat den Kopf besiegt!

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